Gastkommentar

Karin Kuchler, Martijn Kiers © FH JOANNEUM
5
Dossier

"Die Zukunft hat viele Namen: Mobility meets Urbanity"

Gastkommentar

29.03.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in der vierten industriellen Revolution - einer Zeit, die durch zunehmende Digitalisierung und eine Integration von cyber-physischen Systemen geprägt ist. Was wird die Zukunft im Mobilitätssektor bringen? Einige Trends und Tendenzen lassen sich auf jeden Fall determinieren. Wie bereits Viktor Hugo feststellte "Die Zukunft hat viele Namen". Im nächsten Schritt möchten wir diesen Zukunftsszenarien einen Namen geben.

  • Die Zukunft liegt, nach aktuellen Erkenntnissen, in unseren Städten. Tatsache ist, dass Österreich momentan eine Zeit des demographischen Wandels durchlebt. Einerseits wird unsere Bevölkerung immer älter - das Durchschnittsalter von Herr und Frau Österreicher liegt bei 42,4 Jahren - Tendenz steigend. Andererseits kann global der Trend zur "Verstädterung" (Urbanisierung) festgestellt werden. Bis zum Jahr 2050 werden 66 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. In Wien allein wird die Bevölkerung auf über 2,1 Millionen bis 2050 ansteigen. Im selben Zeitraum wird eine Bevölkerungsabnahme von bis zu 10 Prozent in ländlichen Regionen in Kärnten, Steiermark, Oberösterreich und dem Burgenland prognostiziert. Diese Grundtendenzen alleine werden erheblichen Einfluss auf die Lebens- und Mobilitätsgewohnheiten der Zukunft haben.

  • Die ländlichen und urbanen Verkehrssysteme der Zukunft werden vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Im ländlichen Gebiet ist eine starke Abhängigkeit von motorisiertem Individualverkehr (MIV) zu verzeichnen. Aufgrund der Bevölkerungsabnahme wird rentabler öffentlicher Personalverkehr (ÖPNV) immer unwahrscheinlicher. Diese Abwärtsspirale zieht natürlich auch eine Qualitätsverschlechterung des Angebots (zum Beispiel weniger Bedienungsfrequenzen, längere Reisezeiten, etc.) mit sich. Geringeres ÖPNV-Angebot führt in weiterer Konsequenz wieder zu einer Zunahme der Nutzung von motorisiertem Individualverkehr, um diese Engpässe zu überbrücken. Ein Lösungsansatz in diesem Szenario ist der sogenannte Mikro-ÖV, ein System, in dem kleine regionale Anbieter flexible und bedarfsgerechte Angebote für die Zielgruppe "maßschneidern" um Defizite in der Mobilitätsversorgung auszugleichen.

  • In der städtischen Mobilität sieht das Bild wieder vollkommen anders aus. Hier kämpfen Stadt- und Verkehrsplaner mit erhöhtem Verkehrsaufkommen, Staus und hohen Schadstoffbelastungen. Ein Quereinsteiger im Automotive-Bereich, "Tesla", rüttelte die Branche wach und wurde zu einem der größten Hersteller im Bereich Elektromobilität. Auf europäischer Ebene ist Norwegen ein Vorreiter für alternative Antriebe. Das Land hat sich zum Ziel gesetzt 400.000 batterieelektrische Fahrzeuge, sowohl rein elektrische, als auch Hybrid-Fahrzeuge, bis zum Jahr 2020 auf die Straße zu bringen. Ein aktueller Plan der norwegischen Regierung lautet ab 2025 nur noch Fahrzeuge mit alternativen Antrieben zuzulassen.

  • Alternative Antriebe inkludieren auch Antriebsarten, die sich noch in der Entwicklungsphase befinden. Eine dieser vielversprechenden Entwicklungen ist der Wasserstoffverbrennungsmotor (kurz Wasserstoffmotor). In diesem Motor, der wie ein Otto- oder Dieselmotor aufgebaut ist, wird Wasserstoff als Kraftstoff genutzt. Die Emission von Stickoxiden kann geringgehalten werden. Ein Problem für die weitgehende Implementierung in Österreich liegt in der mangelhaften Tankinfrastruktur mit nur fünf öffentlich zugänglichen Tankstellen. Eine weitere potenzielle Entwicklung ist die Wasserstoff-Sauerstoff-Brennstoffzelle mit nachgeschaltetem Elektromotor. Dieses Fahrzeug fährt elektrisch. In der Brennstoffzelle wird chemische Energie über die Elektroden kontinuierlich in elektrische Energie umgewandelt. Auch hier befindet sich die Technologie noch in der Entwicklungsphase: Um Wasserstoff als Energieträger zur Stromerzeugung in Brennstoffzellen oder als Fahrzeugantrieb in Brennstoffzellen industriell nutzbar zu machen, sind noch eine Reihe wirtschaftlicher und technischer Fragen zu lösen.

  • Wie sieht der Status quo in unseren Städten aus? Kurze Distanzen erfordern aufgrund des Verkehrsaufkommens und des Platzmangels einen enorm hohen Zeitaufwand. Da keine neuen Straßen zur Verfügung stehen, werden integrierte Verkehrssysteme die einzige gangbare Lösung. Am Beispiel Wien lässt sich erkennen, dass der Modal Split sich zwischen 1993 (29 % ÖV) und 2014 (39 % ÖV) zugunsten des öffentlichen Verkehrs entwickelt hat. Dieser Trend wird sich aufgrund des Zuzugs und des gleichbleibenden Raumangebots weiter durchsetzen. Grundsätzlich hat der urbane Raum mit dem Phänomen der "Verdichtung" und "Wucherung" zu kämpfen. Dies bedeutet, dass die Bebauung der Stadt dichter erfolgt und höherer Druck auf den öffentlichen Raum und die Mobilitätssysteme entsteht. Da durchwucherte Stadtzentren extrem einschüchternd, unbequem und unangenehm wirken können, gilt es hier durch striktere Raumordnung, clevere Verkehrsplanung und innovativem Design entgegenzuwirken.

  • Die Kombination dieser drei Elemente kann formschöne und lebenswerte Ergebnisse produzieren. Die Verwendung von Glas auf Bodenniveau und gestaffelte Bauhöhen zur Erhaltung der Sichtlinie können dazu beitragen, dass sich dichte Bereiche offen und einladend anfühlen, ohne den Raum zu stark zu beeinträchtigen. Die Stadt der Zukunft wird wahrscheinlich E-Ladestationen enthalten, welche unterschiedliche Funktionen erfüllen (zum Beispiel: Schilder, Wartehäuschen, Mauern oder Straßenmöbel). Die "Starpath"-Technologie ist ein Beispiel, wie durch selbstleuchtende Pfade - die Beschichtung der Wege absorbiert Sonnenlicht und emittiert im Dunkeln Licht-, energiesparend das Stadtbild verschönert werden und gleichzeitig die "Walkability" gesteigert werden kann. Beleuchtung, die sich dem Bewegungsverhalten anpasst und somit auch nachts für ein Gefühl der Sicherheit sorgt, unterstützt auch die Förderung von "Fußverkehr" in Städten. Um dem durch neue und smarte Infrastruktur entstehenden Energiebedarf gerecht zu werden, gilt es auch Städte mit Energie aus erneuerbaren Energiequellen zu versorgen und energieeffizient zu arbeiten.

  • Aufbauend auf den Trend der Walkability, ist auch der Trend der "Bikeability" zu nennen. Fahrradfreundliche Raumplanung motiviert Menschen, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen und auf den motorisierten Individualverkehr zu verzichten. Für eine fahrradfreundliche Stadt gibt es folgende Planungsprinzipien: durchgehend verbundene Radinfrastruktur, direkte Verbindungen zwischen den Daseinsgrundfunktionen, ein attraktives Straßendesign, eine hohe Verkehrssicherheit und eine komfortable Straßenoberfläche. Die Konzepte der Walkability und Bikeability in urbanen Räumen werden in den kommenden Jahren eine der obersten Prioritäten der Stadtplanung sein, um den Trends der Urbanisierung, aber auch der Schadstoffbelastung in Städten gerecht zu werden.

  • Eine weitere Möglichkeit, um Probleme im modernen Stadtleben zu lösen, liegt im Bereich der Konnektivität und "Big Data". Smart Cities sind zwar eher Utopie als Realität - die Infrastruktur um eine ganze Stadt zu verbinden, gibt es noch nicht. Smart Cities befinden sich aber in der Entwicklungsphase und einige Innovationen werden bereits umgesetzt, insbesondere im Bereich des Verkehrsmanagements. Zu den gängigen Technologien gehören hier Karten-Apps auf Smartphones, die weitgehend von der öffentlichen Akzeptanz offener Plattformen anstelle von Infrastruktur abhängen oder Connected Cars, von denen allgemein erwartet wird, dass sie bald häufiger auf unseren Straßen anzutreffen sind. In naher Zukunft werden Smart Cities den Weg für eine bessere Effizienz, einen gut gesteuerten Verkehr, eine bessere Kommunikation und eine gemeinschaftsbasierte - vielleicht sogar auf soziale Medien basierende - Problemlösung ebnen. Die Konnektivität reicht weit über den Internetzugang hinaus. In der Tat werden technische Produkte in städtische Umgebungen integriert, um Verkehr, soziale Dienste, Gesundheit und öffentliche Räume zu verbessern, um allgegenwärtige Konnektivität, Echtzeitsensoren, präzise Standortdienste, verteiltes Vertrauen, autonome Systeme und digitale Betätigung und Fertigung bereitzustellen.

  • Die Frage "Was wird uns in Zukunft bewegen?" kann nicht eindeutig beantwortet werden. Die Zukunft hat, trotz allen Erklärungsversuchen, viele Namen. Klar ist, dass fossile Verbrennungsmotoren ein Ablaufdatum haben und neue Antriebsarten und Energiequellen eingesetzt werden müssen. Begriffe wie "Big Data", "Konnektivität" und "Urbanität" werden unsere Gesellschaft und die Mobilität der Zukunft jedoch nachhaltig prägen und eine weitere Revolution auslösen.

Zur Person

Martijn Kiers und Karin Kuchler, Studiengang "Energie-, Mobilitäts- und Umweltmanagement" FH Joanneum

Dipl.-Ing. Martijn Kiers ist seit 2006 als Senior Lecturer und Senior Researcher in den Bereichen „Verkehrs- und Raumplanung“, sowie Verkehrstechnik an der FH JOANNEUM am Studiengang „Energie-, Mobilitäts- und Umweltmanagement“ tätig. Sein besonderes Interesse gilt den Forschungsschwerpunkten „Innovative Mobilitätssysteme“, „Sanfte Mobilität“ und „Smart Cities. Praktische Erfahrungen hat Martijn Kiers im Rahmen seiner Studien an der Fachhochschule Utrecht und der Universität Amsterdam, sowie in seiner Tätigkeit als Projektmanager im niederländischen Ministerium für Verkehr gesammelt.

Karin Kuchler, BA BA MA ist seit 2016 als Lecturer und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit am Studiengang „Energie-, Mobilitäts- und Umweltmanagement“ der FH JOANNEUM tätig. Als Spezialistin für internationales Management und Marketing gilt ihr besonderes Interesse den Themen „Innovative Stadtplanung“, „Internationalisierung“ sowie „Betriebliches Umweltmanagement“. Karin Kuchler absolvierte ihre akademische Laufbahn an der FH JOANNEUM, der Paris Graduate School of Management und der Karl-Franzens-Universität.

Dossier

Die Mobilität der Zukunft ist geprägt von E-Mobilität, autonomen Fahrzeugen und der Urbanisierung. Geht man ins Detail, welche Technologien und Angebote sich durchsetzen und auch ...

Gastkommentare

"Die Zukunft hat viele Namen: Mobility meets Urbanity"
von Martijn Kiers und Karin Kuchler
Studiengang "Energie-
Mobilitäts- und Umweltmanagement" FH Joanneum
"Mobilität als Daseinsvorsorge"
von Christina Hubin
Leiterin Research & Development bei Upstream - next level mobility
"Verkehrspolitik in der Falle"
von Volker Plass
Programmdirektor von Greenpeace in Österreich
"Was kommt da auf uns zu? Selbstfahrende Fahrzeuge in der Stadt"
von Mathias Mitteregger
Projektleiter AVENUE 21
TU Wien
"Selbstfahrende Autos auf dem Weg zum Recht"
von Andreas Eustacchio
Rechtsanwalt

Hintergrundmeldungen

(v.l.n.r.): Florian Klück, Nour Chetouane, Franz Wotawa, Bernhard Peischl und Martin Zimmermann © Lunghammer/TU Graz

CD-Labor an TU Graz: "Pickerl" für Software autonomer Systeme

Komplexe technische Systeme erfordern eine ständige Weiterentwicklung, dazu ...
Nicht nur die Wiener Linien setzen auf einen Ausbau des Schienenverkehrs © APA (dpa)

Zug um Zug weg vom Auto

Der Hund, der beste Freund des Menschen? Sein ständiger Begleiter? Mitnichten. ...
Sensoren und Kameras überprüfen den Zustand der Stromabnehmer © Siemens AG Pressebilder

Gütertransport im Wandel: Emissionsfrei und autonom

Auf der Autobahn mit Strom fahren, auf der Landstraße mit einem Hybridantrieb: ...
Aktuelle Entwicklungen im Bereich Mobilität werden bei der TRA diskutiert © APA (dpa)

Größter Verkehrsforschungs-Kongress Europas im April in Wien

Mit der "Transport Research Arena" (TRA 2018) findet vom 16. bis 19. April ...
Auch "organisatorische Reife" nötig © APA (dpa)

Autonomes Fahren: Diskussion um rechtlichen Rahmen an TU Graz

Mit mehr Fragen als Antworten sind kürzlich die Zuhörer der Diskussionsreihe ...
Experte rechnet mit massiv günstigerer Mobilität pro Kilometer © APA (AFP)/yt/ACW

Künstliche Intelligenz bringt weniger Autos und mehr Fahrten

Durch selbstfahrende Autos könnten in Zukunft weniger Fahrzeuge auf der Erde ...
Uber-Unfall sorgt für Verunsicherung © APA (AFP)

Fahren und gefahren werden

Steuern in Zukunft Algorithmen oder Menschen die Autos? Die meisten technischen ...
72 Prozent unternehmen wöchentlich zumindest eine Fahrt im Pkw © APA (dpa)

Auto bleibt für die Österreicher wichtigstes Verkehrsmittel

Das Auto bleibt für die Österreicher weiter das wichtigste Verkehrsmittel. 72 ...
Ausgewogene Lösungen sind gefragt © APA (AFP/General Motors)

Forscherin: Einsatz autonomer Fahrzeuge sorgfältig planen

In der Diskussion um automatisierte Fahrzeuge dominieren technische oder ...

Mehr zum Thema