Gastkommentar

Ingo Raimon © Angelika Schiemer
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Dossier

"Gesundheit im Zeitalter der Digitalisierung"

Gastkommentar

25.04.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Der digitale Wandel durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Was vor wenigen Jahren noch Zukunftsmusik war, ist längst Alltag - vor allem im Gesundheitsbereich. Das Schlagwort der Stunde lautet "Self-Tracking": Mit Schrittzählern, Kalorienrechnern und Gesundheits-Apps nehmen digitalaffine Menschen heute ihre Gesundheit am Smartphone selbst in die Hand.

  • Digital-Health im Alltag der Patienten

  • Doch nicht nur für Digital Natives und Selbstoptimierer, sondern auch für Personengruppen, die noch stärker auf traditionelle kurative und präventive Ansätze vertrauen, birgt die Digitalisierung enormes Potenzial. Etwa für ältere Menschen mit Herzinsuffizienz, die durch digitale Tools an lebenswichtige Medikamente erinnert werden oder Ärzten mittels Telemedizin-Lösungen im Gefährdungsfall eine direkte Interventionsmöglichkeit einräumen. Gerade in Industrienationen mit gut ausgebauter digitaler Infrastruktur, die mit hohen Raten lebensstilbedingter Volkskrankheiten wie Diabetes konfrontiert sind, können Apps einen flächendeckenden Beitrag für das Gesundheitssystem und den selbstbestimmten Alltag Betroffener leisten. Dabei ist es - ganz im Sinne der Nutzer - unbedingt notwendig, die Grenze zwischen Wellness-App und seriösem Medizinprodukt eindeutig zu ziehen und strenge Qualitätsansprüche an letzteres zu stellen, damit sichergestellt ist, dass Health-App-Anwender den Empfehlungen, Aufzeichnungen und Funktionen ihrer digitalen Tools ohne Wenn und Aber vertrauen können. Diese Verantwortung gilt es wahrzunehmen, und genau hier kommt unsere Branche mit ihrem Know-how in spezifischen Indikationen ins Spiel.

  • Pharmaforschung entwickelt vernetztes Ökosystem medizinischer Technologie

  • "Der digitale Mensch" ist längst Realität. Neben der Entwicklung innovativer Arzneimittel arbeiten wir in der forschenden pharmazeutischen Industrie deshalb in eigenen Softwareentwicklungs-Units und Digital Labs intensiv an praxis- und kundenorientierten Lösungen im Bereich E-Health und Telemedizin, die den Patientenanforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden und mit der Entwicklung in anderen Lebensbereichen Schritt halten. Digital Health durchzieht dabei sämtliche Gebiete: von der Grundlagenforschung bis zum Einsatz am Patienten, der im Zentrum dieser Entwicklung steht.

  • Reduzierung der Wartezeiten für Parkinsonpatienten durch Telemedizin

  • FOPI-Mitglied AbbVie hat etwa eine Videoconferencing-Anwendung entwickelt, über die sich allgemeine Neurologen mit den wenigen Parkinson-Spezialisten an klinischen Zentren vernetzen können, um Patientenfälle zu besprechen. Damit ist es gelungen, die Wartezeiten für Spezialisten von sechs Wochen auf sieben Tage zu reduzieren.

  • Telemonitoring des Calprotectin-Werts bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

  • Ein weiteres Pilotprojekt von AbbVie ermöglicht Patienten, die an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen leiden, den für ihre Erkrankung kritischen Calprotectin-Wert selbst zuhause im Stuhl zu messen und das Ergebnis in Echtzeit mit dem behandelnden Arzt zu teilen. Damit haben Betroffene die Krankheitsaktivität selbst im Blick, die Prävention von Schüben wird ermöglicht und Kontrollbesuche beim Arzt fallen kürzer aus. Gleichzeitig unterstützt das digitale Monitoring die Therapietreue. Ärzten werden damit eine schnelle Reaktionsmöglichkeit, individuelle Therapien und mehr Zeit für betreuungsintensive Patienten und medizinische Fragen eingeräumt.

  • Telemedizin-Lösung für Patienten mit Herzinsuffizienz

  • Neben virtuellen Kliniken im Bereich Herzerkrankungen arbeitet FOPI-Mitglied Novartis in Deutschland daran, den Alltag von Patienten mit Herzinsuffizienz zu verbessern. Ein Telemedizin-Programm verbindet Patienten-Coaching und vernetzte Fernüberwachung, um alle Aspekte der Behandlung zu adressieren - von der Medikation bis zum Lebensstil. Dabei setzt Novartis auf einen individuellen Ansatz, der den Bedürfnissen der Patienten gerecht wird. Dies gelingt mittels Schulungsmodulen, die von den Bedürfnissen, der Compliance-Bereitschaft und den Vorkenntnissen der Nutzer abhängen. Das Programm besteht aus einer individuellen Betreuung (Coaching), einer täglichen telemedizinischen Begleitung (Monitoring) und der Möglichkeit zur Intervention im Gefährdungsfall.

  • HerzMobil-Tirol

  • Ein Paradebeispiel für interdisziplinäre Zusammenarbeit ist das Disease Management Programm "HerzMobil-Tirol", ein Pilotprojekt, das gemeinsam vom AIT (Austrian Institute of Technology), der Universität Innsbruck und den TILAK (Tiroler Landeskrankenanstalten GmbH) durchgeführt wurde. Während der neunmonatigen Projektdauer erfassten 50 speziell geschulte PatientInnen mit Herzinsuffizienz ihre Vitaldaten (Körpergewicht, Blutdruck, Herzfrequenz) selbst von zuhause aus und versendeten sie via App an eine Datenbank, auf die ausschließlich behandelnde Ärzte aus dem Netzwerk Einblick hatten. Beim Überschreiten bestimmter Grenzwerte konnten diese sofort reagieren und die Therapie anpassen.

  • Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen für die digitale Zukunft

  • Gleichzeitig begrüßen wir, dass derzeit von den Verantwortlichen im Gesundheitssystem die Rahmenbedingungen für E-Services im Gesundheitssystem weiterentwickelt werden und den Patientenbedürfnissen der digitalen Gegenwart zunehmend Rechnung tragen. Die Forcierung von smarten ELGA-Anwendungen wie E-Medikation, E-Rezept, E-Impfpass und E-Mutter-Kind-Pass ist ein Schritt in die richtige Richtung - ein Schritt vorwärts für aufgeklärte Patientinnen und Patienten, die vernetzt denken und sich kontinuierlich, bequem und unbürokratisch über die eigene Gesundheit am Laufenden halten möchten.

  • Datenschutz

  • Dabei versteht sich von selbst, dass neben Qualitäts- und Sicherheitsaspekten auch der Transparenz und dem Schutz sensibler und persönlicher Daten höchste Priorität einzuräumen ist: Datenschutz ist kompromisslos umzusetzen. Digital Health basiert auf dem Austausch von hochsensiblen Daten, die nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Deshalb müssen gerade Entwicklungen im Digitalbereich ausnahmslos von größtmöglichen Anstrengungen für höchste Sicherheit begleitet werden. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen, um den Erwartungen und Hoffnungen, die Patienten in uns setzen, gerecht zu werden.

Zur Person

Ingo Raimon, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)

Mag. Ingo Raimon ist seit November 2017 erneut Präsident der Interessensvertretung FOPI (Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich). Ingo Raimon war 13 Jahre lang als General Manager für Abbott tätig und übernahm 2013 die Geschäftsführung des biopharmazeutischen Unternehmens AbbVie. Der gelernte Jurist gilt als versierter Kenner der forschenden Pharmaindustrie und blickt auf über 25 Jahre in der Pharmabranche zurück. Bereits in der Zeit von Jänner 2013 bis November 2016 vertrat Ingo Raimon als Präsident des FOPI die Anliegen der forschungsbasierten Pharmaindustrie. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Pharmig für die Funktionsperiode 2016 – 2019.

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