Gastkommentar

Fritz Hausjell © BKA/Christopher Dunker
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Dossier

"Flucht und Asyl sollten demokratischem Journalismus nahegehen"

Gastkommentar

28.10.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Ein Kommunikationswissenschaftler kann seine Aufgaben gegenüber der Berufspraxis in Journalismus und Medien recht vielfältig begreifen. Die Analyse aktueller journalistischer und medialer Leistungen, um Medien ein Feedback zu bieten, kann eine sein. Mit den Praktikern in diesem Berufsfeld die positive und negative Kritik zu debattieren, halte ich für eine sinnvolle weitere Aufgabe. Bei (vermeintlich) neuen Herausforderungen best-practice-Beispiele in anderen Ländern zu identifizieren, um so Anregungen zu liefern, stärkt zumeist das konstruktiv-kritische Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medienpraxis. Kommunikationswissenschaftler sollten sich zudem nicht scheuen, Journalistinnen und Journalisten bei der Einordnung aktueller Medien- und Kommunikationsphänomene als Experte zur Verfügung zu stehen. Ja, manchmal muss man sich auch aufdrängen, weil dem Medien-Journalismus die professionelle Distanz gegenüber der eigenen Branche nicht immer leicht fällt.

  • Wie Medien mit den Themen Migration, Asyl und Exil umgehen, ist mittlerweile ein ziemlich rege beackertes Forschungsfeld. Die bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Befunde sind zu zahlreich und zugleich zum Teil zu inhomogen, um sie alle hier in diesem Gastkommentar angemessen zu fassen. Also konzentriere ich mich auf jene, die mir am wichtigsten erscheinen. Da ist zunächst einmal festzustellen, dass ein Teil der Medien zu wenig Distanz zur Sprache der Politik praktiziert: Die von vielen Politikern und Medien verwendeten Begriffe sind oft gewaltigen Vorgängen in der Natur entlehnt und haben häufig bedrohlichen Charakter. Viele flüchtende Menschen sind aber keine Naturkatastrophe, sondern eine von Menschen verursachte Tragödie.

  • Ein Blick ins eigene Redaktionsarchiv täte manchmal gut: um nämlich selbstkritisch zu begreifen, wie alarmistisch die eigenen Schlagzeilen anlässlich der letzten "Flüchtlingsflut" waren, etwa jener aus Ex-Jugoslawien. Und sich dann die Frage zu stellen: Wie war die Realität in der Folge? Nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015 wird heute in vielen Medien die Kriminalität der Flüchtlinge besonders thematisiert. Hatten Medien auch vor 25 Jahren ihre Aufmerksamkeit stark auf die möglicherweise steigende Kriminalität gerichtet - und wie sah die Kriminalitätsentwicklung dann tatsächlich aus? Aber Achtung: nicht die Anzeigenstatistik der Polizei, sondern die Verurteilungsstatistik der Gerichte gibt Antwort darauf!

  • Einige klassische Medien lassen sich durch in Social Media gestreute Gerüchte unter Druck setzen, bringen nahezu jeden Fall von Flüchtlingen, die einer kriminellen Handlung verdächtigt werden, um nur ja nicht als "Lügenpresse" zu gelten, die etwas verheimliche. Dabei wissen die Redaktionen, dass sie hier ein schräges Bild vermitteln, denn die Zahl der pro Tag zur Anzeige gebrachten verdächtigen Straftaten, an denen Nicht-Flüchtlinge beteiligt sind, ist so groß, dass sie gar nicht ins Blatt passen würde.

  • Warum reagieren klassische Medien selten professionell journalistisch auf die Gerüchte über Flüchtlinge, die es schubweise immer wieder gab und gibt auf Facebook & Co.? Viele ängstigen diese Geschichten, andere fühlen sich in Vorurteilen bestätigt. Ich wünschte mir: Journalismus sollte diese sorgfältig prüfen und selbstverständlich berichten, wenn sich Gerüchte als wahr erweisen. Aber es sollte auch dann berichtet werden, wenn diese Gerüchte Unfug sind. Das erscheint mir notwendig, denn diese Gerüchte haben viele via Facebook & Co. erreicht. Wenn es Medien dann auch noch gelingt, Urheber dieser Verleumdungen zu recherchieren, dann könnte Journalismus beim verunsicherten Publikum gewiss Terrain punkto Vertrauen gewinnen.

  • Leider haben viele Medien bisher den Blick auf das Thema Migration und Asyl ziemlich stark an die politische Agenda geknüpft und damit zu wenig an thematischer Breite gewonnen. Schon ein stärkerer Blick in die Geschichte der aus Österreich in den 1930er Jahren geflüchteten Menschen böte zum einen zahlreiche thematische Anregungen, sich in Medien mit Aspekten von Flucht und Exil zu beschäftigen, auf die man sonst nicht so rasch kommt. Zudem ermöglicht der historische Rückblick den Perspektivenwechsel: Was bedeuten Flucht und Asyl heute - im Vergleich zu damals - aus der Sicht der geflüchteten Menschen? Das historische Exil ist übrigens gut - wenn auch nicht komplett - erforscht, das traue ich mir als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (ÖGE) zu sagen. Und ein Vergleich des Exils von Österreichern damals mit dem Asyl in Österreich heute weckt die Neugier vieler Menschen, das haben unsere ÖGE-Veranstaltungen gezeigt.

  • Manchmal begnüge ich mich nicht mit der Forscherrolle. Also haben wir Ende letzten Jahres "Join-Media.eu" gegründet und bringen seither in Vernetzungstreffen interessierte heimische Journalisten mit auf der Flucht hier angekommenen Journalisten zusammen. Journalisten mit Migrationserfahrung sowie geflüchtete Journalisten sind hierzulande immer noch rar in Redaktionen. Ich bin überzeugt, sie helfen uns, im Journalismus bessere Zugänge zu Lebenswelten von Geflüchteten zu bekommen. Es wäre zudem ein Nachweis, dass Medien selbst faire Arbeitgeber sind, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft nicht diskriminieren, auch nicht unabsichtlich. Im übrigen geht es auch darum, neue Exilmedien aufzubauen, die hierher gekommenen Menschen nach ihrer Flucht den Einstieg in eine neue Lebenswelt durch brauchbare Informationen erleichtern. Die österreichischen Exilanten der 1930er Jahre betrieben allein rund 150 verschiedene Exilzeitschriften und -radios in den verschiedenen Ländern, in denen sie Zuflucht fanden.

  • Was in den Medien bisher nicht herausgearbeitet wurde und mir besonders bedeutsam erscheint, ist folgendes: Flucht und Exil sind in der Geschichte vieler Länder ein konstitutives Element des Ringens um Demokratie und Menschenrechte. Das gilt auch für Österreich, auch wenn die offizielle Politik das bisher wenig gewürdigt hat. Auch der Kampf um die (Wiedererringung der) Pressefreiheit war für viele Journalisten dieses Landes mit den Entbehrungen von Flucht und Exil verknüpft. Journalistinnen und Journalisten, die diesen Teil der Geschichte noch nicht kennen, finden in der Anthologie "Vertriebene Wahrheit. Journalismus aus dem Exil" eine Galerie der besten journalistischen Köpfe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Verwundert muss man freilich feststellen, das kaum Publizistikpreise nach Persönlichkeiten benannt sind, die zeitweise ins Exil mussten.

  • Exil und Migration sind also jedenfalls herausfordernde gesellschaftliche Phänomene, die Journalismus und Medien einiges abverlangen. Aber sie bieten dieser Branche und diesem Berufsfeld auch zahlreiche Gelegenheiten, ihre große Bedeutung für eine gemeinwohlorientierte Entwicklung der Gesellschaft unter Beweis zu stellen. Wenn Medien die Herausforderungen von Migration, Flucht und Asyl umfassend, kritisch und konstruktiv annehmen, werden sie in Zukunft noch vielfältiger sein und spannende Geschichten erzählen über schließlich - hoffentlich - gelungene Konfliktlösungen und ein neues Miteinander.

Zur Person

Fritz Hausjell, Stv. Institutsvorstand, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien

Jahrgang 1959, ist seit 2014 Stv.Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Er promovierte 1985 an der Universität Salzburg und habilitierte sich 2003 an der Universität Wien. Hausjell ist Herausgeber und Autor mehrerer Buchveröffentlichungen (u.a. Die veruntreute Wahrheit. Hitlers Propagandisten in Österreichs Medien, 1988; Die Vierte Macht. Zu Geschichte und Kultur des Journalismus in Österreich seit 1945, 1991; Journalisten für das Reich. Der "Reichsverband der deutschen Presse" in Österreich 1938-45, 1993; Vertriebene Wahrheit. Journalismus aus dem Exil, 1995; Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft, 2004; Unerhörte Lektionen. Journalistische Spurensuche 1945-1955, 2005; Journalistische Persönlichkeit. Fall und Aufstieg eines Phänomens, 2009) sowie Autor zahlreicher Aufsätze, besonders zu den Bereichen Exiljournalismus, Medien- und Kommunikationspolitik des Nationalsozialismus, Journalismusentwicklung in der Zweiten Republik, Neonazismus und Rassismus im medialen Kontext, Migration und Medien, aktuelle Medienpolitik, Arbeitsfeld Journalismus und Behinderung, öffentlich-rechtlicher Rundfunk sowie Fachgeschichte. 1992 wurde er mit dem "Helga und Willy Verkauf-Verlon-Preis für österreichische antifaschistische Publizistik" durch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ausgezeichnet. Hausjell wirkt als Juror mehrerer Publizistikpreise, als Beirat in medienpolitischen Gremien und ist Mitglied des APA-Qualitätsbeirates.

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