Gastkommentar

Ruth Breu © Claudia Bachlechner
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Dossier

"Der Quotenfrau bin ich noch nicht begegnet"

Gastkommentar

29.09.2017
  • Innsbruck (Gastkommentar) - Nicht selten sind Frauen die schärfsten Kritikerinnen von frauenspezifischer Förderung. Auch für mich waren Frauenförderprogramme als junge Doktorandin eher befremdlich, möchte man ein Ziel doch aufgrund der eigenen Leistung und nicht als Quotenfrau erreichen. Jetzt, nach über 30 Jahren in der Männerdomäne Informatik tätig, als Leiterin eines Laura-Bassi-Zentrums ein personifiziertes Role Model und als Leiterin eines Informatik-Instituts mit Auswahlprozessen auf vielen Ebenen konfrontiert, hat sich meine Einstellung grundlegend gewandelt.

  • Wir sollten ehrlich sein - in der Informatik (und ich traue mich nur über sie zu urteilen) bewegt sich so ziemlich alles rasant, nur der Frauenanteil nicht. Dieser mäandert seit Jahren zwischen zehn und 15 Prozent. Die Gründe sind vielfältig, und dadurch auch nur mit vielfältigen Maßnahmen zu beheben. Solange wir nicht bei einer gefühlten Normalität angekommen sind, dass Frauen in der Informatik-Vorlesung sitzen - erfahrungsgemäß ist es ein Anteil von 30 Prozent, ab dem ein Gefühl von ausgewogenen Verhältnissen entsteht - , muss weitergearbeitet werden. Oft wird ins Feld geführt, dass Frauen eben kein Interesse an technischen Fächern hätten. Aber: Der Frauenanteil islamischer Länder in den Ingenieurwissenschaften von bis zu 70 Prozent lässt meines Erachtens nur den Schluss zu, dass der niedrige Frauenanteil in unseren Breitengraden kulturell bedingt ist.

  • Es ist kein missionarischer Eifer, sondern schlichtweg gesellschaftliche Notwendigkeit, den Schatz der Frauen zu heben. Alle Statistiken und der gelebte Alltag in Kooperation mit Unternehmen weisen darauf hin, dass ein deutlicher Mangel an IT-Experten herrscht, der sich durch die Digitalisierung in den nächsten Jahren noch verschärfen wird. Die andere Seite der Medaille ist, dass sich Frauen die Chance und den Spaß entgehen lassen, an spannenden Aufgaben zu arbeiten und unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten, egal ob es um die Frage geht, wie wir uns in zehn oder zwanzig Jahren fortbewegen, wie wir lernen oder uns um Hilfsbedürftige kümmern.

  • Zu meinen persönlichen Top Drei-Maßnahmen für Gender Balance in der Informatik zählt das Schaffen weiblicher Vorbilder. Dieser Aspekt allein sollte schon genügen, um ein ambitioniertes, hochwertiges, jedoch bisher nur einmalig durchgeführtes Programm wie die Laura Bassi Centres of Expertise-Initiative zu einem permanenten Förderinstrument werden zu lassen. Frauen, die an der Schnittstelle zwischen Forschung und Industrie arbeiten, sind besonders rar, können mit ihren Netzwerken jedoch an beiden Seiten wirken.

  • Die Quotenfrau ist ein vielzitiertes Wesen, dem ich im richtigen Leben bisher noch nicht begegnet bin. Sehr genossen habe ich in den letzten sieben Jahren die Gemeinschaft der Laura-Bassi-Zentrumsleiterinnen. Das Bewusstsein, vorn zu stehen und etwas voranbringen zu wollen, hat uns acht Frauen gepusht und erstaunliche, unkonventionelle und kreative Ergebnisse hervorgebracht. Nach diesen sieben Jahren sind neben herausragenden Publikationen neue Zentren und Spin-Offs entstanden, die einen messbaren Wert für Forschung und Wirtschaft in Österreich erbringen. Wäre Gleiches ohne die Laura-Bassi-Initiative erreicht worden? Ich glaube nicht.

  • Nur als Randbemerkung, und der Vollständigkeit halber: meine anderen beiden persönlichen Top Drei-Maßnahmen für mehr Gender Balance in der Informatik sind hochwertiger Informatikunterricht in den Schulen und mehr männliche Präsenz in der Erziehung unserer Kinder - vom Vater über den Kindergartenpädagogen bis zum Volksschullehrer.

  • In diesem Sinne möchte ich mich bei der geistigen Mutter der Laura-Bassi-Initiative, Mag.a Sabine Pohoryles-Drexel, für ihr Engagement und ihr Durchhaltevermögen herzlich bedanken und wünsche Österreich die Fortführung dieses einmaligen Programms.

Zur Person

Ruth Breu, Leiterin des Instituts für Informatik der Universität Innsbruck

Prof. Dr. Ruth Breu ist Leiterin des Instituts für Informatik an der Universität Innsbruck und war von 2009 bis 2016 Leiterin des QE LaB Laura Bassi Centres of Expertise. QE LaB beschäftigte sich bereits mit Methoden der Qualitätssicherung kooperativer evolutionärer IT-Systeme, als Begriffe wie Internet-of-Things und Digitalisierung noch kein Hype waren. Die Methoden und Werkzeuge, die das QE LaB-Team in Kooperation mit Industriepartnern entwickelte, haben inzwischen Praxisreife erreicht und werden in drei Spin-Offs dem Markt zugeführt. Seit Mai 2017 wird das junge Spin-Off Txture GmbH als Research Studio Austria der FFG gefördert. Txture unterstützt Unternehmen dabei, vernetzte physikalische und virtuelle Assets (vom Server über die Produktionsanlage bis zur Geschäftsfunktion) mit hoher Datenqualität abzubilden und damit verlässliche Planung und Analyse zu ermöglichen. Ruth Breu ist seit 2011 Mitglied im FWF-Kuratorium und regelmäßig Fachreferentin im FFG COMET K-Programm.

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