Gastkommentar

Eva Haubner © Katharina Schiffl
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Dossier

"Die Pädagogen der Zukunft. Und: was das IV-Pädagogenleitbild damit zu tun hat"

Gastkommentar

26.09.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Architekten der Zukunft! Zentrale Bedeutung engagierter, gut ausgebildeter, motivierter und motivierender Pädagogen für Lernerfolg! Nur die besten Absolventen in die Kindergärten und Schulen! Auf den guten Lehrer kommt es an! Klingt banal und ist weitgehend unbestritten? Dann stellt sich doch eigentlich die Frage: Warum bewegt sich die Politik so langsam, wenn es um die Pädagogen der Zukunft geht?

  • Die Industriellenvereinigung hat in den Jahren 2015 und 2016 ihr umfassendes Grundsatzprogramm "Beste Bildung für Österreichs Zukunft" entwickelt. Es basiert auf sechs Teilkonzepten und zeigt - einem "roten Faden" folgend von der Elementarbildung über Schule, Berufsbildung, HTL und Hochschule - die aus IV-Sicht notwendigen Handlungsfelder für ein modernes Bildungswesen auf. Eine das Gesamtprogramm umspannende Klammer und damit wesentlicher Baustein ist das Konzept "Die Pädagogen der Zukunft". Dieses stellt die Pädagogen aller Bildungsbereiche in den Mittelpunkt und zeichnet ein zukunftsgerichtetes, positives Leitbild der Pädagogen von morgen.

  • Dem Pädagogen-Leitbild liegt ein 2015 gestartetes IV-Projekt zugrunde. Es hatte bewusst auf einen umfassenden Dialog mit den Betroffenen gesetzt und sich folgende Ziele verordnet:

  • • Die Entwicklung eines Leitbildes für die Pädagogen aller Bildungsbereiche, das ein professionelles Rollen- und Selbstverständnis (Einstellungen und Haltungen) sowie zentrale Tätigkeiten und Kernaufgaben beschreibt.

  • • Das Aufzeigen von erforderlichen Rahmenbedingungen und Reformmaßnahmen, um ein unterstützendes, arbeits- und lernförderliches Klima für Lehrende und Lernende zu fördern.

  • • Das Verständnis für die pädagogische Verantwortung und die qualitativen Leistungen der Pädagogen wecken, um Wertschätzung, Image und Attraktivität der Berufsgruppe zu erhöhen.

  • Ausgangsüberlegungen dabei: das Bewusstsein für die gesamtgesellschaftliche Schlüsselrolle der Pädagogen; Veränderungen in Arbeitswelt, Familie und Gesellschaft, die die Berufsgruppe vor neue Herausforderungen stellen, aber auch: ein generelles Imageproblem des Berufsstandes, das sich viel zu oft in einer oberflächlichen "die haben eh so lange Ferien"-Debatte erschöpft. Ein deklariertes Nichtziel war es (und das gilt generell für "Beste Bildung"), das Pädagogen-Leitbild im IV-Alleingang am Reißbrett zu entwerfen - ohne die Expertise wichtiger Akteure. Von Dezember 2015 bis April 2016 haben daher mehr als 60 Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen (Schüler, Pädagogen, Eltern, Wissenschaft, Ausbildner) engagiert zusammengearbeitet. Mit Erfolg. Seit damals liegt ein breit akkordiertes, mehrdimensionales Leitbild vor, das die Anliegen und Überlegungen von professionell mit Kindergarten, Schule und Unterricht Befassten mit jenen von Wirtschaft und Industrie verbindet. Und eigentlich nur von der Politik umgesetzt werden müsste. Konkret:

  • Professionelles Rollenbild und Selbstverständnis. Pädagogen

  • • stellen Lernende in den Mittelpunkt ihrer Arbeit und tragen Verantwortung für deren erfolgreiche Bildungs-, Lehr- und Lernprozesse.

  • • schätzen ihren Beruf und bringen Begeisterung dafür mit.

  • • verstehen sich auch selbst als lebensbegleitend Lernende, erachten fachliche, didaktische und persönliche Fort- und Weiterbildung als selbstverständlich und fördern entsprechende Einstellungen und Kompetenzen bei den Lernenden.

  • • fördern einen positiven, inklusiven Umgang mit der Diversität und Vielfalt der Lernenden (ethnische Herkunft, Sprache, Geschlecht, besondere Bedarfe).

  • • sensibilisieren Kinder und Jugendliche für Werte und Normen unserer Gesellschaft.

  • • unterstützen und fördern eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden mit dem Ziel, kritisch denkende und verantwortlich handelnde junge Menschen heranzubilden.

  • • sind gegenüber Kindern und Jugendlichen wertschätzend und motivierend.

  • • agieren empathisch und interessieren sich für die sozialen und kulturellen Lebensbedingungen der Lernenden.

  • • haben Selbstvertrauen, Selbstwert und Selbstbewusstsein und können auch mit Misserfolgen umgehen.

  • Kernaufgaben und Tätigkeitsbereiche. Pädagogen sind

  • • Experten für Lernen und Lehren

  • • Mentoren sowie Talentscouts

  • • Vorbilder und zeigen Leadership

  • • Teamspieler

  • Unterstützende Rahmenbedingungen und ein arbeits- und lernförderliches Klima für Lehrende und Lernende. Damit Pädagogen ihre umfangreichen und verantwortungsvollen Aufgaben in den elementaren Bildungseinrichtungen und Schulen bestmöglich erfüllen können, braucht es:

  • • eine qualitätsvolle Ausbildung aller Pädagoginnen und Pädagogen auf tertiärem Niveau.

  • • bedarfsorientierte und regelmäßige Fort- und Weiterbildungsangebote (inkl. Supervision und Coaching) sowie Professionalisierungsangebote für Leitungsfunktionen.

  • • individuelle und situationsbezogene Unterstützung durch multiprofessionelle Teams am Standort und administratives Personal.

  • • Schaffung neuer Karriereperspektiven innerhalb und außerhalb der Profession, neue Laufbahn- und Arbeitszeitmodelle sowie ein leistungsförderndes Dienstrecht.

  • • einen attraktiven Lebens- und Arbeitsraum für Lehrende und Lernende (optimierte und digitale Arbeitsplätze, moderne Architektur und Raumkonzepte).

  • Ausgehend von diesem Leitbild hat die IV zusätzliche Handlungsfelder und Umsetzungsmaßnahmen entwickelt, deren Beschreibung an dieser Stelle zu weit führen würde (Langfassung auf der Website der IV unter https://www.iv.at/de/iv/pageflip/81922/#page=1). Und auch wenn das Pädagogen-Leitbild bereits drei Jahre alt ist - es hat kaum an Aktualität und Dringlichkeit eingebüßt. Fast alle Parteien haben sich die Stärkung der Pädagogen, die Aufwertung ihrer Rolle und ordentliche Rahmenbedingungen ins Wahlstammbuch geschrieben. Gut so und begrüßenswert! Daher die Einladung an alle (künftig) politisch Verantwortlichen: Es gibt ein Gesamtpaket, das nur genommen und umgesetzt werden muss. Pädagogen-Leitbild zur freien Entnahme!

Zur Person

Eva-Maria Haubner, Bereich Bildung & Gesellschaft der Industriellenvereinigung (IV)

Eva Haubner ist im Bereich Bildung & Gesellschaft der Industriellenvereinigung als Expertin für Elementarbildung und Schule tätig. Haubner absolvierte die Studien der Rechtswissenschaften & Skandinavistik in Wien. Nach ihrem Gerichtspraktikum folgte eine mehrjährige Tätigkeit im Europäischen Parlament in Brüssel mit den Schwerpunkten Umwelt- und Konsumentenschutz sowie Energie- und Verkehrspolitik. Ab Juli 2004 arbeitete Haubner - mit Karenzunterbrechungen - in der Industriellenvereinigung als Expertin in unterschiedlichen Themenfeldern wie Daseinsvorsorge, berufsbildendes Schulwesen und duale Ausbildung (berufliche Bildung). Seit März 2012 widmet sie sich dem Arbeitsschwerpunkt Elementarbildung und Schule und zeichnet dabei für die Konzeption zahlreicher IV-Bildungskonzepte, u.a. „Bildung und Integration“ (2013), „Elementarpädagogik: Beste Bildung von Anfang an“ (2015) sowie „Beste Bildung: Bildung neu denken. Schule besser leben“ (2016) verantwortlich.

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