Gastkommentar

Peter Zellmann © IFT
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Dossier

"Freizeit 4.0 - Wie digital ist unsere Freizeit?"

Gastkommentar

25.04.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Die Industrialisierung brachte die Trennung von Wohnen und Arbeiten mit sich. Die Regelungen der Wochenarbeitszeit, die Einführung des Gebührenurlaubs, und zuletzt die deutliche Verkürzung der Wochenarbeitszeit in Verbindung mit dem Arbeitszeitgesetz waren die entscheidenden politischen Weichenstellungen. Politisch viel zu wenig beachtet wurde und wird die Entwicklung unseres Lebenszeitbudgets.

  • Nur mehr 14 Prozent unserer Lebenszeit verbringen wir in Beruf und Ausbildung. Industrie 4.0 und Digitalisierung bedeuten nun endgültig einen gesellschaftlichen Wandel wie wir ihn genau betrachtet noch nie erlebt haben. Freizeit ist mehr als das halbe Leben, die Digitalisierung ist ihr ständiger Begleiter geworden.

  • Sie ist Tatsache. Die Digitalisierung ist nicht Revolution, sondern Evolution. Mittlerweile hat sie alle Lebensbereiche in Beruf und Privatleben erfasst. Die Entwicklung ist unumkehrbar. Mit ihr richtig umzugehen, müssen die meisten von uns allerdings erst lernen. Apps dominieren ja vor allem und gerade im Freizeitbereich. Sie sind unser Gesundheitsberater und -kontrollor, ermöglichen uns jede Art von Kauf und Buchung, stehen mit Ratschlägen in fast jeder Freizeitsituation zur Verfügung. Wohlgemerkt: "Tun" müssen wir das meiste noch (!) selber. Sie ersetzen auch jede Art traditioneller Kommunikation und - erfassen nicht selten unsere Bedürfnisse gar nicht wirklich. Warum?

  • Weil die Menschen in ihrem Freizeitverhalten mündiger, informierter, spontaner und damit viel weniger berechenbar geworden sind als die "Big Data"-Verkäufer das ihren Kunden (noch) vorgaukeln können. Gefragt nach der Veränderung im Freizeitverhalten der Bevölkerung kann man aus freizeitwissenschaftlicher Sicht eindeutig festhalten: Es hat sich alles verändert - oder gar nichts? Ein dummer Widerspruch? Keinesfalls.

  • Nur zwei Aktivitäten haben in den letzten beiden Jahrzehnten wesentlichen Einfluss auf unser Freizeitverhalten genommen und eine Veränderung quasi eingeleitet: das Internet und die Mobiltelefonie. Das Telefonieren mit dem Handy hat als beliebteste Freizeitaktivität aktuell mit dem Fernsehen gleich gezogen. Eine echte Sensation: Der jahrzehntelang (!) unangefochtene "Freizeitleader" hat ernsthaft Konkurrenz erhalten. Dennoch: Es dominiert in unserer Freizeit unverändert der passive Medienkonsum, zu dem ja letztlich auch die Internetnutzung zählt. Beides Internet und Handynutzung benötigen Zeit. Und das geht zu Lasten aller anderen Freizeitaktivitäten. Wir verändern die Dauer der jeweiligen Aktivität, aber nicht das grundsätzliche Interesse an ihr. Sportler bleiben Sportler, Kulturmenschen bleiben Kulturmenschen und Genießer bleiben Genießer.

  • Die Digitalisierung ergänzt also unser Freizeitverhalten, verändert es aber grundsätzlich viel weniger als oft angenommen. Sie macht andere, neue Zugänge und Nutzungsarten möglich, inhaltlich bleiben diese aber sehr ähnlich. So gesehen wird unser Freizeitverhalten moderner, bleibt aber durchaus traditionellen Mustern treu. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Virtual Reality ist Spiel, Variante, aber noch lange nicht Alltag. Nur junge Menschen machen von Anfang an ! "alles" (vieles) anders.

  • Ihnen sollte man raten eventuell sorgfältiger als bisher mit den Angeboten umzugehen. Was nützt mir wirklich, was schadet mir? Was kostet mehr Zeit als es scheinbar bringt? Die verlässlichen Vorgaben der Älteren fehlen. Sie kennen sich selbst nicht genau aus, welche Abhängigkeiten bzw. Gefahren bei Nutzungen oder Aktivitäten eventuell entstehen können. Der selbstbestimmte Umgang ist das entscheidende.

  • Die Digitalisierung ist also ein Werkzeug die Zukunft zu gestalten. Auch und vor allem in der Freizeit. Die Handhabung eines Werkzeugs muss man lernen. Und: Man muss es nicht immer zur Hand haben. Habt doch wieder "Mut zur Muße" möchte man den digital Getriebenen zurufen. Die Digitalisierung macht sie dann möglich, wenn wir zu guter Letzt tatsächlich Zeit gewinnen. Und nicht immer mehr in die Zeiteinheit hineinzwängen.

Zur Person

Peter Zellmann, Institut für Freizeit- und Tourismusforschung

Studium an der Uni Wien: Pädagogik (Geographie, Sport), Psychologie, Philosophie 1972 – 1997 Gründung und Leitung der TSA (Freizeitsportorganisation, 40.000 Mitglieder); Erfinder des Begriffes „Freizeitsport“ 1976 – 2003 Pädagogische Hochschule Wien (Lehrerbildung, Freizeitpädagogik) seit 1987 Leitung des IFT (Institut für Freizeit- und Tourismusforschung, Wien) 1989 – 2006 Lehraufträge Uni Wien, WU Wien, Uni Potsdam, Hochschule Bremen Forschungsgebiete: Freizeitwissenschaft, Lebensstile, Arbeitswelt, Zukunft Publikationen: „Die Zukunftsgesellschaft“, „Die Zukunftsfallen“, „Die Zukunft der Arbeit“, „Die Urlaubsrepublik“, „Die Zukunft die wir wollen“; „Du hast Fünf Leben!“, themeneinschlägige Studien und Analysen (www.zukunftsthemen.at)

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