Gastkommentar

Inge Schuster © Priv.
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Dossier

"Heraus aus dem Elfenbeinturm!"

Gastkommentar

28.02.2014
  • Wien (Gastkommentar) - Die rasanten Fortschritte der naturwissenschaftlichen Forschung und die daraus resultierenden Anwendungen haben in den letzten Jahrzehnten praktisch alle Bereiche unseres Lebens revolutioniert. Laut einer jüngst veröffentlichen, EU-weiten Umfrage sieht die überwiegende Mehrheit der Befragten die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entwicklung positiv: Ja, Wissenschaft und Technologie machen das Leben angenehmer, einfacher und gesünder [1]. Auch in Österreich teilt man diese Ansicht. Dennoch haben Naturwissenschaften hier einen alarmierend niedrigen Stellenwert, niedriger als in den meisten anderen EU-Ländern. Mehr als die Hälfte unserer befragten Mitbürger bezeichnet sich als weder darüber informiert noch daran interessiert und stuft Kenntnisse in diesen Wissenszweigen als irrelevant für ihr tägliches Leben ein [1,2]. Offenbar ist es vielen Österreichern nicht bewusst, dass Verständnis für und Wissen über naturwissenschaftlich/technische Vorgänge Grundvoraussetzungen sind, sowohl dafür, dass jeder Einzelne damit eine für ihn optimale Lebensqualität anstreben kann, als auch, dass erst dadurch verantwortungsbewusstes ökonomisches und gesellschaftspolitisches Handeln möglich wird.

  • Die geringe Bedeutung, die man bei uns Naturwissenschaften beimisst, wird aus den Lehrplänen der Schulen ebenso ersichtlich, wie aus der Wissenschaftsberichterstattung und -kommunikation für die Erwachsenenwelt. Meistens wenig geschätzt und als schwierig verschrien sind naturwissenschaftliche Fächer in den Schulen halt "nur" Nebengegenstände. Dies betrifft die Stundenzahl, die in keiner Relation steht zum enorm angestiegenen Wissensstand und auch der Möglichkeit, daraus faszinierende Beispiele zu demonstrieren, keinen Raum lässt. Dies betrifft auch das Fehlen von Bildungsstandards bezüglich der zu erreichenden Kenntnisse und Fähigkeiten. Wenn die meisten Schüler nach dem Schulabgang bestenfalls rudimentäre naturwissenschaftliche Kenntnisse besitzen, können sie diese später kaum noch verbessern. In der Erwachsenenwelt bezieht man Informationen primär aus dem Fernsehen, in zweiter Linie aus den Printmedien [1]. In beiden Medien rangieren Wissenschaftsberichte - als wenig-Quoten-bringend - zumeist an unterster Stelle: so im ORF, der zwischen 2009 und 2012 die Sendezeit für "Wissenschaft und Bildung" um 30 Prozent (auf jetzt nur noch 1,22 Prozent der Gesamt-Sendezeit) reduzierte [3], so in den Printmedien, von denen überhaupt nur wenige (vor allem nicht die mit der höchsten Reichweite) eine eigene Wissenschaftsrubrik aufweisen. Auch hier werden aber komplexe Sachverhalte häufig nicht allgemein-verständlich dargestellt und zum Teil auch nicht ausreichend recherchiert [4].

  • Desinteresse an Naturwissenschaften resultierend aus mangelndem Wissen und Unkenntnis, wo man sich seriös und leicht verständlich informieren könnte, ist selbst bei ansonsten hochgebildeten und äußerst kritischen Mitbürgern zu finden. Verunsichert durch reißerisch aufgemachte, pseudowissenschaftliche Heilsversprechungen eines boomenden, von der öffentlichen Hand geförderten und verschiedentlich mit hohen Auszeichnungen belohnten Esoterikmarkts, fragen sich viele: "Wem soll, wem kann man trauen?"

  • Um mitzuhelfen, die Kluft zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit vielleicht etwas zu verringern, haben wir das Internet als ein zeitgemäßes Informations- und Diskussionsforum gewählt und im Sommer 2011 den ersten österreichischen ScienceBlog - ein Kaleidoskop der Naturwissenschaft - ins Leben gerufen. Die Zielsetzung dieses Blogs ist es, interessierte Laien in allgemein verständlicher Sprache über wichtige naturwissenschaftliche Fragen und Standpunkte zu informieren, deren Grenzen in kritischer Weise abzustecken und Vorurteilen fundiert entgegenzutreten.

  • Seit damals erscheint jeweils ein neuer Artikel pro Woche - bis jetzt sind es 135 Artikel - zu Themen aus unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Disziplinen, die Physik, Geowissenschaften, Weltraumforschung, Chemie und die Biowissenschaften bis hin zur molekularen Medizin abdecken. Ebenso sind Mathematik/Informatik als Grundlage und auf Naturwissenschaften basierte Gebiete vertreten. Daneben erscheinen auch wissenschaftspolitische Artikel, die sich mit spezifisch österreichischen Problemen befassen, vor allem mit der Einstellung von Gesellschaft und Politik zu naturwissenschaftlicher Bildung, Forschung und deren Förderung.

  • Der ScienceBlog ist bestrebt, die Naturwissenschaften in ihrer ganzen Breite zu umspannen, um damit der fächerübergreifenden Natur der meisten real existierenden Fragestellungen zu entsprechen. Stichwörter zu den einzelnen Artikeln gestatten die blogweite Suche nach ähnlichen Themen und ermöglichen so deren Betrachtung von der Warte unterschiedlicher Disziplinen. Dabei wollen wir höchste Seriosität und erste Qualität der Inhalte gewährleisten. Ein derartiger Anspruch kann natürlich nicht von einer einzelnen, auch noch so umfassend wissenschaftlich gebildeten Person befriedigt werden. Wir sind daher einen anderen Weg gegangen und haben bis jetzt rund fünfzig international ausgewiesene, renommierte Forscher - viele davon höchstdekoriert und die meisten mit österreichischen Wurzeln - als Autoren rekrutiert, die freundlicherweise ehrenamtlich bei der Initiative mitmachen. Ihre in leicht verständlicher (deutscher) Sprache abgefassten Artikel entstammen den jeweiligen Kompetenzbereichen, stellen also "Wissenschaft aus erster Hand" dar.

  • Der transdisziplinäre Charakter und der Qualitätsanspruch unterscheiden den ScienceBlog grundlegend von anderen (bis jetzt fast ausschließlich ausländischen) Wissenschafts-Blogs. Diese werden zumeist von einem einzelnen Blogger betreut, beschränken sich damit häufig auf ein einziges Fachgebiet und weisen inhaltlich sehr variable Qualitäten auf.

  • Mit dem ScienceBlog machen wir ein Angebot an Teile unserer Gesellschaft, die an einem realistischen Bild dessen, was um uns und in uns vorgeht interessiert sind, deren Suchen nach adäquater Information aber durch Barrieren mangelnder Zugänglichkeit und Verständlichkeit behindert wurde. Details über den ScienceBlog finden sich auf der Webseite http://scienceblog.at/ unter "über SB" und "ScienceBlog in neuem Gewande - Kontinuität und Neubeginn".

  • {1] Verantwortliche Forschung und Innovation, Wissenschaft und Technologie, Spezial-Eurobarometer 401; November 2013

  • [2] J.Seethaler, H. Denk http://scienceblog.at/wissenschaftskommunikation-österreich-und-die-rolle-der-medien-%E2%80%94-teil-1-eine-bestandsaufnahme#.

  • [3] Quelle: ORF-Jahresberichte

  • [4] Scientific research in the media, Spezial Eurobarometer 282, Dezember 2007

  • Service: Ein ausführlicher Artikel zum Thema Eurobarometer von Inge Schuster auf ScienceBlog.at: http://go.apa.at/RcExrypL

Zur Person

Inge Schuster, wissenschaftliche Redakteurin von ScienceBlog.at

Inge Schuster hat das Studium der Chemie und Physik an der Universität Wien mit einer Doktorarbeit in biophysikalischer Chemie abgeschlossen. Nach einer Tätigkeit als Universitätsassistent und einem Post-doc Aufenthalt am Max-Planck Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen, hat sie drei Jahrzehnte lang ein Forschungslabor des Pharmakonzerns Novartis geleitet, das sich im wesentlichen mit der Auffindung neuer therapeutischer Ansatzpunkte (Targets), dem Design von Molekülen zur gewünschten Modulierung dieser Targets, der Erstellung neuer aussagekräftiger Modelle zu Resorption und Metabolismus von Pharmaka im Menschen bis hin zum präklinischen Projektmanagement befasste. Im Rahmen von Grundlagenforschung zu einigen dieser Gebiete hat sie die Diplom- und Doktorarbeiten zahlreicher Studenten angeleitet und auch internationale Kongresse organisiert. Nach dem Pensionsantritt übte sie bis vor kurzem eine Lehrtätigkeit an der FH Wien aus. Sie arbeitet weiterhin zusammen mit Gruppen der Brown University (Providence, RI, USA) und des Instituts für Biochemie der Universität Saarbrücken und leitet seit 2011 den wissenschaftlichen Teil des ScienceBlogs, für den sie auch Artikel aus ihren Fachgebieten verfasst.

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