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Der Mensch ist in Biosphärenparks fix integriert © APA (Hochmuth)
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Biosphärenparks: "Schützen durch Nützen"

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23.05.2013
  • Von Mario Wasserfaller / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Vom Großen Walsertal bis zum Neusiedlersee: In Österreich gibt es insgesamt sieben Biosphärenparks, aber oft wissen selbst ihre Bewohner nicht, dass sie in einem solchen Gebiet wohnen und was das genau bedeutet. Wie bei den Nationalparks steht der Naturschutz im Mittelpunkt - allerdings unter Einbeziehung der nachhaltigen Bewirtschaftung durch den Menschen. Warum das Konzept dieses internationalen UNESCO-Prädikates seiner Meinung nach zu Unrecht im Schatten der Nationalpark-Idee steht, erklärte Günter Köck von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Gespräch mit APA-Science.

  • Die Idee hinter den mittlerweile 610 Biosphärenreservaten in 117 Ländern (Stand: September 2012) geht bis in die frühen 1970er Jahre zurück, als die UNESCO das Forschungsprogramm "Man and the Biosphere (MAB)" gründete. Im Kern geht es hier um einen interdisziplinären Ansatz, der neben dem Naturschutz auch ökonomische und demographische Fragen inkludiert. Zunächst standen 14 Großforschungsprojekte im Fokus, seit Mitte der 1990er Jahre fokussiert sich die UNESCO auf das Weltnetz der Biosphärenreservate.

  • Was genau einen Nationalpark von einem Biosphärenpark unterscheidet, das muss Köck als Vizepräsident des Internationalen MAB-Komitees nur zu oft erklären: "Ein Nationalpark ist im Grunde eine Schutzgebietskategorie, die für den Natur- und Wildtierschutz da ist, mit einer Kernzone von mindestens 75 Prozent der Gesamtfläche." Dabei ist der Mensch weitgehend ausgeschlossen. Anders bei einem modernen Biosphärenpark, der drei unterschiedlich geschützte und nutzbare Zonen aufweist.

  • Kernzone von mindestens fünf Prozent

  • Die Kernzone muss in Österreich mindestens fünf Prozent betragen. "Das sind im Idealfall echte Naturschutzgebiete, wo man praktisch nichts tun darf." Rundherum gibt es dann Pufferzonen, in denen nachhaltige Landwirtschaft und auch Freizeitaktivitäten wie Mountainbiken erlaubt sind. Der größte Bereich ist die Entwicklungszone: "Das ist die Zone, in und von der die Menschen leben. Hier erprobt und testet man quasi Modellprojekte, wie Mensch und Natur nachhaltig leben können."

  • Am Beispiel des 2005 gegründeten Biosphärenparks Wienerwald wird die Sinnhaftigkeit unterschiedlich geschützter Zonen rasch ersichtlich. "Der Wienerwald ist eine äußerst wertvolle Kulturlandschaft mit einer hohen Artenvielfalt, die durch den Menschen schon seit Jahrhunderten genutzt wird. Das kann man mit einem Nationalpark nicht schützen, weil der menschliche Eingriff zu stark ist", so Köck. Dafür gebe es die UNESCO-Biosphärenparks, die sich in den vergangenen vierzig Jahren zum "wahrscheinlich modernsten Schutzgebietskonzept" entwickelt haben. "Das Label eignet sich hauptsächlich für den Schutz von Kultur- und Naturlandschaften durch nachhaltige Bewirtschaftung. Also Schützen durch Nützen."

  • Drohende Aberkennung

  • Die derzeit sieben heimischen Biosphärenparks - Gossenköllesee (Tirol, 1977), Gurgler Kamm (Tirol, 1977), Lobau (Wien, 1977), Neusiedler See (Burgenland, 1977), Großes Walsertal (Vorarlberg, 2000), Wienerwald (Wien/Niederösterreich, 2005) und Lungau/Nockberge (Salzburg/Kärnten, 2012) - könnten noch heuer aufgrund der Anwendung neuer UNESCO-Kriterien für diese Reservate dezimiert werden. So steht laut Köck etwa der Gossenköllesee im Tiroler Kühtai, der mit 85 Hektar Gesamtfläche "berühmt-berüchtigte kleinste Biosphärenpark der Welt", auf der Abschussliste der UNESCO (siehe Hintergrund).

  • Das hat historische Gründe. 1995 rückte das MAB-Programm mit der sogenannten Sevilla-Strategie neben der Erforschung der Ökosysteme die Menschen und die nachhaltige Entwicklung stärker in den Mittelpunkt. Im Laufe dieses Jahres werden nun jene Biosphärenparks von der UNESCO-Liste gestrichen, die nicht diesen Kriterien entsprechen. Damit haben der kleine Gebirgssee, aber auch der ebenso in Tirol liegende Gurgler Kamm schlechte Karten, ihren Status als Schutzgebiet zu behalten. Seitens der Universität Innsbruck will man aber versuchen, dagegen anzukämpfen und gegebenenfalls auch ohne UNESCO-Label die Langzeiterforschung alpiner Gewässer und Einzugsgebiete zu erhalten. Ansonsten würden "Begehrlichkeiten der Skilift- und Tourismussparte" drohen, heißt es.

  • Sonderstellung in Sachen Forschung

  • Koordiniert werden die Biosphärenparks vom Österreichischen MAB-Nationalkomitee, das als Bindeglied zwischen internationaler und nationaler Ebene fungiert. Das derzeit unter der Leitung von Georg Grabherr, dem Wissenschafter des Jahres 2012, stehende Gremium an der ÖAW nehme in Sachen Forschung international eine absolute Sonderstellung ein, sagt Köck: "Wir sind das einzige Nationalkomitee der Welt, das eigene Forschungsgelder hat." Mit den derzeit 150.000 Euro, die jährlich seitens des Wissenschaftsministeriums für das MAB-Programm zur Verfügung stehen, könne man "Forschungsdefizite nicht nur erkennen, sondern auch dagegen ankämpfen."

  • Finanzielle Zuwendungen seitens der UNESCO seien übrigens kaum mehr zu erwarten, da die Organisation einen strikten Sparkurs fahren müsse. Man brauche daher die nationale Förderung, die wiederum mit einem UNESCO-Label etwas leichter zu bekommen sei. "Seit 2008 haben wir über 1,3 Mio. Euro in die Biosphärenpark-Forschung gepumpt", so der Biologe, der selbst seit 1997 im Rahmen des Projekts "HighArctic" die Anreicherung von Schwermetallen und organischen Schadstoffen bzw. die Einflüsse von Klimaveränderungen auf Seesaiblinge in der kanadischen Arktis erforscht.

  • Die behandelten Forschungsthemen sind breit gestreut, von biologischer Grundlagenforschung bis zu soziologischen Fragestellungen reicht die Palette. "Ein Vorteil für die Wissenschaft ist, dass man in einem Schutzgebiet zum Beispiel den Klimawandel ein bisschen besser erforschen kann, weil es langfristig geschützt ist." Für die Verwaltung von Biosphärenparks sei auch interessant zu eruieren, wie man die Besucher lenken kann, ohne dass der Wildbestand gestört wird und ob die Bevölkerung eher auf Verbote oder sanfte Lenkung reagiert. In einem anderen Projekt im Wienerwald wiederum wurde untersucht, welche Bedeutung Totholz, also verrottende Bäume für das Ökosystem haben, aber auch, wie viel von diesem Holz man etwa für Pelletsheizungen entnehmen könne, ohne störend einzugreifen.

  • Regionale Unterschiede

  • Der Status "Biosphärenpark" hat in unterschiedlichen Regionen der Welt durchaus unterschiedliche Bedeutungen. Mit der Zuerkennung des Labels habe man im Großen Walsertal den Tourismus ankurbeln und die zunehmende Abwanderung stoppen können. In Ländern mit hohem Bevölkerungsdruck wie etwa in Afrika wolle man damit eher Naturzonen schützen.

  • Nicht überall ist die Bevölkerung gleich gut im Bilde, was es mit dem Biosphärenpark, in dem sie leben, auf sich hat. Wie die Informationen transportiert werden, bleibt dem jeweiligen Parkmanagement überlassen. Köck setzt unter anderem auf niedrigschwellige Bewusstseinsbildung. Das funktioniere ganz gut über die Geschmacksnerven. So wurde 2011 ein Biosphärenpark-Kochbuch herausgegeben, um die Idee stärker zu bewerben. Auch Gastronomiebetriebe seien eingebunden worden, die Gerichte auf der Speisekarte mit der Herkunft aus einem Biosphärenpark kennzeichnen und Kellner dann entsprechend schulen, um den Gästen auf entsprechende Nachfragen antworten zu können. Zusätzlich wurde für die Betriebe ein eigener Folder mit Informationen zu Biosphärenparks aufgelegt. "So haben wir mit wenig Aufwand einen riesigen Multiplikationsfaktor", meint Köck.

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