Gastkommentar

Roswitha Engel © FH Campus Wien
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Dossier

"Digitale Helfer für ein gut unterstütztes Leben mit Demenz"

Gastkommentar

28.11.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Demenz bedeutet große Veränderung, für die Betroffenen genauso wie für die Familie, denn oftmals werden Demenzerkrankte von Angehörigen liebevoll zu Hause betreut. Die vom Kompetenzzentrum für Angewandte Pflegeforschung der FH Campus Wien entwickelten digitalen Hilfsmittel, wie die App DEA - Lebensfreude oder der Drink Smart-Becher, unterstützen betreuende Personen und helfen, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu heben.

  • Daheim ist es am schönsten. Das trifft natürlich besonders auch für an Personen mit Demenz zu. Um möglichst lange im vertrauten Umfeld bleiben zu können, bedarf es aber der Hilfe und Unterstützung durch Angehörige oder anderer betreuender Personen sowie durch professionelle Pflegedienste. Diese Betreuung ist zeitintensiv und fordert. Der Ruf nach anwenderfreundlichen technischen Hilfsmitteln macht das Forschungsfeld Active and Assisted Living (AAL) daher essenziell. An der FH Campus Wien stellen wir in diesem interdisziplinären Bereich - Angewandte Pflegewissenschaft forscht gemeinsam mit technischen Studiengängen und jenen aus den Gesundheitswissenschaften - das Wohl der älteren Menschen in den Fokus und entwickeln smarte Alltagsgegenstände und Hilfsmittel. Sie zielen darauf ab, Selbstständigkeit, Sicherheit und Wohlbefinden der Erkrankten zu erhalten bzw. zu steigern. Auch die Angehörigen sollen mit evidenzbasierter Information rasch und unkompliziert Unterstützung erfahren. Das bringt eine allgemeine Entspannung für betroffene Familien.

  • DEA-App für mehr Lebensfreude

  • Gerade in der Phase erster Demenz-Anzeichen fällt es Angehörigen oftmals schwer, sich einzugestehen, dass Vater oder Mutter von Demenz betroffen ist. Ratlosigkeit sowie Unsicherheit herrschen vor und es ist betreuenden Familienmitgliedern zeitlich und emotional manchmal kaum möglich, beispielweise eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. In dieser Situation bietet die App DEA - Lebensfreude als niederschwellige Anlaufstelle umfassend Hilfe mit gebündelter Information und einem breiten Katalog an Vorschlägen zur Alltagsgestaltung. Der Name ist Konzept: Die App soll Lebensfreude bringen und den Alltag für Erkrankte und Betreuende einfacher machen.

  • Belastung für betreuende Angehörige reduzieren

  • Das Informationstool der DEA-App bietet Kontaktdaten aller relevanten Anlaufstellen, wie Selbsthilfegruppen für Angehörige, Beratungsstellen, Pflegenotdienste und mehr. Zusätzlich enthält es Ratschläge für schwierige Situationen, etwa für den Umgang mit Aggression der Erkrankten. Zudem geht es auch darum, den Alltag einfacher zu gestalten - das gelingt schon mit simplen Dingen, zum Beispiel empfiehlt die App, nicht zehn Pullover im Schrank zur Auswahl bereitzustellen, sondern nur zwei.

  • Ganz essenziell für Betreuende ist, auf sich selbst zu schauen. Die App gibt Empfehlungen zur Überlastungs- und Burn-out-Prophylaxe, wie Anleitungen zur Meditation oder für Atemübungen. Auch Tipps, um sich selbst Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen, hat das Forschungsteam zusammengetragen. Die Informationsplattform versteht sich als wachsendes Tool und wird laufend erweitert.

  • Gemeinsam aktiv bleiben

  • Herzstück der App ist der Katalog an sinnstiftenden gemeinsamen Aktivitäten. Diese sollen Demenzerkrankte geistig fordern, Orientierung durch Alltagstätigkeiten geben und unterhalten. Dafür erstellen die Angehörigen ein anonymes Profil, sie geben den Grad der Mobilität und der Orientierung sowie die sprachliche Kompetenz der zu betreuenden Person an, ebenso Geschlecht und Vorlieben in der Vergangenheit. Dann schlägt die App individualisierte Aktivitäten vor: Beispielsweise für naturverbundene Erkrankte - gemeinsam ein Beet anlegen. Bei einer Vorliebe für kreative Hobbys könnten Perlen sortiert und aufgefädelt werden. Kochbegeisterte helfen in der Küche - Kräuter auf ein Brot streuen etwa, klappt auch noch bei eingeschränkten motorischen Fähigkeiten gut. Auch ganz banale Alltagsroutinen wie gemeinsames Geschirrspülen sind hilfreich. Denn es gilt: Gemeinsam im bekannten sozialen Umfeld aktiv bleiben. Das kann der Einschränkung eher entgegenwirken, als wenn Demenzpatienten alleine Puzzles oder Rätsel lösen.

  • An diesem von der FFG geförderten Forschungsprojekt arbeitete ein FH Campus Wien-Team unter dem Lead von Franz Werner, Studiengangsleiter Health Assisting Engineering, mit der Medizinischen Universität Wien, der Research Group for Assisted Living Technologies (raltec), der WPU GmbH und der NOUS Wissensmanagement GmbH zusammen. Als Version für Android wird die DEA-App demnächst gelauncht.

  • Smarte Quelle - Drink Smart

  • Um Prävention und erinnernde Unterstützung geht es beim Drink Smart Becher. Das macht ihn auch für von Demenz Betroffene hilfreich. Das intelligente Trinksystem erinnert ältere Menschen ans Trinken und hilft somit ihren Flüssigkeitshaushalt in Balance zu halten. Ziel ist es, Dehydratation zu vermeiden, denn die kann wiederum Kreislauf- und Nierenversagen oder unter Umständen Bewusstlosigkeit zur Folge haben. Interdisziplinäre Expertise der FH Campus Wien unter der Leitung von Elisabeth Haslinger-Baumann, Leiterin des Kompetenzzentrums Angewandte Pflegeforschung, führte in diesem von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) geförderten Forschungsprojekt zum Prototyp eines marktnahen Trinkbechers. Das Forschungsteam stützte sich auch auf Know-how des Software-Herstellers akquinet ristec, des Kunststoff produzierenden Betriebs Schorm GesmbH und der MIK-OG, Dienstleister in der Hauskrankenpflege.

  • Der Becher, der ans Trinken erinnert

  • Der Trinkbecher misst die getrunkene Flüssigkeitsmenge und zeichnet die Daten auf. Diese sind von allen autorisierten Personen, beispielsweise auch Angehörigen oder Pflegepersonal von Hauskrankenpflegediensten, am Becher selbst oder mittels App abrufbar. Seine Hilfsfunktion reicht von einer individuellen Erinnerung bis zum Alarm beim mobilen Pflegedienst. Das erfreuliche Ergebnis der Tests: Die tägliche Trinkmenge steigt, einer Dehydratation im Alter wird vorgebeugt und älteren Menschen kann somit ein selbstständiges Leben zu Hause erleichtert werden.

Zur Person

Roswitha Engel, FH Campus Wien

Roswitha Engel ist Leiterin des Departments Angewandte Pflegewissenschaft und Leiterin des Bachelorstudiums Gesundheits- und Krankenpflege an der FH Campus Wien, wo sie auch lehrt. Sie arbeitete auch als Lektorin für Pflegewissenschaft an der Universität Wien und ist Autorin zahlreicher Fachbücher.

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