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Was etwa Apps an Daten weiterleiten, ist oft nicht nachvollziehbar © APA/AFP/JOSEP LAGO
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"Ethische IT" - Forscherin fordert Gegenmodell zu Entwicklungs-Unkultur

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06.06.2016
  • Wien (APA-Science) - "Ich glaube, dass sehr viele neue Services und Funktionen, die man heute so findet, einfach ein wenig geistlos sind. Der Nutzen, den die Leute aus den Entwicklungen ziehen, hat abgenommen, und geht jetzt ins Negative", das erklärte Sarah Spiekermann vom Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik der Wirtschaftsuniversität Wien im Gespräch mit APA-Science.

  • Während sich beispielsweise Programmupgrades in den 1990er Jahren noch durch deutliche Vereinfachungen und Verbesserungen auszeichneten, herrsche mittlerweile vielerorts zunehmend Verwirrung über zusätzliche Features, deren tatsächlicher Mehrwert oft überschaubar sei. "Die Unternehmen sind aber an Upgrade-Mechanismen gekettet, die nur Geld kosten, und die sie eigentlich gar nicht wollen. Gleichzeitig sind die Nutzer kolossal überfordert mit immer neuen Dingen, die sie eigentlich angeblich wissen, können und tun müssen", so die Wissenschafterin. Man sei an einem Punkt angelangt, an dem der tatsächliche Fortschritt oft "fragwürdig" geworden ist.

  • Kaum Wissen über Daten-Sammler

  • Die Kritik Spiekermanns geht aber auch gegen Geschäftsmodelle, die auf der Vermarktung persönlicher Daten basieren - also etwa Smartphone-Apps, deren Service-Nutzung zwar vorgeblich gratis ist, die aber Nutzer-Daten sammeln und weiterleiten. "Das ist eigentlich ethisch nicht vertretbar", sagte Spiekermann.

  • Viele Menschen verspüren aber enormen Druck, diese Dienste zu nutzen - auch wenn sie das mit ihren persönlichen Daten "bezahlen". Dass hinter vielen Anwendungen das Geschäftsmodell der Weitergabe solcher Informationen steht, sei den meisten aber gar nicht bewusst.

  • Vertuschte Nebenwirkungen

  • Spiekermann: "Die Kosten sind nicht transparent. Es ist wie ein Arzneimittel, dass ich im guten Glauben kaufe, die Nebenwirkungen stehen aber nicht in der Packungsbeilage. Die Nebenwirkungen werden nicht nur nicht kommuniziert, sondern sie werden auch noch geheim gehalten und vertuscht." Ein weiterer Faktor der hier auch eine Rolle spielt, sei Suchtverhalten in Verbindung mit solchen Diensten. Einen distanzierteren Umgang mit all dem hätten viele noch nicht gelernt.

  • Noch fundamentaler stelle sich die Frage, ob bei all dem Glauben daran, dass etwa IT-Innovationen die Gesellschaft voranbringen, nicht "der Einzelne dabei auf der Strecke bleibt", zeigte sich die Forscherin überzeugt. Man sollte sich verstärkt damit beschäftigen, ob diese Technologien tatsächlich Weiterentwicklung fördern: "Wissen wir jetzt mehr als unsere Elterngeneration? Sind wir gesünder? Sind unsere Freundschaften, unsere Sozialbeziehungen besser als früher, sind wir heute freier, empfinden wir mehr Respekt füreinander? Diese Fragen müssen wir uns heute stellen", sagte Spiekermann.

  • Werte-Entwicklung gerät ins Hintertreffen

  • Hinter all diesen Fragen stecken wichtige gesellschaftliche Werte, die mittlerweile "massivst von IT beeinflusst werden. Meine Hypothese ist aber, dass diese Werte stärker davon untergraben werden denn gefördert."

  • Man müsse daher in jeder Phase von der Konzeption bis zur Markteinführung Technikentwicklung systematisch daran ausrichten, welcher Mehrwert für den Menschen dadurch geschaffen werden soll. "Die Maschinen müssen unserer Entfaltung dienen und nicht umgekehrt", so die Wissenschafterin, die in ihrem Buch "Ethical IT Innovation - A Value Based Approach" einen neuen Zugang zur "ethischen IT-Entwicklung" entworfen hat.

  • Forscherin mahnt Vorsicht vor Trends ein

  • Damit sich hier Entscheidendes tut, bräuchte es Druck seitens der Nutzer. "Wir als Gesellschaft müssen auch diesen Fortschritt infrage stellen und uns nicht einreden lassen, dass wenn wir bei etwas nicht mitmachen, wir dann gleich fortschrittsfeindlich wären." Auch Unternehmen sollten nicht automatisch jedem Trend folgen.

  • In Entwicklungsprozessen sollten wiederum ethische Konzepte aus der Philosophie mitgedacht werden, und genau das müsste auch von Führungskräften gefördert werden. Damit aber IT-Entwickler, Ingenieur und Manager das auch umsetzten können, bräuchten sie mehr Wissen über Ethik und Modelle mit denen ethischische Entscheidungen sinnvoll getroffen werden können. Gleiches gelte für Standardisierungsbehörden, die die Vorgaben für Entwickler erarbeiten. Den Schlüssel dazu sieht Spiekermann in mehr Ethikunterricht, etwa an Hochschulen.

  • Service: Die Meldung ist Teil eines umfangreichen APA-Science-Dossiers mit dem Titel "Die Schatten der Digitalisierung". Informationen zum Buch "Ethical IT Innovation - A Value Based Approach": http://go.apa.at/jEfcp2EW

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