Gastkommentar

Franz Wolf © Felicitas Matern/feelimage
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Dossier

"Erfolgreiche Integrationsarbeit muss Herausforderungen faktenbasiert begegnen"

Gastkommentar

27.10.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Knapp 90.000 Asylanträge wurden 2015 in Österreich gestellt, mehr als dreimal so viele wie noch 2014. Über 14.400 Menschen haben im letzten Jahr in Österreich Asyl erhalten. In den ersten neun Monaten 2016 waren es bereits über 16.000 Menschen. Darüber hinaus kamen aber auch zahlreiche Menschen aus EU- oder EWR-Ländern sowie aus Drittstaaten nach Österreich. Insgesamt betrug der Wanderungssaldo nach Österreich 2015 rund 113.000 Personen, was einen Rekordwert darstellt und die hohe Attraktivität Österreichs für Zuwanderung belegt.

  • Bildung, Qualifikation, Sprachkenntnisse, Herkunftsländer und kulturelle oder religiöse Prägung: Die Menschen, die nach Österreich kommen, sind eine äußerst heterogene Gruppe. Um gerade auch den großen Herausforderungen, die sich in der Integration von Flüchtlingen stellen, professionell begegnen zu können, bedarf es deshalb sachlicher Informationen, korrekter Begrifflichkeiten sowie konkreter Zahlen und Fakten. Nur auf dieser Basis lassen sich zielgerichtet Maßnahmen setzen, die zur Eingliederung in Gesellschaft und Arbeitsmarkt beitragen können, und nur so kann eine öffentliche Debatte zum Thema lösungsorientiert gestaltet werden.

  • Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF), 1960 vom UNHCR und dem Bundesministerium für Inneres als Flüchtlingsfonds der Vereinten Nationen gegründet, beschäftigt sich seit Jahren auch mit wissenschaftlichen Perspektiven von Integration und veröffentlicht zahlreiche Print- und Onlinepublikationen. Im Zentrum steht der praxisnahe Zugang zu wichtigen Informationen und aktuellen Entwicklungen im Integrationsbereich. So braucht es zum Beispiel, um Debatten möglichst konstruktiv zu gestalten, als erstes auch ein gemeinsames Verständnis der wichtigsten Begriffe. Um Klarheit bei der Wahl der Begriffe zu schaffen, hat der ÖIF deshalb Glossare zu Themen wie Flucht und Integration oder Islam erstellt.

  • Mindestens genauso wichtig ist der themenübergreifende Überblick zur Integration mittels Zahlen und Fakten, weshalb der ÖIF in Kooperation mit der Statistik Austria statistische Broschüren herausgibt, welche Schwerpunktthemen wie die Zuwanderung in den Bundesländer oder den Bereich der Arbeitsmarktintegration behandeln. In Fact Sheets, in Kooperation mit der Medienservicestelle Neue Österreicher/innen, werden relevante Hintergrundinformationen zu einzelnen Herkunftsländern von Zuwander/innen und Flüchtlingen oder zu Themenbereichen wie die Integration von Frauen kompakt aufbereitet.

  • In Zusammenarbeit mit renommierten Forschungsinstituten erarbeitet der ÖIF darüber hinaus vertiefende Studien. So wird in Kooperation mit Peter Hajek zum Beispiel das regelmäßig erscheinende "Integrationsbarometer" herausgegeben. Ziel des ÖIF-Integrationsbarometers ist es, Einstellungen sowie wahrgenommene Probleme im Zusammenleben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu erheben und damit das Stimmungsbild zur Integration in der Gesellschaft themenspezifisch zu erfassen.

  • Die verstärkte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den verschiedenen Perspektiven der Flüchtlingsintegration ist künftig notwendig. Im von Integrationsminister Sebastian Kurz präsentierten "50 Punkte-Plan zur Integration von Asylberechtigten und subsidiär Schutzberechtigten in Österreich" wurde deshalb auch die Schaffung eines Referats für Wissensmanagement im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA) verankert, das zu einem koordinierten Aufbau der wissenschaftlichen Begleitforschung im Bereich der Flüchtlingsintegration beitragen soll. Ein wichtiger Schritt, welcher künftig noch an Bedeutung gewinnen wird, um die Debatte rund um Zuwanderung und Integration sachlich und objektiv zu gestalten. Erfolgreiche Integrationsarbeit muss den faktenbasierten Herausforderungen, fernab von Mythen und Legenden, begegnen. Erst dort, wo diese Herausforderungen klar und benannt werden, können diese auch gelöst werden.

Zur Person

Franz Wolf, Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF)

Franz Wolf ist Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF), einem Fonds der Republik Österreich, welcher mit rund 250 Beschäftigten an acht Standorten in Österreich im Bereich der Integrationsförderung tätig ist. Franz Wolf hat am Fachhochschul-Studiengang in Eisenstadt Internationale Wirtschaftsbeziehungen, mit Auslandsaufenthalten in Indonesien, Russland und der Ukraine, studiert und war ab 2003 als Leiter eines Integrationshauses für Asylberechtigte in Kapfenberg tätig. Ab 2009 war er im Kabinett der damaligen Innenministerin neben den Bereichen Asyl, Menschenrechte und Gedenkstätten auch für die Erstellung des 2010 im Ministerrat verabschiedeten Nationalen Aktionsplans für Integration verantwortlich. Vor seiner Funktion als Geschäftsführer beim Österreichischen Integrationsfonds war er als stellvertretender Büroleiter im Staatssekretariat für Integration tätig.

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