Gastkommentar

Willi Haas (li.) und Dominik Wiedenhofer © Uni Klagenfurt
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Dossier

"Der sorglose Umgang unserer Hamstergesellschaft mit Müll"

Gastkommentar

31.03.2017
  • Klagenfurt/Wien (Gastkommentar) - Wird ein Ding unnütz, wandert es einfach in den Müll. Mit gut Glück wird aus dem Müll dann wieder ein neues Ding. Auch wenn Recycling erfreulicherweise (wieder) mehr wird, lohnt sich dennoch ein Blick auf den gesellschaftlichen Stoffwechsel. Das bedeutet systemisch den Ressourcenfluss durch die Gesellschaft zu betrachten, von der Entnahme aus der Natur über Produktion und Konsum bis zur Retournierung an die Umwelt, als Müll oder Emission. Nicht zu vergessen sind langlebige Produkte und Infrastrukturen, die Ressourcen in Form von gesellschaftlichen Beständen langfristig binden.

  • Zuerst wollen wir diese materielle Basis unserer Gesellschaft ausleuchten, um dann eine kleine Reise in die Zeit um 1900 zu unternehmen, als Ressourcennutzung noch deutlich anders war (siehe GRAFIK). Verschiedene Beispiele illustrieren den unterschiedlichen Umgang mit Ressourcen und Müll. Dieser Gesamtblick zeigt, wie der Einstieg in reichlich vorhandene Fossilenergie im 20. Jahrhundert eine wahre Explosion im Ressourcenverbrauch ermöglichte und den Wandel von einem sorgsamen zu einem sorglosen Umgang mit den Dingen beförderte. Der klimabedingt notwendige Ausstieg aus der Fossilenergie, so unsere Überlegung, wird jedoch kaum möglich sein, wenn sich unser Umgang mit Ressourcen und Müll, aber auch mit Wertschöpfung und menschlicher Arbeit nicht ändert.

  • Im Jahr 2014 summiert sich der in Österreich "produzierte" Müll auf etwa acht Tonnen pro Kopf. Das ist nicht nur Hausmüll, sondern umfasst auch das, was in Industrie und Gemeinden offiziell eingesammelt wird, vom Klärschlamm bis zum Milchpackerl, vom Schrottauto bis zum Giftmüll. Was so auf dem Müll landet, war kurz davor noch ein nützliches Ding. Rund drei der acht Tonnen Müll bekommen auch die Chance, wieder ein mehr oder weniger nützliches Ding zu werden. Im besten Fall heißt das Recycling, dann gibt es wieder gleichwertige Dinge. Im schlechtesten Fall heißt das Wärmerückgewinnung mittels Verbrennung. Oft ist es auch "Down-cycling", dann wird aus einem hochwertigen Ding ein geringwertigeres. So wird aus einer abgerissenen Brücke die Hinterfüllung einer Stützmauer, oder aus einer Lebensmittelverpackung ein Blumentopf. Übrig bleiben fünf Tonnen Müll, die verbrannt oder auf Deponien jahrzehntelang verwahrt werden müssen und schließlich in die Umwelt gelangen. Zusätzlich werden nochmals neun Tonnen hauptsächlich klimaschädigende Luftschadstoffe emittiert, ohne Aussicht auf Recycling. Diesen rund 14 Tonnen, die wir an die Natur abgeben, stehen jedoch 31 Tonnen gegenüber, die entweder den Feldern, Minen und Gruben in Österreich entnommen oder als Rohstoffe und Produkte importiert werden. Die jährlich rund 17 Tonnen Differenz "hamstern" wir für Ausbau und Instandhaltung unserer ständig wachsenden Infrastrukturen, Gebäude und Straßen, sowie in langlebigeren Dingen wie Autos oder Maschinen. Dividiert man diese angehäuften Bestände durch die Zahl der Bevölkerung, ergeben sich etwa 330 Tonnen pro Kopf; die jährliche Wachstumsrate beträgt etwa zwei Prozent. Wenn die eine oder andere Tonne davon ans Ende ihrer Nutzung gelangt, wird sie "Müll". Bestände von heute sind der Müll von morgen.

  • Diese materielle Verfasstheit Österreichs bzw. europäischer Länder generell war nicht immer so. Eine Rekonstruktion des Ressourcenverbrauchs zeigt, dass unsere Vorfahren um 1900 etwa fünf Tonnen pro Kopf der Natur entnahmen oder importierten. Daraus wurden rund 2,8 Tonnen Müll und eine Tonne Emissionen. Die restlichen 1,2 Tonnen wurden zum Aufbau von Beständen verwendet, welche sich damals auf etwa 40 Tonnen, d. h. zwölf Prozent der aktuellen Mengen, beliefen. In Österreich bedeutet Industrialisierung also sechs mal soviel Ressourcenverbrauch, neun mal soviele klimaschädliche Emissionen, und eine Verdoppelung des Mülls, wohl gesagt pro Kopf. Aber auch die materielle Zusammensetzung und somit deren Umweltschädlichkeiten haben sich verändert. Dominierte um 1900 noch die Biomasse mit rund 75 Prozent den Ressourcenfluss, ist dessen Anteil heute auf nur 25 Prozent geschrumpft. Biomasse hat hohes Potenzial zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung, da biogene Abfälle von ökologischen Kreisläufen wieder aufgenommen werden können, wenn sie verträglich produziert und ausgebracht werden. Mineralstoffe stellten früher rund zehn Prozent der Ressourcenflüsse; diese sind nicht zuletzt wegen der reichlich und überall verfügbaren Energie auf über 50 Prozent der genutzten Ressourcen angeschwollen. Insgesamt bedeutet dies, dass der Pro-Kopf-Müll sich nicht nur verdoppelt hat, sondern auch giftiger und für Ökosysteme tendenziell unverträglicher geworden ist.

  • Was waren früher die entscheidenden Gründe, warum weniger gehamstert wurde und mehr Sorgfalt mit Dingen vorherrschte? Kurz gesagt: Energie war knapp, Rohstoffe wertvoll und Arbeitszeit billig. Die landwirtschaftliche Bevölkerung konnte nur eine kleine Elite und Bürgerschaft sowie Handwerker in den Städten ernähren. Zudem mussten auch die Arbeitstiere, die für Transport und Bauarbeiten erforderlich waren, mit Futter aus den knappen Überschüssen der Landwirtschaft versorgt werden. Das alles erforderte einen äußerst sorgsamen Umgang mit Stoffkreisläufen, der unter heutigen Bedingungen schlichtweg nicht vorstellbar scheint. So bestanden in städtischen Zentren bis ins 19. Jahrhundert wirksame Sammelmethoden für Biomasse-, Metall- und Bauabfälle. Beispiele sind Alteisentandler, die im Mittelalter durch ein flächendeckendes Sammelsystem hohe Recyclingraten für Schrott in Europa sicherstellten. Oder Lumpensammler, die Altkleider aus definierten Sammelbezirken für die Papierproduktion herbeischafften. Bauern versorgten Städter mit Lebensmitteln und Aufzeichnungen zeigen, dass oft am Rückweg menschliche Exkremente mitgenommen wurden, um so durch Schließen der Nährstoffkreisläufe die Bodenfruchtbarkeit aufrecht zu erhalten. Chroniken berichten auch von einem "Altwerk", ein Beispiel unter vielen, das auf die Reparatur von Altprodukten in der Stadt Frankfurt spezialisiert war. Wenn Reparatur nicht möglich war, wurden die Dinge kurzerhand in andere Produkte umgearbeitet.

  • Wenn wir einen sorgfältigeren Umgang mit Dingen, weniger Müll und mehr Jobs haben wollen, dann braucht es in erster Linie eine Veränderung politischer und ökonomischer Signale. Derzeit treiben Steuer- und Preisstrukturen Betriebe zu Energieverbrauch und Rohstoffverschwendung, während teure Arbeit wegrationalisiert wird. Der Lebensqualität aller würde eine Steuerentlastung von Arbeit und eine Rohstoff- und Klimasteuer nutzen. Das würde Reparaturen, Recycling sowie Dienstleistungen generell begünstigen und reparatur-unfreundliche Wegwerfprodukte mit geringer Lebensdauer benachteiligen. Zusätzlich braucht es eine klügere Raum- und Infrastrukturpolitik, die auf Langlebigkeit, Wartungsarmut und ökologische Betriebseffizienz fokussiert. Die komplett müll- und emissionsfreie Gesellschaft ist zwar eine große Vision, gibt aber erstrebenswerte Schritte vor, die notwendig, machbar, nachhaltig und attraktiv scheinen.

Zur Person

Willi Haas und Dominik Wiedenhofer, Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria Universität

Willi Haas (Dipl. Ing., Dr. phil.) ist Wissenschaftler am Institut für Soziale Ökologie der Alpen-Adria Universität. Seit Mitte der 80er-Jahre beschäftigt er sich mit Ressourcenverbrauch und Abfall aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Mitarbeiter des Sozialministeriums wirkte er an der Initiative „Umweltschutz schafft Arbeitsplätze“ mit. Im österreichischen Ökologie-Institut leitete er die Erstellung von städtischen Abfallwirtschaftskonzepten und Aktionsforschungsprojekten zur Müllvermeidung. Seit 1998 erforscht er am Institut für Soziale Ökologie Ressourcenflüsse auf unterschiedlichen Skalenniveaus in ihren langfristigen Dynamiken und im Zusammenspiel mit Wirtschaftsentwicklung und Arbeit. Er berät die Europäische Kommission in Sachen Circular Economy.

Dominik Wiedenhofer (Mag.rer.nat., Bakk.techn.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziale Ökologie, Wien, Alpen-Adria Universität. Er arbeitet seit 2010 an Fragen des nachhaltigen Konsums und der systematischen Erfassung und Bewertung von gesellschaftlichem Ressourcenverbrauch. Diese Themen finden sich auch in der momentan im Abschluss befindlichen Doktorarbeit wieder.

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