Gastkommentar

Franz Humer © Land NÖ
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Dossier

"Die zerstörungsfreie Vermessung Carnuntums"

Gastkommentar

01.04.2014
  • Wien (Gastkommentar) - "Archäologie stellt das durch die Geschichte Zerstörte wieder her" formulierte einst der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt. Doch ein Problem dabei ist, dass eine archäologische Ausgrabung ein gewisses Maß an Zerstörung der Substanz bedingt: wie soll man an die ältesten Schichten gelangen, wenn spätere Epochen darüber liegen, ohne sie wenigstens stückweise wegzunehmen?

  • Ein wesentliches Ziel des Archäologischen Parks Carnuntum etwa 45 km östlich von Wien ist es, hier international neue Wege zu beschreiten. Von dieser größten archäologischen Landschaft Mittel- und Südosteuropas sind nur ganz wenige Teilbereiche zu sehen. Denn aufgrund der enormen Größe und der lokalen Grabungsgeschichte präsentieren sich die sichtbaren Bereiche der Stadt räumlich sehr zersplittert. Für einen interessierten Besucher ist es schwer, sich eine Vorstellung von der Ausdehnung der antiken Stadt zu machen. Trotzdem soll aber den Besuchern ein verständlicher Eindruck von der antiken Stadtstruktur und der flächenmäßigen Ausdehnung gegeben werden. Eine vordringliche Aufgabe ist es daher, die (in Relation zur Gesamtgröße der antiken Stadt) wenigen sichtbaren archäologischen Stätten zu konservieren und bestmöglich zu präsentieren. Die in den letzten Jahren durchgeführten Untersuchungen, vor allem im Bereich der ehemaligen Zivilstadt erbrachten neue und wichtige Kenntnisse für die stadtbaugeschichtliche Entwicklung Carnuntums. Nach Beendigung der feldarchäologischen Untersuchungen wurden die aufgedeckten antiken Bauwerke nach international gültigen Maßstäben der archäologischen Denkmalpflege konserviert und präsentiert. Dies geschah in Form von Mauerwerksrestaurierungen sowie Teil- und Vollrekonstruktionen.

  • Doch Ausgrabung bedeutet, wie bereits eingangs angedeutet, stets auch einen hohen Grad an Zerstörung des Originalbefundes. Und da die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, die Ergebnisse zu sehen und zu verstehen - schließlich werden die meisten archäologischen Untersuchungen mit öffentlichen Steuergeldern durchgeführt - wird versucht, diese Ergebnisse verständlich zu vermitteln. In Carnuntum wird daher vermehrt mit zerstörungsfreien Untersuchungsmethoden und multimedialen Präsentationssystemen gearbeitet, die im Einzelfall eine feldarchäologische Untersuchung natürlich nicht ersetzen können. Doch ist der Verlust an archäologischen Denkmälern durch die Ansprüche unserer heutigen Gesellschaft so rapide, dass zunehmend mehr großflächige Untersuchungen notwendig sind, um wenigstens "das Wichtigste" retten zu können.

  • Durch das seit Anfang 2012 gestartete Projekt einer "Gesamtprospektion Carnuntums" (Projektdauer: 2012-2014) wird in Kooperation zwischen dem Ludwig Boltzmann Institut (LBI) ArchPro und dem Land Niederösterreich durch den großflächigen Einsatz geophysikalischer Prospektionsmethoden (Magnet-, Elektrik- und Bodenradarmessungen) die gesamte antike Stadt Carnuntum untersucht und ein realer Stadtplan erstellt. Das in seinem modernen Forschungsansatz und in seiner Dimension weltweit einzigartige Projekt wird durch ein internationales Partnernetzwerk unterstützt (Stonehenge, Norwegen, Schweden, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz etc).

  • Die bisherigen geophysikalischen Auswertungen erbrachten bereits spektakuläre wissenschaftliche Ergebnisse, so etwa die Auffindung einer römischen Gladiatorenschule, die im Jahr 2011 weltweit für mediale Furore sorgte. Doch die Untersuchungen werden auf die nächsten Jahre hinaus noch viele weitere Forschungen nach sich ziehen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden die Grundlage der künftigen wissenschaftlichen Aufarbeitung Carnuntums im feldarchäologischen Bereich für zumindest die nächsten 30 Jahre bedeuten.

  • Daneben ist aber auch die zeitgemäße Aufarbeitung der enormen Fundbestände Carnuntums (grob geschätzt mind. 2,5 Mio. Objekte) in weiterer Zukunft ein Hauptbetätigungsfeld. Die infrastrukturellen Voraussetzungen (Depot, Restaurierungswerkstätten, wissenschaftliche Arbeitsplätze, Datenbanken, neue technische Zugänge etc.) konnten bereits in den letzten Jahren in der Kulturfabrik Hainburg hergestellt werden. Neben der klassischen Archivierung und wissenschaftlichen Auswertung sind durch kontinuierliches Laserscanning ausgewählter Objekte weltweit derzeit ca. 6.000 Stück jederzeit frei abrufbar (www.carnuntum-db.at).

  • Auch die gezielte datenbankmäßige und inhaltliche Aufarbeitung von knapp 100.000 römischen Fundmünzen aus Carnuntum wird laufend fortgeführt. Dabei wurden und werden die Münzen gemäß den Kriterien des von der Numismatischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erstellten Modells wissenschaftlich aufgearbeitet, dokumentiert und im landeseigenen Inventarisierungsprogramm TMS (The Museum System) archiviert.

  • Ungeachtet dessen warten trotz 160-jähriger Forschung in Carnuntum immer wieder neue und völlig überraschende Herausforderungen, die durch kontinuierliche Prospektion, feldarchäologische Maßnahmen und Fundaufarbeitung gezielt und kontinuierlich in Angriff genommen werden.

  • Et multa magis quam multorum lectione formanda mens.

  • "Man sollte den Geist mehr durch gründliche als durch vielerlei Lektüre bilden."

  • (Quintillianus, *** 10, 1, 59)

  • Weniger ist mehr! So lautet - sehr frei übersetzt - der vernünftige Satz des römischen Schriftstellers Quintillianus, der das Motto für die derzeitige Entwicklung des Archäologischen Parks Carnuntum ist. Also: Effizient arbeiten, aber vom Zeitfaktor her nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Gründlichkeit und Nachhaltigkeit. Nicht zuletzt deshalb hat die Europäische Kommission in Brüssel dem Archäologischen Park Carnuntum auch das Europäische Kulturerbesiegel verliehen.

Zur Person

Franz Humer, Landesarchäologe des Landes Niederösterreich

Franz Humer ist seit 1989 mit der wissenschaftlichen, administrativ-organisatorischen und finanziellen Leitung der archäologischen Untersuchungen und Forschungen sowie Parkpflege bei den Ausgrabungen des Landes NÖ in Carnuntum betraut, seit 1992 ist er bei der Abteilung Kultur und Wissenschaft des Amtes der NÖ Landesregierung im wissenschaftlichen Dienst beschäftigt. In dieser Funktion Durchführung von archäologischen Ausgrabungen, Konzeption und Ausführung von Ausstellungen, Mitarbeit an Forschungsprojekten (Münzprojekt Carnuntum“ der Numismatischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Herstellung einer Videodokumentation beim österreichisch-türkischen Kooperationsprojekt Palastmosaik von Konstantinopel“ (TR) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), Kooperation mit der privatwirtschaftlich organisierten Archäologischer Park Carnuntum-Betriebsges.m.b.H., zahlreiche archäologische Publikationen.

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