Gastkommentar

Peter Dal-Bianco © Privat
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Dossier

"Demenz - Was Präventivmaßnahmen und Lebensstilveränderungen bringen"

Gastkommentar

28.11.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Der geistige Abbau lässt sich im Alter bremsen, falls es gelingt Risikofaktoren zu reduzieren - Bildungsmangel, Hörverlust, Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Übergewicht, Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel, Depression, soziale Isolation - und den Lebensstil zu modifizieren - gesunde Ernährung, viel Bewegung, Neugierde und soziale Kontakte.

  • Weltweit leiden derzeit etwa 50 Millionen Menschen an Demenz und diese Zahl wird sich bis 2050 verdreifachen. Die zunehmende Lebenserwartung wird als Hauptursache gesehen. Demenz ist nicht nur für Betroffenen, sondern auch für Angehörige belastend, die im Verlauf der Betreuungsarbeit ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angsterkrankungen entwickeln. Die volkswirtschaftliche Belastung von mehr als vier Milliarden Euro pro Jahr in Österreich wird sich bis 2050 verdreifachen, denn bis dahin wird die Zahl der über 80-Jährigen in Österreich deutlich steigen. Ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung liegt dann im Demenz-Risikoalter. Jeder Vierte über 85 leidet heute an Demenz.

  • "The Lancet-Commissions" publizierte im Dezember 2017 Präventionsempfehlungen für Demenz: Demenz geht nicht unbedingt schicksalhaft mit Alterung einher. Zeitgerechte Vermeidung und Beeinflussung von Risiko- und Lebensstilfaktoren soll das Fortschreiten der klinischen Symptomentwicklung verzögern. Neu: Zunehmende Hörbeeinträchtigung bei kognitiv unauffälligen Menschen im mittleren Lebensalter ist ein starker Risikofaktor für Demenzentwicklung im späteren Leben. Wenn Risikofaktoren beachtet und der Lebensstil modifiziert wird, kann etwa ein Drittel der Betroffenen von der klinischen Demenzsymptomatik verschont bleiben. Ist das Gehirn neuropathologisch am Anfang des "Alzheimerweges", der Betroffene aber ohne "Vergesslichkeit" kann durch Prävention der klinische Demenzbeginn zeitlich hinausgeschoben werden. Langzeitstudien geben Hinweise darauf, dass ein geistig, körperlich und sozial aktiver Lebensstil direkt verzögernd auf die klinische Demenzentwicklung wirkt.

  • Medikamentöse Demenzprävention?

  • Dafür gibt es bis dato keine wissenschaftliche Evidenz. Präventionsforschung stützt sich überwiegend auf Beobachtungsstudien wie zum Beispiel die Hormonersatztherapie (HRT): Entgegen früherer Ergebnisse ist nach aktuellem Wissenstand keine Wirkung der HRT in der Demenz-Prävention feststellbar - das selbe gilt für nicht-steroidale Entzündungshemmer (NSAR) und Statine. Studien zeigten auch, dass die Cholinesterasehemmer Rivastigmin, Donepezil und Galantamin den klinischen Beginn der Alzheimerkrankheit nicht verzögern können.

  • Vitamine als "Antioxidantien" werden im Nahrungsmittelbereich favorisiert. Hier fehlt jecoch der Präventionsbeweis für Vitamin B1, B6 und B12, C und E, für das Hormon Dehydroepiandrosteron (DHEA), für die Alpha-Liponsäure (ALA), Folsäure und Omega-3-Fettsäuren (Alpha-Linolensäure).

  • Nichtmedikamentöse Demenzprävention?

  • "Multikomponenten-Intervention" heißt, Vorbeugemaßnahmen zu kombinieren - also mehrere Bereiche der Demenzprävention anzuwenden. Häufig sind es Programme der kognitiven Stimulation, körperlichen Aktivierung, des Alltags-Trainings (Activity Daily Living), der Erinnerungsarbeit, der Musiktherapie, der Ernährungsoptimierung etc.. Die Zusammenstellung dieser Programme ist unterschiedlich, ebenso die Berufsgruppen, die diese Interventionen anbieten bzw. das Setting, in dem es durchgeführt wird. Wichtig für den Wirksamkeitsnachweis ist die genaue Beschreibung des Programms, deren Hypothesen und Wirkmechanismen. Die randomisierte und kontrollierte FINGER-Studie zum Beispiel ist eine nichtmedikamentöse, multikomponenten Interventionsstudie zur Demenzvorsorge. Ältere Menschen mit Demenzrisiko konnten demnach den geistigen Abbau mit einer Kombination aus gesunder Ernährung, Bewegung, Kognitionstraining und Überwachung vaskulärer Risiken im Zweijahresverlauf bremsen.

  • Senken Lebensstilveränderungen das Demenzrisiko? Wirkt Ernährungsumstellung präventiv? Zusammenhänge zwischen "gesunder und ausgewogener" Ernährung im Alltag und späterem Demenzrisiko sind weitgehend unklar. Diät-Interventionen können einerseits bei Ernährungsumstellung wie z.B. auf "mediterrane Kost" (viel Fisch, Obst, Gemüse, Getreide, Milchprodukte, ungesättigte Fettsäuren), andererseits bei der Veränderung einzelner Ernährungsaspekte ansetzen. Eine spezielle Diätempfehlung zur Demenz-Primärprävention kann wegen limitierter Evidenz nicht ausgesprochen werden.

  • Alkohol: Neuere Studienergebnisse weisen eindeutig auf den Risikofaktor Alkohol in Hinblick auf Demenzentwicklung hin.

  • Rauchen: Erhöhtes Demenzrisiko wurde bei Rauchern im Vergleich zu Nichtrauchern festgestellt.

  • Freizeitaktivität: Von den "geistigen" Freizeitaktivitäten zeigten Brettspiele den größten Effekt, gefolgt vom Musikinstrumente spielen und Lesen. Je öfter pro Woche Freizeitaktivitäten betrieben wurden, desto geringer war das Demenzrisiko.

  • Bildung: Hoher Bildungsgrad kann das Auftreten geistiger Beeinträchtigung im Rahmen von Demenzerkrankungen verzögern. Menschen mit sechs bis acht Jahren Ausbildung erleben seltener eine Demenz als solche mit einer Ausbildung von unter fünf Jahren. Ein besonders geringes Risiko hatten hochgebildete Probanden ohne genetische Vorbelastung.

  • Fazit: Wer bis ins hohe Alter körperlich aktiv bleibt, geistige Herausforderungen sucht und ein reges Sozialleben führt, reduziert das Risiko kognitiven Abbaus. Aufgrund des generell positiven gesundheitlichen Effekts von regelmäßiger Bewegung sollten ältere Menschen zu körperlicher Aktivität motiviert werden. Laut Studienlage haben in der Reihenfolge Tanzen, Wandern und Schwimmen die größte vorbeugende Wirkung gegen den geistigen Abbau.

  • Risikofaktoren für Alzheimerprogression

  • "Risikofaktoren" wie Alter, Geschlecht und Erbgut (Genom) sind unbeeinflussbare Größen. Alzheimer-Risikofaktoren - nicht Verursacher - wurden in einer Metaanalyse von Lancet identifiziert. Beginn und Progression der klinischen Alzheimersymptomatik werden durch folgende Faktoren beeinflusst - diese "Demenztreiber" werden durch Angabe der weltweiten Häufigkeit und des relativen Risikos (RR) beschrieben:

  • 1. Bewegungsmangel

  • Häufigkeit: 17,7 Prozent aller Menschen sind bewegungsträge - besonders Senioren und Städter

  • RR 1,8 für Alzheimer, 1,4 für alle Demenzen.

  • 80 Prozent erhöhtes Alzheimerrisiko bei bewegungsträgen- verglichen mit - aktiven Menschen.

  • 2. Diabetes mellitus II

  • Häufigkeit: 6,4 Prozent, RR: 1,4 erhöhtes Alzheimerrisiko für unbehandelte Diabetespatienten.

  • 3. Bluthochdruck

  • Häufigkeit: 9 Prozent, RR: 1,6 Bluthochdruck im mittleren Lebensalter (45-65a) ist verbunden mit erhöhtem Alzheimerrisiko.

  • 4. Übergewicht

  • Häufigkeit: 3,4 Prozent. RR: 1,8 für Alzheimer. Übergewicht im mittleren Lebensalter (45-65a) ist verbunden mit erhöhtem Demenzrisiko. Übergewicht im späten Lebensalter (>65a) ist assoziiert mit einem um 40 Prozent vermindertem Demenzrisiko

  • 5. Zigarettenrauchen

  • Häufigkeit 27,4 Prozent (3•9-36 Prozent)

  • RR: 1,8 für Alzheimer, 1,27 für alle Demenzarten

  • 6. Geringe Ausbildung und geistige Inaktivität

  • Häufigkeit 40 Prozent der Menschen leben mit geringer Ausbildung (Stichproben aus 146 Ländern)

  • 15 Prozent davon haben keine formale Schulbildung, 25 Prozent besuchten nur die Grundschule (4a)

  • RR: 1,60 für Alzheimer,

  • Das Demenzrisiko bei Personen mit geringer "Cognitive Reserve" ist um etwa 85 Prozent erhöht.

  • Andererseits ist das Demenzrisiko bei Personen mit hoher Bildung, beruflicher Herausforderung, überdurchschnittlicher Intelligenz und stimulierenden Freizeitaktivitäten um 50% verringert.

  • 7. Depression

  • Häufigkeit: 13 Prozent. RR: 1,9 für Alzheimer

Zur Person

Peter Dal-Bianco, Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft

Peter Dal-Bianco (* 1951 in Innsbruck, Österreich) ist Univ-Prof. für Klinische Neurologie an der Medizinischen Universität Wien (MUW) em., wo er 1987 die erste österreichische Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen an der Universitätsklinik für Neurologie aufbaute. Sein Forschungsgebiet umfasst altersassoziierte Erkrankungen des zentralen Nervensystems mit klinischem Schwerpunkt Gedächtnisstörungen, Alzheimerkrankheit und anderer Demenzformen. Er ist Mitglied nationaler und internationaler Fachgesellschaften, hat in zahlreichen nationalen und internationalen Fachzeitschriften publiziert und ist derzeit amtierender Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft (1997-2002 und 2013-2022). Er leitete bis 2016 die Allgemeine Neurologische Ambulanz am AKH Wien, MUW, gründete und leitete ebendort die erste österreichische Gedächtnisambulanz (Memory Clinic). Spezielle klinische Forschung betrieb er am Max-Planck-Institut für Neurologische Forschung in Köln, (PET-Unit) unter Univ. Prof. Dr. W.D. Heiss. 1987 habilitierte er an der MUW im Fachgebiet „Klinische Neurologie“. Seit August 1982 ist er Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Peter Dal-Bianco studierte Humanmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien und promovierte zum „Doktor der gesamten Heilkunde“ im Juni1 976. Den einjährig freiwilligen Wehrdienst leistete er als Gebirgsjäger 1969/1970 in Tirol und Salzburg. Im Mai 1969 Matura am Albertus Magnus Realgymnasium, 1180 Wien.

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