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Forscher beziehen Reaktion der Gesellschaft mit ein © APA (Scheriau)
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Für Hochwasserschutz braucht man Langzeitgedächtnis

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10.04.2015
  • Wien (APA) - Bei der Beurteilung von Hochwasser-Gefahren kann man sich nicht nur auf das einige Jahrzehnte zurückreichende kollektive Gedächtnis der Gesellschaft verlassen. Vielmehr braucht man ein Langzeitgedächtnis, "man muss in Jahrhunderten denken", so der Wiener Hochwasserforscher Günter Blöschl anlässlich der am 12. April beginnenden Generalversammlung der "European Geosciences Union" (EGU) in Wien.

  • Blöschl und sein Team vom Institut für Wasserbau und Ingenieurhydrologie der Technischen Universität (TU) Wien versuchen seit einiger Zeit nicht nur die Kräfte der Natur statistisch zu beschreiben, etwa über Pegelstände oder die Häufigkeit und statistische Verteilung vergangener Flutkatastrophen. Sie arbeiten an Modellen, die auch die Reaktion der Gesellschaft auf solche Ereignisse berücksichtigen. Diese "Sozio-Hydrologie" genannte neue Forschungsrichtung wird auch bei der EGU-Konferenz vom 12. bis 17. April vorgestellt, einer der weltweit größten Kongresse im geowissenschaftlichen Bereich mit 12.000 Experten aus rund 100 Nationen.

  • Die Wissenschafter berücksichtigen dabei den unterschiedlichen Umgang von Gesellschaften mit Hochwässern. Als Endpunkte des Spektrums nannte Blöschl im Gespräch mit der APA einerseits eine technisierte Gesellschaft, die eher mit der Errichtung von Dämmen und Deichen auf Hochwassergefahr reagieren würde. Auf der anderen Seite gebe es "grüne" Gesellschaften, die nicht in die Natur eingreifen und in denen die Bevölkerung stattdessen nach einem Hochwasser eher in sicherere Gebiete abwandert.

  • In Österreich eher technisierte Gesellschaft

  • Europa und Österreich würde Blöschl eher als technisierte Gesellschaft einschätzen. Man befinde sich aber nicht am Ende des Spektrums, da es "auch viele andere Maßnahmen wie Rückhalteflächen an Flüssen gibt".

  • Mit den Modellen der Forscher lassen sich die Auswirkungen dieses gesellschaftlichen Umgangs mathematisch beschreiben: "Der sogenannte Adaptions-Effekt führt dazu, dass sich die Bevölkerung nach dem Hochwasser anpasst und beim nächsten Mal geringere Schäden zu erwarten sind", erklärte Blöschl. Dagegen bewirke der sogenannte Levee-Effekt das Gegenteil: Der Bau eines hohen Damms vermittle ein Gefühl der Sicherheit und die Leute siedeln sich genau dort an. Wenn ein solcher Damm dann bei einem besonders starken Hochwasser nicht mehr ausreicht, seien die Auswirkungen für die technisierte Gesellschaft viel gravierender.

  • Als entscheidender Wert im Rechenmodell der TU-Forscher erweist sich die Erinnerung an vergangene Hochwässer. In einer "grünen" Gesellschaft würden kleinere Hochwässer nichts Ungewöhnliches darstellen und eher im kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. In einer technisierten Gesellschaft würden solche Katastrophen dagegen so selten auftreten, dass man die Gefahr im Laufe der Zeit unterschätze.

  • Probleme durch Gedächtnis-Effekt

  • Dieser Gedächtnis-Effekt sei im Hinblick auf die festgestellten jahrzehntelangen Zyklen in der Hochwasserintensität problematisch. Wenn eine Region jahrzehntelang von Hochwässern verschont wurde, bedeutet das nicht, dass dort keine Gefahr besteht. "Beim Hochwasserschutz muss man in Jahrhunderten denken", betonte Blöschl, der darauf verweist, dass bauliche Schutzmaßnahmen meist in Reaktion auf Katastrophen in Angriff genommen werden. So habe man etwa nach dem großen Hochwasser von 1954 beschlossen, die Wiener Donauinsel zu bauen.

  • Die Erinnerung an Hochwässer aufzufrischen und damit eine Möglichkeit für sanften Hochwasserschutz zu haben, seien in Mitteleuropa allerdings beschränkt. "Um das Hochwasser 2013 in Österreich zurückhalten zu können, hätten wir Tausende Quadratkilometer Rückhalteflächen in der Nähe der Flüsse gebraucht - die gibt es hier einfach nicht mehr", sagte Blöschl. Ohne technischen Hochwasserschutz auszukommen sei heute nicht realistisch.

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