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Alle Unis stellen Plätze in ausgewählten Lehrveranstaltungen zur Verfügung © APA (Universität Wien)
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Flüchtlingsinitiativen: Wie sich Hochschulen und Wissenschaft engagieren

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27.10.2016
  • Wien (APA-Science) - "Das zum Leben Notwendige ist gerade das Nicht-Notwendige" - diese Worte stammen vom 1969 verstorbenen deutschen Philosophen Theodor W. Adorno. Sie gelten wohl ganz besonders auch für Geflüchtete, deren Alltag durch meist erzwungene Untätigkeit und die Stillung von Grundbedürfnissen geprägt ist. Früh haben sich im Gefolge der 2015 akut gewordenen Flüchtlingskrise Initiativen im Hochschul- und Wissenschaftssektor entwickelt, die neben Deutschkursen auch Nahrung für Geist und Seele, und, noch wichtiger, Zukunftsperspektiven anbieten.

  • Als Pilotphase startete im vergangenen Wintersemester die Initiative MORE der Universitätenkonferenz (uniko). Mittlerweile beteiligen sich alle 21 Universitäten an den Standorten Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Leoben, Linz, Salzburg und Wien daran. Die Universitäten stellen dabei eine bestimmte Zahl an Plätzen in ausgewählten Lehrveranstaltungen und Kursen zur Verfügung.

  • An geflüchtete Wissenschafter und Künstler mit einer akademischen Ausbildung richtet sich die Veranstaltungsplattform MORE-Perspectives. Ziel ist der Austausch bzw. das Vernetzen mit Angehörigen von österreichischen Universitäten.

  • Viele Universitäten leisten großen Beitrag

  • Zusätzlich bieten die einzelnen Unis viele individuelle Initiativen, das aktuelle Angebot findet sich auf den jeweiligen Webseiten. Stellvertretend für viele werden hier einige Projekte herausgegriffen. Die Universität Wien bietet etwa unter "Wir helfen" ehrenamtliche Dolmetscheinsätze durch Mitarbeiter des Zentrums für Translationswissenschaft an, die im Rahmen von polizeilichen Einvernahmen von Asylsuchenden durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang haben sich Dolmetscher-Netzwerke via E-Mail und SMS gebildet. So seien etwa bereits Smartphone-basierte Ferndolmetschungen ermöglicht worden, heißt es.

  • Auch das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie bietet mit seiner Seite "Mehr als Flucht. Initiativen und Hintergründe aus Kultur- und Sozialanthropologischer Perspektive" einen Überblick zu Forschungen, Veranstaltungen und Initiativen in diesem Bereich. Themenbezogene Lectures finden regelmäßig im Rahmen des Refugee Outreach & Research Network (ROR-n) statt.

  • An der Medizinischen Universität Wien (MedUni) gibt es neben Initiativen wie einem Mentorensystem auch Bemühungen, Ärzte und medizinische Fachkräfte aus den Krisengebieten schnell und unbürokratisch zu integrieren. Neben der Anerkennung von Ausbildungen geht es um deren Aufnahme in Weiterbildungskurse, damit die oft hoch qualifizierten Menschen auch hier ihrer Ausbildung gemäß arbeiten können. Eine koordinierte Aktion mehrerer Universitäten durch die Universitätenkonferenz uniko zur Aufnahme von Flüchtlingen mit dem Status als außerordentlicher Hörer, etwa zum Abschluss bereits begonnener Studien, ist der MedUni zufolge in Ausarbeitung.

  • Patenschaftsprojekt unter der wissenschaftlichen Lupe

  • Wie minderjährige unbegleitete Flüchtlinge den Kontakt zu Paten erleben, aber auch die umgekehrte Perspektive, untersucht die Universität Salzburg in einem Forschungsprojekt. Grundlage dafür ist das Pilotprojekt zum Salzburger Patenschaftsmodell "open.heart - Familien und PatInnen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge". Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung sollen für künftige Projekte genützt werden. Bereits jetzt gäbe es in allen Bundesländern Initiativen, die Ideen aus dem Salzburger Projekt aufgreifen, wie die Festlegung fachlicher Standards für Patenschaften und Gastfamilien, informiert die Projektleitung.

  • An der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien wurden im Rahmen des Engagements für Flüchtlinge acht dreimonatige Praktikumsstellen im wissenschaftlichen Bereich für asylberechtigte geflüchtete Wissenschafter geschaffen.

  • Musizieren mit Flüchtlingen

  • Geflüchteten Musikern bietet das Universitätsorchester Salzburg eine Option. Insbesondere Streicher - Violine, Viola, Cello, Kontrabass - seien nachgefragt. Um die Beschaffung eines Instruments will sich das Orchester laut eigenen Angaben selber bemühen.

  • Mehr die Seele als den Intellekt berührt das Projekt "Zusammenklänge" der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien (mdw). Seit März 2015 findet wöchentlicher Musikunterricht für und mit mehr als 60 jungen Menschen mit Fluchthintergrund statt. Der ursprüngliche Ausgangspunkt, Musikunterricht (im Rahmen der Lehrpraxis) in Flüchtlingseinrichtungen anzubieten, wurde in der Folge erweitert und hat - in enger Zusammenarbeit mit dem Integrationshaus - eine Vielzahl von Ideen und Initiativen geboren. Ermöglicht wird das durch das ehrenamtliche Engagement von knapp 40 Studierenden der musikpädagogischen Studienrichtungen. Die bunte Vielfalt reicht dabei von Einzel- bzw. Kleingruppenunterricht für Gesang, Klavier, Violine, Cello, Gitarre, Querflöte, Klarinette, Trompete und Schlagwerk bis hin zu einem Kinderchor, einer Gruppe für Elementares Musizieren und einem Rhythmik-Angebot.

  • Interaktive Landkarte

  • Die Vereinigung der Europäischen Universitäten (EUA) hat eine interaktive Landkarte entwickelt, die das vielfältige Angebot für geflüchtete Studenten und Universitätsangehörige im europäischen Hochschulbereich dokumentieren will. Die Kampagne startete in Europa, steht aber Institutionen und Organisationen auf der ganzen Welt offen.

  • An Asylberechtigte, subsidiär Schutzberechtigte, Asylwerber und "Geduldete" richtet sich der Österreichische Austauschdienst (OeAD) mit oead4refugees. Fragen zum Zugang zu Deutschkursen und Prüfungen, höherer Bildung oder zur Anerkennung von akademischen Abschlüssen werden hier beantwortet, dazu finden sich viele weiterführende Links.

  • Informationen über die Forschungslandschaft

  • Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unterstützt ebenfalls Menschen, die flüchten mussten und betreibt Forschung zum Thema im Rahmen ihrer Initiative "Flüchtlinge fördern, Flucht erforschen". Laut eigenen Angaben konnten bereits 19 Personen Praktika an Forschungseinrichtungen der ÖAW absolvieren, von der Archäologie bis zu den Life Sciences (SIEHE AUCH GASTKOMMENTAR Lynn Karkouki). Aktuelle Projekte der Grundlagenforschung zu Flucht, Migration und Integration laufen an den Instituten für Iranistik, Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Sozialanthropologie, Stadt- und Regionalforschung sowie am Phonogrammarchiv. Geflüchtete mit gültigem Aufenthaltsstatus sind ausdrücklich aufgefordert, sich für Jobs in Wissenschaft und Forschung zu bewerben.

  • An aus Kriegs- und Krisengebieten geflüchtete Wissenschafter, die um Asyl ansuchen und "in der Warteschleife" hängen, richtet sich das Projekt "Science in Asylum" des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI). In Rahmen von Seminaren sollen die Teilnehmer lernen, wie sie ihre Ausbildung und Berufserfahrung im österreichischen Wissenschaftssektor verwerten können. Behandelt werden etwa die heimische Hochschul- und Forschungslandschaft, Forschungsförderung, Nostrifikation, Vermittlung kulturspezifischer Erwartungshaltungen bei der Jobsuche von Hochqualifizierten, die europäische Forschungslandschaft, wissenschaftliches Entrepreneurship oder die Erstellung von Businessplänen. Auch werden im Zuge des Projekts temporäre Arbeitsplätze für das Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit zur Verfügung gestellt. Eine gemeinsame Publikation soll die Qualifikationen der Teilnehmenden sichtbar machen. Netzwerke und Mentoring sollen der drohenden Dequalifizierung entgegenwirken und die Integration in den Arbeitsmarkt fördern, heißt es weiter.

  • Neben dem MORE-Programm kooperiert das ZSI bei diesem Projekt mit Solidee, einer Initiative der Bildungswissenschaften, Anerkannt!, einem Projekt zur leichteren Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen, dem Sprachenzentrum der Universität Wien, im Bereich Life Sciences mit den Max Perutz Laboratories und Refugees work, dem Jobportal für Geflüchtete.

  • FWF vergibt Jobs

  • Jungen geflüchteten Menschen eine Mitarbeit in seinen Forschungsprojekten bietet auch der Wissenschaftsfonds FWF. Dabei kommen den Angaben zufolge grundsätzlich alle Arten von Beschäftigung infrage, die auch sonst offen stehen, von studentischer Mitarbeit bis hin zu Werkverträgen. Der Fonds unterstützt die EU-Initiative science4refugees, eine von der Europäischen Kommission eingerichtete Jobplattform für geflüchtete Personen mit akademischem Hintergrund. Forschungseinrichtungen und Universitäten können Jobangebote einstellen, Interessenten können ihren Lebenslauf hochladen.

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