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Das Genom ist entschlüsselt, nun wird es zerschnitten und verändert © APA (dpa)
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Ethik und das Erbgut

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31.01.2019
  • Von Anna Riedler / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - "Lulu" und "Nana", die angeblich ersten Gen-Babys der Welt, beherrschen zurzeit die Schlagzeilen. Davor waren es CRISPR-Baukästen zum Selbermachen, und davor Stammzellforschung, gentechnisch veränderte Organismen und Tierversuche. Die Liste ist lang, neue Themen kommen auf und werden bald wieder von anderen verdrängt. Der ethische Diskurs rund um die Life Sciences ist kontrovers und vielfältig. APA-Science hat mit Experten darüber gesprochen, wie ethisch oder unethisch die Lebenswissenschaften sind.

  • Für 159 Dollar ein kleines bisschen Gott spielen, das bietet das "DIY Bacterial Gene Engineering CRISPR Kit" von Anbieter The Odin. Dieser und ähnliche Baukästen ermöglichen es dem Laien, E. coli Bakterien gentechnisch zu verändern. Der Name Odin ist wohl nicht zufällig gewählt: Der Hauptgott der nordischen Mythologie wird charakterisiert durch seinen Wissensdurst - etwas, das er mit den Käufern der Do-It-Yourself-Baukästen gemeinsam haben dürfte.

  • Schnipp-Schnapp, Gene ab

  • Mit der CRISPR/Cas9-Methode (engl.: Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats, dt.: gruppierte kurze palindromische Wiederholungen mit regelmäßigen Abständen) lässt sich DNA gezielt schneiden und verändern. Durch diese sogenannte "Gen-Schere" können bestimmte Gene eingefügt, umgeschrieben oder ausgeschnitten werden. Die Methode ist einfach und kostengünstig, weshalb sie zunehmend in der Forschung eingesetzt wird.

  • Wem der altmodische Chemiebaukasten nicht genug ist, der wird stattdessen mit ein paar Handgriffen zum Genetiker - allerdings nicht in Österreich. In einer Stellungnahme des Sozialministeriums von Juli 2017 heißt es: "Die Verwendung sogenannter 'Do-It-Yourself' Gentechnikbaukästen wie z.B. des 'CRISPR/Cas9 Bacterial Genomic Editing Kit' der Firma 'The Odin'/USA ohne Vorliegen der oben genannten gesetzlichen Voraussetzungen ist gemäß § 109 Abs. 3 Z 9 und 10 verboten und kann mit einer Geldstrafe von bis zu 7.260 Euro geahndet werden."

  • In Deutschland sind die Strafen sogar noch höher. Laut der Homepage des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wird die Anwendung von DIY-Kits außerhalb gentechnischer Anlagen mit bis zu 50.000 Euro bestraft. Falls gentechnisch veränderte Organismen freigesetzt werden, droht dem Verursacher unter Umständen eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

  • Potenzial für Gut und Böse

  • Angst vor Jurassic Park müsse man deshalb aber nicht haben, betonte Otto Doblhoff-Dier, Vizerektor für Forschung und internationale Beziehungen der Veterinärmedizinischen Universität Wien. "Wir hatten diese Diskussion schon vor 30 Jahren zu den ersten gentechnischen Veränderungen. Zu denen sagt man jetzt "herkömmlich". Damals gab es den Ruf nach einem Verbot, in das Erbgut einzugreifen." An der Gefahr, veränderte, potenziell gefährliche Organismen auf die Welt loszulassen, habe CRISPR nichts geändert. "Auszuschließen, dass irgendjemand etwas Böses tut, wäre vermessen. Aber das gleiche Problem gibt es mit allem Werkzeug. Wir können nicht ausschließen, dass jemand sein Auto nimmt und in eine Fußgängerzone steuert." Man müsse strikt zwischen dem Werkzeug und der Anwendung unterscheiden.

  • Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien, betonte: Ethik sei "mehr als nur eine Angelegenheit von Ethikkodizes und Menschenrechten, sondern eine Frage der Wissenschaftskultur und der Ausbildung. Da haben wir uns konkret die Frage zu stellen, in welchem Ausmaß die Ethik in der Aus-, Fort- und Weiterbildung schon implementiert ist und wie weit es noch Luft nach oben gibt."

  • Denn wir wissen nicht, was wir tun

  • Ethisch bedenklich sei nach allgemeinem westlichen Konsens die Arbeit des chinesischen Genforschers He Jiankui, der eigenen Angaben zufolge die DNA von zwei Babys so verändert hat, dass sie vor einer Infektion mit HIV geschützt seien. Unethisch sei es deshalb, weil man die Auswirkungen der genetischen Veränderungen nicht einschätzen könne, und nicht, weil der Einsatz der Gentechnik generell unethisch sei. "Wenn man eine Pflanzensorte gezielt gegen einen Krankheitskeim resistent machen kann, wäre das für mich ein durchaus sinnvoller Einsatz", so Doblhoff-Dier, der Lebensmittel und Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur (BOKU) studiert hat. "Wenn ich die Gentechnik allerdings einsetze, um eine biologische Waffe draus zu machen, diesen Einsatz würde ich nicht als ethisch bezeichnen."

  • Für Reingard Grabherr, Leiterin des Instituts für Biotechnologie an der BOKU und Mitglied der österreichischen Gentechnikkommission, ist der bedenklichste Punkt an der Geschichte mit den gentechnisch veränderten Zwillingen, dass keine medizinische Notwendigkeit für den Eingriff vorlag und die Einwirkung angeblich ohne Wissen der Eltern geschah (Anm.: In der Einverständniserklärung der Eltern ist die Rede von einem "Aids-Impfprogramm"). In Österreich müsse man sich bei solchen Themen viel genauer rechtfertigen als in China. "Wir haben sehr strenge Gesetze", erklärte Grabherr. "Schon wenn man einen Forschungsantrag stellt, muss man sich sehr intensiv mit ethischen Fragen beschäftigen."

  • Ethik als Antrieb, nicht als Bremse

  • Dabei wird schnell klar: eine klare Linie zwischen "ethisch" und "unethisch" gibt es nicht. "Ethik ist keine strikte Norm, aus der in jedem Einzelfall ganz klar abzuleiten ist, was zulässig ist und was nicht", so Körtner. "Grenzen sind verschiebbar. Es kann durchaus sein, dass eine Grenze, die gezogen wird, in einem zukünftigen Stadium nicht mehr notwendig ist, weil die Gefahren, vor denen man Menschen schützen will, beherrschbar sind oder nicht mehr bestehen." Statt also eine Bremse für die Forschung zu sein, sei es "durchaus Aufgabe der Ethik, sich für die Forschung stark zu machen." So dürfe es beispielsweise nicht passieren, dass wichtige medizinische Forschung eingestellt wird, weil die Finanzierung fehlt und die Gruppe, die von dem Medikament profitieren würde, zu klein ist, erklärte auch Grabherr. In dem Fall sei es im Gegenteil sogar unethisch, die Forschung nicht zu betreiben.

  • "Selbst, wenn jemand einen Fall klar ethisch oder unethisch nennt, bleibt noch die Frage, ob diese Meinung auch breiter vertreten ist", so Doblhoff-Dier. Ethik sei abhängig vom Kontext. "Es gibt Bevölkerungsgruppen, die etwas als unethisch betrachten, was andere als ethisch ansehen würden." Deshalb, sind sich Körtner und Doblhoff-Dier einig, müsse die Bevölkerung stärker in den wissenschaftlichen Diskurs miteinbezogen werden. "Wichtige Fragen sollten nicht von einer einzelnen Kommission geführt werden, sondern von der Gesellschaft", erläuterte Körtner. Diese Demokratisierung der Wissenschaften führe zu einer Kontrolle der wissenschaftlichen Community. Durch Veranstaltungen und Foren, die mehr Personen in wissenschaftliche Entscheidungsprozesse einbinden, könne man für mehr Verständnis und Akzeptanz bei der Bevölkerung sorgen, betonte Doblhoff-Dier. "Bei der grünen Biotechnologie, also der Pflanzenzucht, in Europa war das nicht erfolgreich - deshalb gibt es immer noch eine breite Abneigung gegen diese Thematik, die meiner Meinung nach über das Ziel hinaus geschossen ist. Die Wissenschaft musste in den letzten Jahrzehnten lernen, den öffentlichen Diskurs zu suchen und sich nach außen zu öffnen."

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