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Mit Geologenkompass und -hammer durchs Terrain © Lois Lammerhuber
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GBA: "Wir sind die offizielle Geologie Österreichs"

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01.04.2015
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - "Wir erforschen die Geologie des Landes vom Neusiedler- bis zum Bodensee und dokumentieren sie nach international üblichen wissenschaftlichen Standards", erklärt Thomas Hofmann, Leiter von Archiv und Verlag der Geologischen Bundesanstalt (GBA). Darüber hinaus führt der staatliche geologische Dienst zahlreiche Auftragsprojekte, etwa im Bereich Rohstoffe, durch.

  • Zu den Kernaufgaben der nachgeordneten Dienststelle im Wissenschaftsministerium gehört das Sammeln von Gesteinsproben, das Auswerten und das Publizieren. "Wir haben einen Verlag und die größte geowissenschaftliche Bibliothek des Landes, verbunden mit einem Archiv", stellt der Paläontologe "mit Interesse für Öffentlichkeitsarbeit" fest. "Wir sind die offizielle Geologie Österreichs - natürlich in Kooperation mit den Universitäten und anderen Institutionen, deren Expertise und Ergebnisse wir benötigen und einarbeiten, und vice versa", so Hofmann. Flächendeckende Kartierungen werden zumeist im Maßstab von 1:50.000 durchgeführt. Zusätzlich publiziert die Anstalt Gebiets-, Themen- und Übersichtskarten. Im Gelände sind die wichtigsten Werkzeuge nach wie vor Geologenhammer und -kompass, ergänzt um GPS und Pocket-PC.

  • Neue Technologien eröffnen neue Zugänge

  • Weiße Flecken auf der Landkarte gibt es zwar nicht mehr, aber die Analysetechniken werden immer besser. "Die Steine sind seit 150 Millionen Jahren die gleichen, aber mit der modernen Analytik eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten. "Heute geht man ins Labor, macht einen Dünnschliff, der wird dann analysiert bis hin zum Granatkorn. Das erlaubt eine Zuordnung, von der man früher nur geträumt hat", so der Wissenschafter. Teure Apparate werden geteilt: Personal-, zeit- und kostenintensive Geräte - vor allem im Kristallinbereich, im Feld der absoluten Altersbestimmung - werden gemeinsam mit Universitäten genutzt.

  • Kooperationen bestehen mit allen österreichischen Unis - "die Diplomanden und Doktoranden gehen ja auch kartieren, ihre Arbeit fließt bei uns 1:1 ein" - , darüber hinaus projektgebunden aber auch mit Institutionen wie der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), der Austrian Power Grid (APG), dem Austrian Institute of Technology (AIT) oder dem Joanneum Research. Darüber hinaus gebe es auch mit Geologen in den Nachbarländern regen Austausch.

  • Hinzu kommen Forschungsprojekte mit internationalen Partnern, wie zum Beispiel der ETH Zürich, dem KIGAM (Korea Institute of Geoscience and Mineral Resources), dem britischen geologischen Amt (British Geological Survey, BGS), dem ungarischen Institut für Geodäsie und Geophysik (Geodetic and Geophysical Institute), dem norwegischen geologischen Amt (Geological Survey of Norway, NGU), der Schweizer Université de Neuchâtel oder dem mexikanischen NGO Friends of Ka`an.

  • Deutsche Geologen kommen nach Kärnten

  • Vor allem viele deutsche Universitäten fänden in den Alpen ein ideales Forschungsgebiet, erzählt Hofmann. So schickt etwa die Universität Hamburg seit zehn Jahren ihre Diplomanden und Dissertanden nach Kärnten. "Es gibt eine sehr enge Kooperation mit uns, wir führen zum Teil Expeditionen durch und haben eine begleitende Funktion. Das bringt beiden Seiten etwas", betont er.

  • Neben ihren Kernaufgaben - der geologischen Kartierung, der Grundlagenforschung - , die mit dem Stammpersonal von rund 80 Forschern erledigt werden müssen, führt die GBA befristete Projekte etwa im Auftrag von Landesregierungen aus. "Beispielsweise haben wir den Schottervorrat für Oberösterreich ausgerechnet. In einem anderen Projekt wurden für Tirol Substratkarten erstellt", so Hofmann. Rohstoffe - Wasser, Sand, Salz, Erz - sind ein wichtiges Thema (siehe auch Gastkommentar von Maria Heinrich). Verstärkte Aufmerksamkeit kommt der Geologie seit einigen Jahren im Zusammenhang mit Weinbau zu: Immer öfter lassen Spitzenweingüter geologische Bodenuntersuchungen durchführen.

  • Schrumpfendes Betätigungsfeld

  • Für Projekte wie diese können zusätzlich Forscher aufgenommen werden. "Typischerweise ist dies auch der Einstieg in den Beruf, über ein Forschungsprojekt", erklärt Hofmann. An Nachwuchs im Bereich der Geologie mangle es nicht, eher an Perspektiven. Nach dem mit Mathematik, Physik, Biologie und Chemie breit angelegten Bachelorstudium folgt die Spezialisierung im Master, etwa zum Mineralogen oder Petrologen - "und dann steht man da und hat keinen Job".

  • In Westösterreich bestünde noch eher die Chance, in einem Büro für technische Geologie unterzukommen. "Früher gab es noch mehr Stellen in der angewandten Baugeologie. Aber die großen Infrastrukturprojekte sind beendet, die Westbahn ist ausgebaut, die Zeit der großen Kraftwerksbauten vorbei", gibt der auch als Sachbuchautor mit dem Schwerpunkt Weinviertel tätige Paläontologe zu bedenken. Auch beim geplanten Semmering-Basistunnel werde man "keine dreißig Geologen" brauchen. Limitiert - und auf Jahrzehnte vergeben - seien auch die Jobs in den heimischen Museen. Insgesamt seien Prognosen schwierig: Petrologen, noch vor einem halben Jahr händeringend nachgefragt, würden angesichts der Situation am Ölmarkt gerade wieder entlassen.

  • Andererseits ergebe sich ein neues Tätigkeitsfeld dank nachhaltig denkender "Häuslbauer", die sich für Erdwärmepumpen interessieren: Sie benötigen für ihr Vorhaben ein geologisches Gutachten.

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