Gastkommentar

Maria Hofmarcher-Holzhacker © ORF Adobe Stock 2018
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Dossier

"Demenz fordert uns alle, Effizienz und Fürsorge sind gefragt"

Gastkommentar

28.11.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Demenz belastet alle Volkswirtschaften und fordert die Nachhaltigkeit der Finanzierung von Gesundheit und Pflege heraus. Die mit allen Formen von Demenz und anderen chronischen Krankheiten verbundenen Gesundheits- und Pflegekosten sind hoch und werden in Zukunft steigen. Gemäß Weltgesundheitsorganisation (WHO) litten im Jahr 2015 weltweit etwa 50 Millionen Menschen an Demenz, 2030 werden es doppelt so viele sein, für 2050 wird eine Verdreifachung geschätzt.

  • Global betrugen 2015 die Kosten, die durch Demenz entstehen, geschätzte 818 Milliarden US-Dollar (ca. 742 Milliarden Euro) oder 1,1 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP). Es wird erwartet, dass diese bis zum Jahr 2030 auf zwei Billionen Dollar (ca. 1,81 Billionen Euro) ansteigen. In einer weiteren Studie wurden im Jahr 2010 die gesellschaftlichen Kosten von Demenz rund um den Globus auf rund 450 Milliarden Euro geschätzt. Für Westeuropa beliefen sie sich auf etwa 156 Milliarden Euro. Umgerechnet auf eine einzelne demenzkranke Person sind das in Westeuropa Kosten von 22.350 Euro pro Jahr, wobei die regionalen Unterschiede beträchtlich sind: zwischen 18.600 Euro in Frankreich und 38.500 Euro in Luxemburg.

  • In einer ländervergleichenden Studie wurden in Österreich für das Jahr 2009 die Gesamtkosten der Demenz für Österreich auf 2,9 Milliarden Euro geschätzt; das entspricht einem Prozent des BIP im selben Jahr. Die Kosten zwischen den Betreuungsformen variieren. Eine Diplomarbeit an der Wirtschaftsuniversität Wien unterscheidet diese Kosten für Österreich für das Jahr 2009 nach Art der Betreuung. Während in häuslicher Betreuung die Gesamtkosten der Demenz pro Patient und Jahr bei mindestens 10.000 bis 11.000 Euro liegen, betragen sie in stationärer Betreuung mindestens 25.000 bis 43.000 Euro pro Patient und Jahr. Die Art der Betreuung für eine Einzelperson kann mitunter die Kosten für eine Volkswirtschaft mehr als verdreifachen. Innerhalb der Pflegestufen 1-7 divergieren die Betreuungskosten signifikant. Bei Stufe 1 und 2 beliefen sich 2009 die direkten Pflegekosten bei einer Pflege zu Hause auf ca. 2.530 Euro pro Jahr. Die kostenintensivste Form stellen die jährlichen direkten Pflegekosten in Pflegeheim-Demenzstationen bei mittlerer Pflegestufe 3 und 4 mit 66.430 Euro pro Jahr dar.

  • Ökonomische Kosten werden häufig unterschätzt, auch weil es in vielen Bereichen keine Daten gibt. Indirekte Kosten Dritte betreffend sollten jedoch in künftigen Kalkulationen immer berücksichtigt sein. So können volkswirtschaftliche Kosten durch den Produktivitätsentfall sowohl von Patientenseite als auch von pflegenden Angehörigen entstehen. Produktivitätsentfall und Verdienstentgang der pflegenden Verwandtschaft innerhalb einer Erwerbstätigkeit ist häufig die Folge.

  • Zu den niedrig bewerteten indirekten Kosten zählen Kosten, die durch informelle Pflege entstehen. Für Österreich wird geschätzt, dass für informelle Pflege 1,6 Milliarden Euro oder 54 Prozent der gesamten demenzbedingten Kosten anfallen. Auch die Erfassung und Bewertung der durch Demenz verursachten psychischen und physischen Belastungen durch professionelle und informelle Pflege ist ein wichtiger Kostenfaktor. Ein Großteil von an Demenz erkrankten Menschen erhält bereits nach der Diagnosestellung und während der ersten Frühphase der Krankheit von Angehörigen im Alltag pflegerische Versorgung und Unterstützung. Die Betreuung von pflegebedürftigen Familienangehörigen wird von den pflegenden Angehörigen oft als belastend empfunden. Nächtlicher Hilfebedarf, eine hohe Pflegestufe, ständige Verfügbarkeit oder eine parallele Erwerbstätigkeit/Erwerbsausfall korrelieren positiv mit dem Gefühl der Belastung. Physische und psychische Erkrankungen können durch die Pflegelast entstehen. Solche Kostenaspekte sind auch bei professionellem Pflegepersonal relevant. Vielfältige gesundheitliche Beeinträchtigungen von professionellen Pflegenden sowie pflegenden Verwandten konnten festgestellt werden.

  • Im Rahmen einer Studie, die ein Kollektiv von gesunden professionellen Pflegekräften über einen Zeitraum von vier Jahren untersuchte, wurde ermittelt, dass neun Stunden oder mehr an Pflegeaufwand pro Woche mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten in Zusammenhang stehen. Insgesamt zeigt sich, dass professionelle Pflegekräfte mit erhöhten psychosomatischen Beschwerden zu kämpfen haben, Krankenstandsquoten, Fluktuation sowie Aussteigerquoten sind hoch.

  • Einer Metaanalyse zufolge, die den Unterschied bezüglich Stressempfinden und Depression bei Pflegenden und nicht Pflegenden untersucht, steigen Depressionswerte signifikant mit dem Belastungsniveau der Pflegepersonen. Weiters lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem durch die pflegenden Angehörigen wahrgenommenen Leiden (emotional und existenziell) des Demenzpatienten und einem erhöhten Risiko für eine Depression feststellen. Vor allem jüngere Pflegende und jene, die ein niedrigeres Bildungsniveau aufweisen, berichten häufiger von Symptomen einer Depression.

  • Die gesellschaftlichen Kosten, die durch Demenz verursacht werden, sind jedoch nicht unabwendbar, sondern können beeinflusst werden. Auf den Demenzpatienten können verschiedene Interventionen positiv einwirken. Bereits zehn spezielle Therapieeinheiten ergaben Kosteneinsparungen bei der Versorgung der Demenzerkrankten von 1.700 Euro im Jahr. Diese Einsparungspotenziale betrafen vor allem die Pflegekosten und die Spitalsversorgung.

  • Künftig könnten sowohl der Forschungs- als auch der Therapiefokus auf integrierte Ansätze gelegt werden, die gleichzeitig auf soziale, kognitive und physische Verbesserung des Patienten abstellen. Neuen Technologien wird ein beträchtliches Potenzial zur Kostenreduktion sowie (implizit) zur Erhöhung der Versorgungseffizienz zugeschrieben. Inwieweit smarte assistierende Technologien und "ambient intelligence" die Versorgung bei Demenz tatsächlich verbessern und zur Kostenreduktion beitragen, ist derzeit noch nicht ausreichend untersucht. Ein neu formiertes Konsortium unter der Leitung von Joanneum Research wird diese Aspekte erfassen, Kosten erheben und analysieren.

  • *Die Autorin bedankt sich bei Colette Fleischer für wissenschaftliche Assistenz; die hier verwendete Literatur kann von der Autorin bezogen werden.

Zur Person

Maria M. Hofmarcher-Holzhacker, Direktorin von HS&I HealthSystemIntelligence

Maria M. Hofmarcher-Holzhacker, Ökonomin, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien und Public Health an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, ist Direktorin von HS&I HealthSystemIntelligence, stellvertretende Vorständin der aha. Austrian Health Academy. Sammelte während ihren Studienzeiten mehrjährige klinische Erfahrung in Krankenanstalten als diplomierte Krankenpflegerin. Langjährige Forschungstätigkeiten im Inland und im Ausland zur Ökonomie der Gesundheits- und Sozialsysteme. Autorin des Standardwerkes „Gesundheitssysteme im Wandel“, Publizistin und Kommentatorin. Ihre Forschungsinteressen umfassen die Ökonomie der öffentlichen Gesundheits- und Sozialsysteme Finanzen, Finanzpolitik, Effizienz des Gesundheitswesens und die vergleichende Analyse der Gesundheits- und Sozialleistungen. Sie arbeitete mehrere Jahre bei der OECD und kooperiert mit der Weltbank, der OECD, der WHO und der Europäischen Kommission.

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