Gastkommentar

Ludovit Garzik © RFT
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Dossier

"Die Kultur der Innovation: Warum wir unser Wissen nicht ausreichend umsetzen"

Gastkommentar

23.08.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Die kulturellen Rahmenbedingungen der Region, in der Menschen sozialisiert werden, bestimmen wesentlich über die Art und Weise, wie mit Wissen und dessen Umsetzung umgegangen wird. Im Wechselspiel zwischen Forschung (dem Einsatz von Geld zur Generierung des Wissens) und Innovation (Umsetzung des Wissens zur Gewinnung von Geld), dominiert in Mitteleuropa die Forschung über die Innovation. Der Kreislauf ist nicht ausgewogen.

  • M-Pesa ist eine der innovativsten Finanzentwicklungen, seit im 10. Jahrhundert in China zum ersten Mal Papiergeld eingeführt wurde. Der Name weist schon darauf hin, dass diese Innovation weder aus der Finanz-City of London noch aus der Bankenszene in Singapur stammt, sondern aus Kenia im Zentrum Afrikas. Ein Bankkonto benötigt man dafür nicht, und damit auch keine Bank. M-Pesa ist aus der Not entstanden. Fehlende Bankfilialen, volatile Währungen und die neu verfügbare Mobilfunktechnologie haben zu einer spannenden Kombination geführt. Das Gesprächsguthaben wird zum Portemonnaie und man kann die Äpfel am Markt damit bezahlen. Die wenig rühmlichen Versuche unseres Bankensystems, das Filialnetz zurückzufahren und Vertrauen in das mobile Banking aufzubauen, wirken dagegen eher bemüht.

  • Nun steht Afrika nicht ganz oben auf der Liste, wenn man diverse Rankings zitiert. Meist wird das Silicon Valley oder Israel als Best Practice angeführt. Dort gibt es jedenfalls eine außergewöhnlich starke Kundenorientierung kombiniert mit Finanzierungsrhythmen, die das mit neuen Produkten verbundene Risiko abfedern. Innovation wird durch Menschen und deren Sozialisierung lebendig. Im Silicon Valley ist die Offenheit und Toleranz gegenüber neuen Produkten und Verfahren und dem damit verbundenen Risiko seit dem Goldrausch Mitte des 19. Jahrhunderts lebendig geblieben. Dieselbe Toleranz lädt Menschen anderer Kulturen ein, in diese Region zu kommen und die Innovation anzutreiben. Die Absichten gesellschaftlicher und politischer Strömungen, Mitteleuropa gegenüber Migration aus welcher Richtung auch immer abzuschotten, darf durchaus als Angriff auf die Zukunftsfähigkeit dieser Region verstanden werden.

  • Europa ist von der Forschungsseite betrachtet ein Kontinent von Ingenieuren, von top ausgebildeten Technikern, die integrierte Systeme entwickeln können und damit als Hidden Champions oder auch als Großkonzerne die Weltmärkte dominiert haben. Daraus entstand eine angebotsgetriebene Innovation, die viele Jahrzehnte exzellent funktioniert hat, man konnte damit gutes Geld verdienen. Dann kam die Digitalisierung und mit ihr eine Ebene, die sich zwischen die exzellenten Ingenieursprodukte und den Markt schiebt wie eine Membran. Im B2C Bereich hat diese Membran schöne Namen erhalten: Airbnb, Booking.com, Uber, etc. Das Produkt Hotelzimmer oder Taxi ist plötzlich nur mehr Mittel zum Zweck. Wer nicht auf der entsprechenden Plattform aufscheint, agiert nur in einem Bruchteil des Marktes, meist zu wenig, um zu überleben. Das deutsche Auto, eine hervorragende Ingenieursleistung, ist plötzlich auch nur noch Mittel zum Zweck. In der Welt der digitalen Mobilität nimmt die Bedeutung von früheren Statussymbolen rapide ab. Nun wird transparenter, welch dominierende Rolle die Nachfrageseite in der Innovation spielt. Wer sein Ohr nicht am Markt hat, stellt sich hinten an, wird nur das vom Markt bekommen, was die neuen Platzhirsche gnadenhalber übrig lassen. Und der Effekt verstärkt sich noch: The winner takes it all.

  • Die Erwartung dieser europäischen Innovationskultur, dass hervorragende Ingenieursleistungen ohnedies von den Kunden wahrgenommen würden, wird auf Dauer nicht erfüllt werden. Erfolgreich wird sich dagegen die Kultur des Silicon Valley auswirken, in jeder Phase der Produktentwicklung Feedback von den potenziellen Kunden einzuholen.

  • Zurück in Afrika kann man die Prognose wagen, dass dieser Kontinent dank der notgedrungenen Marktorientierung frugaler Innovationen eine erfolgreiche Zukunft haben wird. Schon jetzt ist unser Afrika-Bild in Europa veraltet, die Drohnen zur Zustellung von Paketen werden in Ruanda getestet, nicht in Mitteleuropa.

  • Die kulturellen Rahmenbedingungen und die Sozialisierung durch Familie, Freunde und das Bildungssystem bestimmen in wesentlichem Maß über die Art und Weise, wie Menschen in ihrer beruflichen Laufbahn mit Innovation umgehen. In Europa haben wir die besten Voraussetzungen, um weiter eine tragende Rolle in der weltweiten Innovationslandschaft zu spielen. Die derzeitige Sozialisierung reicht allerdings nur aus, das Wissen aufzubauen und zu managen, die Umsetzung bleibt noch auf der Strecke. Europa muss seine kulturelle Vielfalt als Joker einsetzen und auch einen intensiven Austausch mit anderen Kulturen aus Afrika, Asien und den USA suchen, sonst ist das Ergebnis unserer Digitalisierung eine 0 und keine 1.

Zur Person

Ludovit Garzik, Geschäftsführer des Rates für Forschung und Technologieentwicklung

Ludovit Garzik ist seit 2005 Geschäftsführer des österreichischen Rates für Forschung und Technologieentwicklung (RFTE). Zuvor war er in der Stabsstelle der Geschäftsführung der FFG sowie als Leiter des "GALILEO Contact Point Austria" in der Austrian Space Agency tätig. Garzik studierte Vermessungswesen an der Technischen Universität Wien und promovierte an der Wirtschaftsuniversität im Fach Betriebswirtschaftslehre. Zudem erwarb er im Post-Graduate-Studium den MBA an der Donau-Universität Krems und ist Diplomierter Wirtschaftstechniker (DWT). Im Jahr 2015 hat Garzik das Unternehmen InnovationOrbit gegründet, das sich der Weiterentwicklung von Menschen im Verständnis der globalen Innovationskulturen widmet. Im Jahr 2016 wird erstmals das Weiterbildungsprogramm "Global Innovation Expert" angeboten, das zunächst in Shanghai und San Francisco und im Weiteren dann auch in Wien und Nairobi die jeweiligen kulturellen Rahmenbedingungen der Innovation vermittelt. www.rat-fte.at www.innovationorbit.com

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