Gastkommentar

Peter Walla © Privat
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Dossier

"Einflüsse der Digitalisierung auf menschliche Kommunikation"

Gastkommentar

25.04.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Es gibt nichts im Leben eines Menschen, was unter allen Umständen nur Nachteile oder nur Vorteile bringt. Das gilt auch für Smartphone und Co.. Ohne jeglichen Zweifel war bereits ein simpler Taschenrechner eine Revolution, deren Möglichkeiten menschliches Kalkulationsvermögen weit in den Schatten stellt. Ein einfacher Taschenrechner ist mittlerweile weit vom Standard entfernt. Man denke an all die Apps, die uns durch satellitengestützte Navigation punktgenau ans Ziel bringen, die jederzeit alle Fragen beantworten, unsere Gesundheit überwachen, oder uns unsere Autos länger legal am gebührenpflichtigen Abstellplatz stehen lassen.

  • Gleichzeitig ist es nicht weniger wahr, dass dieselben Technologien nicht in jeder Hinsicht Zeit sparen, es ist auch nicht unbedingt so, dass sie uns produktiver machen. Am interessantesten ist allerdings die Tatsache, dass uns digitale Kommunikationsgeräte auch nicht unbedingt näher zusammenbringen. Digitale Kommunikation kann niemals biologisch echte ersetzen. Klarerweise fehlen diverse sensorische Kanäle, die über viele Millionen Jahre der Evolution zusammen mit äußerst empfindlichen Sende- und Empfängersystemen einen multimodalen Kommunikationsapparat entstehen haben lassen. Natürliche Kommunikation läuft sowohl verbal als auch nicht-verbal ab. Mimik, Körperhaltung, Geruch, Gestik, Sprachmelodie, simpler Augenkontakt sind nur einige von vielen weiteren Informationsquellen, deren Bedeutungen lange unterschätzt wurden.

  • Mittlerweile wissen wir, dass das menschliche Gehirn während einer natürlichen Kommunikation eine enorme Fülle nicht-verbaler Daten verarbeitet und diese auch für Entscheidungen außerhalb unseres Bewusstseins einsetzt. Menschen sind von Natur aus sozial, weswegen die Mitteilungsfunktion der digitalen Geräte wenig überraschend positiv wahrgenommen wird. Aber digitale Kommunikation ist im wahrsten Sinne des Wortes "unnatürlich". Das Bedürfnis, sich mitzuteilen gepaart mit einer uneingeschränkten Empfängerschaft, resultiert in einer dominant gewordenen, unnatürlichen Kommunikation, der es in relativ kurzer Zeit gelingen kann, zu zerstören, was sich über sehr lange Zeit entwickelt hat. Einem wichtigen Gesetz der Natur zufolge verhungern Gehirnfunktionen, wenn sie eine gewisse Zeit nicht zur Anwendung kommen wie ein nicht benutzter Muskel, wenn er beispielsweise durch einen Gips ruhig gestellt wird.

  • Die Summe der negativen Auswirkungen der Digitalisierung wird als "Paradox des Fortschritts" bezeichnet. Das Grundproblem bei all den digitalen Geräten ist, dass diese durch hauptsächlich wirtschaftliche Interessen getrieben werden. Nur wer sehr naiv denkt, glaubt, dass dieselbe Industrie es gut mit uns Menschen meint. Der Umsatz steht im Vordergrund und nicht der edle, menschenfreundliche Gedanken. Tatsache ist, dass in nur wenigen Jahren nach der Einführung von Smartphones weit über zwei Milliarden Menschen ein solches nutzen. Man muss neidlos zugeben, dass hier definitiv ein Bedürfnis gestillt wird, wenn so viele Menschen auf den Zug der smarten, digitalen Kommunikation aufspringen.

  • Ein weiteres, psychologisches Problem ist affektiver Natur. Wir stellen uns vor, eine E-Mail an einen Geschäftspartner verschickt zu haben und erhalten trotz darin enthaltener Fragen keine Antwort. Schon nach kurzer Zeit fangen wir an, uns Sorgen um die Beziehung zu machen. Warum antwortet er nicht? Habe ich etwas Falsches erwähnt? Gibt es ein Problem? Automatisch entsteht ein negatives Urteil, wobei es durchaus sein kann, dass die entsprechende E-Mail schlicht und einfach nie angekommen ist. Bei gewissen psychologischen Störungsbildern kann sich ein so gebildetes Urteil beinahe unwiderruflich etablieren. Die sozialen Folgen kann man sich leicht ausmalen.

  • Wir wissen bereits, dass sich im Rahmen digitaler Kommunikation selbst ein eigentlich zurückhaltender Mensch extrovertiert und unreflektiert äußern kann. Dem - oft anonymen - Gegenüber nicht in die Augen schauen zu müssen, lässt offenbar eher Grenzen überschreiten.

  • Inzwischen gibt es Grund zur Annahme, dass mithilfe digitaler Kommunikation nicht nur Wahlen gewonnen werden, sondern auch Kriege entstehen können. "Fake News" sind nichts wirklich Neues, durch die Digitalisierung haben sie aber einen neuen Stellenwert bekommen. Ganze Nationen können betroffen sein. Auf individueller Ebene kommt es zu digitalem Mobbing und Stalking. Das Verheerende daran ist, dass der negative Effekt durch die beinahe unlimitierte Empfängerschaft multipliziert wird. Hier zeigt sich, dass die Kleingruppe, die eigentlich bedeutendste Gemeinschaftsform des Menschen, einen wichtigen moderierenden Einfluss auf den Einzelnen hat. Wenn sie wegfällt und der Einzelne quasi als unantastbare Entität handeln kann, werden Inhalte eher in unangemessener Weise kommuniziert.

  • Längst haben sich wissenschaftliche Disziplinen dem Thema der digitalen Übernutzung zugewandt. Lassen wir einmal die technik-basierenden Vorteile weg und konzentrieren uns auf vorteilhafte psychologische Aspekte der Smartphone-Nutzung. Das klassische sich Verlieren im meist orientierungslosen Suchen nach spannenden Informationen oder dem digitalen Spielen ist mit durchaus positiven Auswirkungen verbunden. Der sogenannte "Flow", der einen die Zeit vergessen lässt, hat eindeutig therapeutische Wirkung im Sinne von Abschalten oder Ablenken. Ein solches sich Verlieren im Netz hat meditative Wirkung, die von Alltagsproblemen ablenkt. Bereits nachgewiesen ist aber auch, dass durch diesen "Flow" die Produktivität leiden kann.

  • Problematisch scheint zudem das Suchtpotenzial, womit wir erneut bei eindeutig negativen Auswirkungen sind. Aus psychologischer Sicht gilt der altbewährte Ansatz, dass die Dosis das Gift macht. Entsprechende Maßnahmen müssen bereits Eltern ihren Kindern gegenüber treffen. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hinhaben gezeigt, dass Smartphones bei jungen Menschen schon fast ein neuer Körperteil geworden sind.

  • Obwohl auch die junge Generation angibt, Texte lieber auf echtem Papier zu lesen, reagiert ihr Gehirn bedeutend positiver, wenn sie auf dem Smartphone lesen. Tatsächlich konsumieren sie im Alltag auch mehr digitale Texte. Entweder ist es viel mehr Aufwand, sich einen Print-Text zu beschaffen, oder die nicht-bewussten Aktivitäten des Gehirns sprechen eine deutlichere Sprache.

  • An Ende muss eingestanden werden, dass die weitere Etablierung digitaler Geräte unaufhaltsam ist und auch nicht verhindert werden soll. Gleichzeitig gewinnt eine vernünftige Aufklärung an Bedeutung. Durch die Digitalisierung entstehende Nachteile können unaufhaltsame Folgen haben und bereits nach einer Generation unwiderruflichen Schaden anrichten. Auch bei der Nutzung der digitalen Kommunikation geht es um Maß und Ziel. In erster Linie sollten wohl die Eltern den Kindern richtiges Nutzungsverhalten beibringen, aber auch Schulen und die Politik müssen entsprechende Schritte setzen, um gesellschaftliches Wohlbefinden nachhaltig sicherzustellen. Wie weit eine staatliche Kontrolle gehen kann und soll, sei dahingestellt. Da es aber tatsächlich um die Zukunft des Menschen geht, steht außer Zweifel, dass Maßnahmen zu treffen sind.

Zur Person

Peter Walla, Webster Vienna Private University

Peter Walla leitet die Psychologische Abteilung der Webster Vienna Private University. Er ist Senior Research Fellow der Universität Wien, conjoint Professor der University of Newcastle (Australien) und aktiver Neuroconsultant. Sein Motto: „Das Gehirn weiß mehr als es dem Bewusstsein gegenüber zugibt“. Mit objektiven Messverfahren schafft er sich Zugang zu diesem Wissen. Nach einer Diplomarbeit über Spinnenaugen, die er in Japan untersuchte folgte eine Doktorarbeit über menschliche Gedächtnisfunktionen (Kooperation mit St. Andrews in Schottland). Seine erste Habilitation bekam er an der Medizinischen Universität Wien verliehen und seine zweite an der Wiener Universität. 2009 ging er als Psychologie-Professor an die University of Newcastle in Australien und seit 2014 ist er Psychologie-Professor an der Webster Vienna Private University. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Originalarbeiten hat Walla zusammen mit einem Neurologie-Kollegen auch ein leicht zu lesendes Buch herausgebracht (Verrückt was unser Gehirn Alles kann, selbst, wenn es versagt, Im Galila Verlag erschienen).

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