Dossier

4
Dossier

Give me more: MORE-Projekt der JKU bietet Uni-Zugang für Flüchtlinge

Dossier

27.10.2016
  • Linz (JKU) - Das Thema Flüchtlinge beherrscht seit einiger Zeit Medien und Politik. Egal ob Hofburgwahl oder Brexit - der Umgang mit Flüchtlingen ist in allen Bereichen ein Thema. Abseits vom Rampenlicht hat die Johannes Kepler Universität Linz ein eigenes Modell für diesen Umgang entwickelt und sich am MORE-Projekt der UNIKO beteiligt.

  • Seit Wintersemester 2015/16 bietet die JKU das MORE-Programm an - mit einer internen Abschlussveranstaltung wurde am 30. Juni 2016 die erste Kursreihe beendet. Mit dem MORE-Programm soll AsylwerberInnen ein Zugang zu universitärer Bildung ermöglicht werden. Es handelt sich dabei um ein "Bridging-Programm" - das heißt, es bereitet auf ein ordentliches Studium vor. Da für eine solche ordentliche Zulassung ein Deutschnachweis auf Niveau B2+ erforderlich ist, wurden zusätzlich Deutschkurse eingerichtet. Das Besondere: Parallel zum Programm werden die TeilnehmerInnen von Buddies begleitet, die sich aus Studierenden und MitarbeiterInnen der JKU zusammensetzen. Diese unterstützen, beantworten Fragen und beteiligen sich auch an gemeinsamen Unternehmungen abseits der Universität. So können die Flüchtlinge erste Kontakte zu ÖsterreicherInnen knüpfen - und FreundInnen in der neuen Umgebung finden.

  • Mehr als 100 InteressentInnen

  • 52 TeilnehmerInnen wurden 2015 nach ca. 100 Bewerbungsgesprächen ins MORE-Projekt aufgenommen. Da die Flüchtlinge über OÖ verstreut untergebracht sind, stellten die Fahrtkosten zur Uni für die TeilnehmerInnen eine große Hürde dar. Großzügige Spenden der JKU-MitarbeiterInnen und Studierenden sowie von Rotarier-Clubs, der UNIKO und eine Landesförderung lösten dieses Problem und ermöglichten die Auszahlung von Fahrtkostenzuschüssen. "Ohne diese Zuschüsse wäre es MORE-Studierenden, die weiter entfernt von Linz leben, nicht möglich gewesen, am Programm teilzunehmen. Wir wollten aber allen in Oberösterreich lebenden Flüchtlingen die Chance der Teilnahme eröffnen und damit auch einen Beitrag zum oberösterreichischen Integrationskonzept leisten, das von einer dezentralen Unterbringung ausgeht", so Dekan Johann Bacher, Koordinator des MORE-Programms.

  • Großteil aus dem Nahen Osten

  • Die TeilnehmerInnen kamen aus 9 verschiedenen Staaten. Der Großteil stammt aus Syrien (25), 10 Personen aus dem Irak. Auch ein staatenloser Flüchtling nahm am MORE-Programm teil. Mustafa Aljumaili zum Beispiel stammt aus dem Irak, lebt nun in Linz. "Im Irak habe ich als Anwalt gearbeitet. Meine Flucht war sehr schwierig und sehr ernst. Es dauerte einen Monat von der Türkei nach Österreich. Mit dem Boot bin ich von der Türkei nach Griechenland gefahren. Von dort bin ich zu Fuß nach Mazedonien und Serbien gegangen. Und von Serbien nach Österreich bin ich mit einem LKW mit 100 Personen gefahren, die alle in einem LKW zusammengepfercht waren. Dabei waren Kinder, Frauen und ältere Menschen." Und nun, in Österreich? "Hier will ich Jus studieren und mir ein neues Leben aufbauen!"

  • Hilfe und Begleitung

  • "Das Engagement der jungen Menschen war enorm. Es war toll zu sehen, wie gut Buddies und MORE-TeilnehmerInnen zusammenarbeiteten. Und es zeigt, dass Sprachbarrieren wie auch kulturelle Barrieren überwunden werden können, wenn beide Seiten es wollen", so Erna Szabo und Nicole Kronberger vom JKU-MORE-Kernteam, die die Buddies begleiten.

  • Ein solcher Buddy ist Miriam Altmann. Sie hatte zuvor keinerlei Kontakt zu AsylwerberInnen, war schlichtweg neugierig auf die Menschen - und hat es nicht bereut. "Es war eine sehr positive Erfahrung. Immer wieder berührend waren die Einladungen zum Essen an uns Buddies. Da wird alles selbst gemacht und es wird auch ganz sicher gegangen, dass es schmeckt und man den Tisch nicht hungrig verlässt. Deshalb haben wir uns auch einmal dazu entschlossen, einen gemeinsamen Kochabend zu veranstalten. Ich habe seither einige neue Lieblingsspeisen", so Altmann. "Wir haben viel voneinander gelernt. Und es hat sich ein Freundeskreis aus Buddies und MORE-TeilnehmerInnen entwickelt, der sicherlich aufrecht bleiben wird."

  • Fortsetzung geplant

  • In der Zwischenzeit wurde auch die Fortsetzung des Programms im kommenden Studienjahr gesichert. Im Wintersemester werden die beiden Gruppen fortgeführt, um Ende des Sommersemesters 2017 bzw. Ende des Wintersemesters 2017/18 einen Abschluss auf B2-Niveau zu erreichen. Frei werdende Plätze werden aufgefüllt. Bei Bedarf wird im Sommer mit einem weiteren B1-Kurs gestartet.

  • Von Seiten des Rektorats werden für das MORE-Programm die dafür erforderlichen Mittel für die Lehre und die Studienbeiträge zur Verfügung gestellt.

  • "Eine Universität trägt eine hohe gesellschaftliche Verantwortung. Für die JKU endet diese Verantwortung nicht bei Forschung und Lehre. Es ist selbstverständlich, dass die Universitätsleitung eine Initiative wie das MORE-Projekt unterstützt. Das sehe ich als unsere soziale und menschliche Pflicht. Ich danke allen MitarbeiterInnen und Studierenden sowie den Helfern aus Wirtschaft und Politik, die uns dabei unterstützen", so Rektor Univ.-Prof. Meinhard Lukas.

  • Förderungen aus den Ressorts der Landesräte Anschober, Stelzer und Strugl sowie Spenden ermöglichen auch im nächsten Studienjahr Fahrtkostenzuschüsse.

  • "Unsere neuen MitbewohnerInnen bringen teils großartige Qualifikationen mit, haben in ihrem Heimatland, etwa Syrien, schon ein Studium begonnen oder gar abgeschlossen. Da liegt es jetzt an uns, diese Chance für den heimischen Wirtschaftsstandort ebenso wie für die persönliche Entwicklung der Menschen zu nutzen. Die JKU zeigt mit dem MORE-Projekt, wie gut und partnerschaftlich Integration in allen Bereichen gelingen kann - Danke dafür! Finanzielle Unterstützung für das Projekt aus meinem Ressort ist selbstverständlich", meint Integrations-Landesrat Rudi Anschober.

  • "Neben dem raschen Erlernen der deutschen Sprache, ist die Vermittlung der Grundwerte unseres Zusammenlebens der entscheidende Schlüssel zur erfolgreichen Integration von Flüchtlingen. Zu beidem leistet das MORE-Projekt an der JKU einen wesentlichen Beitrag. Es ist schön zu sehen, wie Projekt-TeilnehmerInnen und ihre Buddies gemeinsam in kürzester Zeit sprachliche und kulturelle Unterschiede überwinden und die TeilnehmerInnen so ihrem Ziel - einer Zulassung zum Studium an der JKU - rasch näher kommen", freut sich auch LH-Stv. Mag. Thomas Stelzer.

  • "Der Wirtschaftsstandort Oberösterreich ist auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Daher ist es wichtig, auch das Potential von Flüchtlingen durch entsprechende Ausbildungsangebote auszuschöpfen, sei es nun durch eine Lehre oder auch durch ein Studium. Daher unterstützt das Wirtschaftsressort sehr gerne das MORE-Projekt an der JKU, das nicht nur eine wichtige Qualifizierungsmaßnahme, sondern darüber hinaus auch eine wertvolle Integrations-Initiative darstellt", betont Wirtschafts-Landesrat Dr. Michael Strugl.

  • Mehr Infos zum MORE-Projekt: jku.at/content/e262/e244/e285200/e310390

    Kontakt:
    Dekan Univ.-Prof. Johann Bacher
    Institut für Soziologie
    Tel.: 0732 2468 3210 
    E-Mail: mailto:johann.bacher@jku.at
    
STICHWÖRTER
Migration  | Universität  | Oberösterreich  | Dossier  | Bez. Linz  | Linz  | Gesellschaft  | Demografie  | Bildung  | Schule  | Hochschulwesen  |

Dossier

Sind es wirklich Flüchtlings-"Ströme" und -"Wellen", die über Österreich hereinbrechen, oder ist die derzeitige Migrationsbewegung am Ende gar nicht so krisenhaft ...

Gastkommentare

"Flucht und Asyl sollten demokratischem Journalismus nahegehen"
von Fritz Hausjell
Stv. Institutsvorstand
Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien
"Ein Plädoyer für die Erweiterung der Denkzonen"
von Vedran Džihić
Senior Fellow am Österreichischen Institut für Internationale Politik (oiip)
"Erfolgreiche Integrationsarbeit muss Herausforderungen faktenbasiert begegnen"
von Franz Wolf
Geschäftsführer des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF)
"From Syria to Austria - for a safe life in dignity and freedom"
von Lynn Karkouki
syrische Architektin und Praktikantin am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der ÖAW

Hintergrundmeldungen

Migration und Entwicklung als wechselseitig verbundene Prozesse © APA (Kreiner)

Kann Entwicklungshilfe Migration tatsächlich stoppen?

Nicht selten wird Entwicklungszusammenarbeit (EZA) von Ministerien und ...
Einige heimische Bräuche sind ohne Erklärung wohl schwer zu verstehen © APA (Gindl)

"Wer ist der Krampus?" - Forscherinnen gehen Integration am Land nach

Wie abseits der Städte mit dem Zuzug von Migranten und Flüchtlingen ...
Lutz © APA (Neubauer)

Wolfgang Lutz: "Migrationsraten haben global gesehen nicht zugenommen"

Wolfgang Lutz leitet seit 1994 das "World Population Program" am ...
Die ersten (und besten) Deutschlehrer sind die Mitschüler © APA (dpa)

Lokalaugenschein in Ottakring: "Man muss sich selber helfen"

Endlich (wieder) Schule, endlich zur Ruhe kommen und in eine Alltagsnormalität ...
Alle Unis stellen Plätze in ausgewählten Lehrveranstaltungen zur Verfügung © APA (Universität Wien)

Flüchtlingsinitiativen: Wie sich Hochschulen und Wissenschaft engagieren

"Das zum Leben Notwendige ist gerade das Nicht-Notwendige" - diese Worte ...
Arbeit und Sprache ermöglichen Teilhabe © APA (dpa)

Wie misst man Integration?

Bedeutet Integration nun Assimilation, die Beibehaltung des "Fremden" oder doch ...
Reaktion auf große Fluchtbewegungen lief meistens ähnlich ab © APA (Fohringer)

Österreichs Haltung zu Flüchtlingen war immer ambivalent

Die Haltung Österreichs gegenüber ankommenden Flüchtlingen und Migranten war ...
. © APA

Studie attestiert Flüchtlingen hohes Integrationspotenzial

Eine Studie Wiener Demographen attestiert den 2015 nach Österreich gekommenen ...
Stalin wurde in Ungarn - symbolisch - gestürzt © APA (dpa)

Ungarn 1956 - Reaktionen auf Flüchtlinge folgen heute gleichem Muster

Die Reaktionen in Österreich auf Flüchtlingsströme sind in den vergangenen ...
Große Flüchtlingsbewegungen sind nichts Neues © APA (AFP)

Tagung zeigte Österreichs Geschichte als "Asylland wider Willen"

Im 20. Jahrhundert wurden die sogenannten Flüchtlingskrisen häufiger und die ...

Mehr zum Thema