Gastkommentar

Erika Dorn © Foto Wilke
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Dossier

"Evolution im Fluss?"

Gastkommentar

31.05.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Die Frage, inwieweit die laufende Zuwanderung von Neobiota in Systeme ein Prozess ist, in den nicht eingegriffen werden soll, oder doch ein großteils vom Menschen verursachtes - und somit zu managendes - Phänomen, beschäftigt die Fachwelt intensiv. Wie geht ein Schutzgebiet mit dieser Herausforderung um?

  • Der Nationalpark Donau-Auen wird durch den Fluss, der ihn formte, bis heute geprägt. Die Donau ist seine Lebensader und bestimmt im Wechselspiel steigender und fallender Wasserstände das Geschehen in der begleitenden Aulandschaft. Zugleich ist die Donau ein wichtiger Wanderkorridor - für jene Arten, die nach unserem Empfinden seit jeher am Fluss beheimatet sind, aber auch für zuziehende Spezies. Zugegeben, bei etlichen "neuen" Tier- und Pflanzenarten ist die Einbringung in heimische Lebensräume durch den Menschen bewusst geschehen oder dauert noch an, durch Zucht von Zier- und Nutzpflanzen die danach auswildern oder durch laufenden Besatz der Gewässer. Manche Arten reisten auch als "blinde Passagiere" im Ballastwasser von Schiffen an - oder sie sind aktiv eingewandert. In den von Menschenhand überformten Kulturlandschaften finden sie nun oftmals ideale Bedingungen vor. Gelingt es einzelnen davon, sich zu etablieren, und invasiv die vorhandene Artengemeinschaft unter Druck zu setzen, kann sich eine Bekämpfung als schwierig erweisen. Kommt doch über den Fluss laufend "Nachschub" an.

  • An Beispielen mangelt es im Nationalpark Donau-Auen nicht:

  • Betrachtet man seine Uferlandschaften näher, wird man auf Eschenahorn und Götterbaum stoßen. Beide Arten wurden zuletzt im Rahmen eines Projektes flächig bekämpft. Das Ziel war, durch diesen einmaligen massiven Eingriff den heimischen Baumarten in der Folgezeit einen Vorsprung zu verschaffen. In den kommenden Jahren werden auf den Projektflächen noch Nachpflegearbeiten erfolgen, die Maßnahmen werden durch ein begleitendes Monitoring evaluiert. Auch gegen den krautigen Japanischen Staudenknöterich, ein Licht- und Nahrungskonkurrent für die Uferflora, wurde mit Arbeitseinsätzen aktiv vorgegangen. Dieser bildet jedoch im Boden bis zu zehn Meter lange verzweigte Rhizome. Auch vermag er über Bruchstücke, die angeschwemmt werden, rasch neue Bestände zu bilden. Wie erfolgversprechend ist somit eine laufende aufwändige Zurückdrängung?

  • In den vegetationsreichen, stillen Altarmen der Au trifft man ein spezielles Reptil an - die Europäische Sumpfschildkröte. Sie weist hier im Nationalpark ihren letzten autochthonen, intakten Bestand Österreichs auf. Doch ausgesetzte Konkurrenz wie die Rotwangen-Schmuckschildkröte macht ihr die raren Reviere teils streitig.

  • Am Donaustrand findet man heute oftmals die südostasiatische Körbchenmuschel, die mancherorts in Europa mittlerweile Massenvorkommen aufweist. Ebenso die Wandermuschel, die durch flächiges Anwachsen auf den Schalen die heimischen Großmuscheln zu beeinträchtigen vermag. In der Donau selbst stößt man auf neue Fischarten wie die Schwarzmund-Grundel. Sie stammt aus dem Schwarzen Meer und breitet sich sukzessive entlang der Donau und ihrer Zubringer stromaufwärts aus. Sie kann im unwirtlichen Blockwurf, der weite Teile der regulierten Donauufer prägt, bestens leben und schadet als Laichräuber der heimischen Fischwelt. Wie soll man nun diese Mollusken und Fische im Fluss erfolgreich dezimieren? Sie können wohl nicht mehr entfernt werden.

  • Oftmals aber stellen sich als die problematischsten Einwanderer nicht die auffälligen und sichtbaren Vertreter heraus, die sich nach Erstnachweisen recht bald flächig zeigen - sondern die versteckten Arten im Hintergrund, wie man beim Eschentriebsterben im Auwald aktuell beobachten kann. Dem Verursacher, einem eingeschleppten Pilz, kam man spät auf die Schliche.

  • Grundsätzlich werden im Nationalpark Donau-Auen Biodiversität und gefährdete Arten primär durch Schutz und Entwicklung der flusstypischen Lebensräume sowie Erhalt und freies Wirken von guten ökologischen Rahmenbedingungen gefördert. Finden heimische Flussfische in hart verbauten Blocksteinufern keine geeigneten Strukturen vor, können sie durch die Gewässervernetzungs- und Uferrückbaumaßnahmen im Nationalpark profitieren, die neuen Raum für sie schaffen. Gibt es gute Bestände auentypischer Waldgesellschaften, können diese sich auf neu zu besiedelnden Flächen besser gegen die Konkurrenz behaupten. Kleinräumige Eingriffe zur Unterstützung von Flora und Fauna sollen daher, wenn sinnvoll, mit Augenmaß möglich sein. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Forschung. Ökologische und physiologische Einnischung neuer Arten, Ausbreitungsmuster im Gebiet sowie die laufende Listenergänzung bereits im Nationalpark Donau-Auen vorhandener Neophyten und Neozoen sollen bestmöglich erfasst werden.

  • Wesentliche Fragen beschäftigen die Nationalpark-Experten genauso wie zahlreiche Fachkollegen: Man kann nicht letztgültig beurteilen, welche der eingeschleppten und heute als problematisch eingestuften Arten sich in absehbarer Zeit wie ins Ökosystem integrieren werden - und welche nicht. Welche Schritte sind daher sinnvoll?

  • Generell sollte aber die weitere Einwanderung bzw. bewusste Ausbringung exotischer, invasiver Arten möglichst verhindert werden.

  • Der natürliche, langsame Zuzug hingegen, etwa aufgrund klimatischer Verschiebungen und veränderter Landschaftstypen, und damit auch ein Wandel des Artenspektrums im Laufe der Zeit sind aus ökologischer Sicht wohl durchaus sinnvoll und notwendig. Denn Evolution findet statt.

Zur Person

Erika Dorn, Nationalpark Donau-Auen

Das Studium der Biologie, Schwerpunkt Limnische Ökologie an der Universität Wien schloss Erika Dorn 2000 ab. Seit 2001 ist sie für die Nationalpark Donau-Auen GmbH mit Sitz in Orth/Donau im Bereich Besucher & Kommunikation tätig. Zu ihrem Aufgabengebiet zählen die Pressearbeit, Erstellung von eigenen Medien wie die Zeitung 'Au-Blick' sowie die Betreuung aller Nationalpark-Webauftritte.

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