Dossier

Gewünscht: Mehr Individualisierung und persönlicher Austausch © APA (AFP)
4
Dossier

"Create your UNIverse": Studenten erwarten Weiterentwicklung der Hochschulen

Dossier

22.08.2017
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Studierende erwarten von ihren Hochschulen vieles gleichzeitig: Unter anderem sollen reales und virtuelles Lernen miteinander verschmelzen. Außerdem sollen sowohl kritisches Denken und Hinterfragen von Inhalten gefördert als auch stärkere Berufsorientierung betrieben werden, zeigt eine aktuelle Studie.

  • Für die vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung (Herlitschka sieht bei Hochschulen "sehr viel Potenzial zur Weiterentwicklung") und der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) beauftragte Studie "Create your UNIverse" wurde eine neue Herangehensweise gewählt: Über Crowdsourcing wurde die Erwartungshaltung von Studenten durch fünf breite und offene Fragestellungen erhoben - und zwar nicht über eine Web-Plattform, sondern über Postings in bestehenden Online-Foren und Social Media Communities.

  • Dieses Vorgehen habe sich bewährt: Binnen kurzer Zeit wurde die "enorme Reichweite von 100.000 erreichten Usern" geschafft, betont Gertraud Leimüller von dem mit der Durchführung betrauten Beratungsunternehmen winnovation gegenüber APA-Science. Die Studie sei durch den hohen Rücklauf von 2.042 schriftlichen Beiträgen, verfasst von 754 Teilnehmern aus ganz Österreich, zu ausgewogenen Teilen von Studenten an Universitäten und Fachhochschulen und mehrheitlich von Usern zwischen 19 und 25 Jahren - davon 60 Prozent Frauen -, hoch aussagekräftig. "Das sieht man auch daran, dass wir sehr klare und valide Muster in den Daten gefunden haben. Die Studierenden haben keine Kreuze in einem Fragebogen gesetzt, sondern mussten ihre Wünsche und Bedürfnisse aktiv formulieren - das erfordert viel mehr Commitment und Zeitaufwand. Diese Hürde haben 700 genommen", freut sich Leimüller. Üblicherweise spreche man bei Crowdsourcing-Projekten schon bei 300 bis 400 Beiträgen von einer sehr hohen Beteiligung.

  • Virtuelles und reales Lernen sollen verschmelzen

  • Aus rund 2.100 Beiträgen filterten die Studienautoren dann die Erwartungen der Studenten an die Zukunft sowie Prioritäten heraus. So wünschen sie sich etwa ein hybrides Modell aus physischem und digitalem Campus. Einsparungen durch die verstärkte Nutzung digitaler Lehrmöglichkeiten sollten für stärkere persönliche Betreuung und mehr Kleingruppen-Unterricht genutzt werden.

  • Dazu Leimüller: "Studierende wünschen sich zwar digitale Tools und Angebote, um flexibler studieren zu können, allerdings erhoffen sie sich, dass dadurch in der Lehre Personalressourcen frei werden und somit mehr persönlicher Austausch ermöglicht wird". Auch hätten sie erkannt, dass der Austausch untereinander ("Peer-to-Peer") besonders wichtig sei und durch digitale Hilfsmittel gefördert werden soll. Hochschulen sollten keinesfalls verschult werden, sondern Individualität fördern. Es gehe darum, unterschiedliche Bedürfnisse der Zielgruppe zu berücksichtigen, wie eine bessere Vereinbarkeit von Studium und Job und vereinfachter Zugang für Menschen, die nicht immer physisch anwesend sein können - wie Eltern oder Studierende mit Behinderungen oder (chronischen) Erkrankungen.

  • "Sehr interessant ist, dass auch die Digital Natives von heute immer noch den physischen Campus, den Raum, brauchen, um sich auszutauschen. Diesen schätzen sie nach wie vor und erkennen, dass ein digitaler Campus einen physischen nicht ersetzen kann. Der Wunsch nach Individualisierung und speziellen Know-how Transfer wurde bei den Ergebnissen ebenso deutlich. Es hat sich herauskristallisiert, dass die sozialen Kontakte den Studierenden wichtig sind und nicht über Digitalisierung und virtuelles Lernen ersetzbar sind", betont LBG-Geschäftsführerin Claudia Lingner,

  • Kaum Unterschiede zwischen FH- und Uni-Studierenden

  • Zwischen den Geschlechtern oder Uni- und FH-Studierenden zeigten sich Leimüller zufolge bei der Analyse der Daten nur geringe Unterschiede. Einig waren sie sich nach dem Wunsch nach einer Verschmelzung von virtuellem und realem Lernen und auch, Kooperations- und Problemlösungsfähigkeiten aktiv zu erlernen. Der einzige wesentliche Unterschied zeigte sich in der Entwicklung und Orientierung der Studierenden. "Hierbei wünschen sich Universitätsstudierende verstärkt zu erlernen, wie man gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch hinterfragen und positiv beeinflussen kann. FH-Studierende legen hingegen mehr Fokus auf individuelle Berufsorientierung und Unterstützung beim Ausbau beruflicher Netzwerke", so die Expertin.

  • Abgefragt wurde auch die Einstellung in punkto Zugangsregelungen. "Zu diesem Thema haben 299 Teilnehmer einen Beitrag eingereicht und nur 45 davon - großteils Uni-Studenten - waren dagegen", erklärt die winnovation-Geschäftsführerin.

  • Handlungsempfehlungen für künftige Ausrichtung

  • Aus den Erwartungshaltungen der Studenten ergeben sich laut der Studie fünf Handlungsempfehlungen für die künftige Gestaltung der Hochschulen: So soll das Potenzial der Digitalisierung für die strategische Ausrichtung der Hochschulen genutzt; die Rolle der Lehrenden an Hochschulen vom reinen Wissensvermittler zum Lerncoach und Mentor weiterentwickelt, Strukturen an Hochschulen, die Lifelong Learning und Vernetzung unterstützen, aufgebaut; offene Experimentierräume in der Lehre für den Austausch zwischen den Peers untereinander sowie zwischen Peers und Lehrenden errichtet sowie die nationale und internationale Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen ausgebaut und weiterentwickelt werden.

Dossier

Themen wie Studienplatzfinanzierung, Zugangsbeschränkungen und Leistungsvereinbarungen prägen den (tages-)aktuellen Diskurs um die Hochschulen. Wohin und woran sich die ...

Gastkommentare

"Prekäre akademische Beschäftigung nimmt zu. Wie kann man gegensteuern?"
von Hans Pechar
emer. Professor für Hochschulforschung an der Alpen-Adria Universität
"Bilder malen, nicht Gemäldegalerien verwalten"
von Oliver Vitouch
Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Präsident der Universitätenkonferenz
"Universitätssteuerung in Österreich: Viel Aufwand für wenig Wirkung?"
von Michael Stampfer
Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-
Forschungs- und Technologiefonds (WWTF)
"Hochschulen zukunftsorientiert weiterentwickeln"
von Gudrun Feucht
Industriellenvereinigung

Hintergrundmeldungen

Fehlende Nachfrage nach Absolventen "unwahrscheinlich" © APA (Fohringer)

Demografen erwarten kontinuierliche Expansion tertiärer Bildung

Eine Studie österreichischer Demografen geht von einer kontinuierlichen ...
Studierende an Fachhochschulen © APA (Hirsch)

Forum Alpbach: Fachhochschulen sollen mehr Studien anbieten dürfen

Fachhochschulen (FH) sollen künftig mehr Studien anbieten dürfen. Unter anderem ...
Für Winckler war die Amerikanisierung der Unis "etwas Unabwendbares" © APA (Hochmuth)

Ex-Rektor Winckler: Erfolgszug der US-Unis bald beendet

Der globale Erfolgszug des US-Universitätssystems könnte bald beendet sein. ...
"Studierende sind mobil, sozial, smart und mediengetrieben" © APA (AFP)

Kleine Schritte zur digitalen Hochschule

Seit der Jahrtausendwende gibt es große Anstrengungen, die Hochschulen auf ...
Nur eine Minderheit lehrt unter stabilen Beschäftigungsverhältnissen © APA

Hochschulforscher: Immer stärkere Prekarisierung akademischer Jobs

Ein wachsender Teil der Lehre und Forschung an den Unis wird nicht mehr durch ...
Entwicklung des Uni-Personals © APA (Hirsch)

Unis setzen immer weniger auf Stammpersonal

Die Universitäten setzen bei ihren wissenschaftlichen und künstlerischen ...
Universitäten laut Androsch "chronisch unterdotiert" © APA (Fohringer)

Androsch: "Bildung und Forschung stärker in den Fokus rücken"

Mit dem Sammelband "Zukunft und Aufgaben der Hochschulen" will der Rat für ...
Gewünscht: Mehr Individualisierung und persönlicher Austausch © APA (AFP)

"Create your UNIverse": Studenten erwarten Weiterentwicklung der Hochschulen

Studierende erwarten von ihren Hochschulen vieles gleichzeitig: Unter anderem ...
Studierende wollen Räume, um gemeinsam zu arbeiten © Martin Lifka Photography

"Nicht darauf warten, dass der da vorne die Welt erklärt"

Mit der Sicht Studierender und Vortragender auf aktuelle und zukünftige ...
Bei intelligenter Vernetzung ist Luft nach oben, so die Infineon-Chefin © Steinthaler/tinefoto.co

Herlitschka sieht bei Hochschulen "sehr viel Potenzial zur Weiterentwicklung"

Was erwarten sich die Studierenden von einer idealen Universität? ...

Mehr zum Thema