Gastkommentar

Florian Freistetter © Simon Kumm
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Dossier

"Ignorieren bringt nichts"

Gastkommentar

25.04.2013
  • Wien (Gastkommentar) - Seriöse Wissenschaftler sollten sich am besten gar nicht mit Esoterik, Verschwörungstheorien und anderem Unsinn beschäftigen! Diesen Themen darf man keine Aufmerksamkeit widmen. Sie haben es nicht verdient, dass man sie ernst nimmt. Jede Beschäftigung mit diesen Themen ist ja doch nur wieder Werbung für die Pseudowissenschaft. Man sollte das alles am besten ignorieren!

  • Oder vielleicht doch nicht? Viele Kollegen aus der Wissenschaft und den Medien sind tatsächlich der Meinung, man solle den esoterischen und pseudowissenschaftlichen Themen keine Aufmerksamkeit schenken. Ich bin da anderer Meinung. Die Esoterik ist schon längst da. Sie hat die Aufmerksamkeit der Menschen schon längst. Man findet sie in jedem Büchergeschäft und überall im Internet. Man findet sie auf den Horoskopseiten der Tageszeitungen, in den Apotheken des Landes, den Kaffeehäusern und den Stammtischen. Man findet sie in den Köpfen der Menschen und es bringt nichts, sie demonstrativ zu ignorieren. Ganz besonders nicht für Wissenschaftler, denn sie schaden sich damit vielleicht sogar selbst.

  • Während meiner Arbeit als Wissenschaftler habe ich nie nur die Forschung alleine als meine Aufgabe angesehen, sondern immer auch die Öffentlichkeitsarbeit. Zum einen aus dem rein menschlichen Impuls, möglichst vielen Leuten zu erzählen, wie toll ich meine Arbeit finde und wie spannend die Wissenschaft sein kann. Zum anderen aber auch, weil man als Wissenschaftler auf die Gesellschaft angewiesen ist. Und das gilt ganz besonders, wenn man, so wie ich als Astronom, reine Grundlagenforschung betreibt. Das Geld für die Grundlagenforschung stammt fast ausschließlich vom Staat und genauso leicht wie der Staat die Gelder verteilen kann, kann er sie auch wieder kürzen. Öffentlichkeitsarbeit ist ein Weg, sich eine Lobby aufzubauen. Je mehr Menschen verstehen, wie wichtig die Wissenschaft für die Gesellschaft ist, desto stärker ist auch die Verhandlungsposition gegenüber der Politik.

  • In der Öffentlichkeitsarbeit darf man sich aber nicht nur mit dem beschäftigen, was die Wissenschaft macht. Es ist meiner Meinung nach mindestens genau so wichtig, sich mit dem zu beschäftigen, was so tut als wäre es Wissenschaft, aber keine ist. Für Laien mag die Astrologie genauso wissenschaftlich erscheinen wie die Astronomie, die Homöopathie genau so seriös wie echte Medizin und Quantenheilung genauso plausibel wie Quantenphysik. Es liegt an den Wissenschaftlern, diese Irrtümer aufzuklären, denn die Vertreter der esoterischen und pseudowissenschaftlichen Disziplinen werden ihr bestes tun, um die Verwirrung beizubehalten und weiterhin von der Seriosität der echten Wissenschaft zu profitieren.

  • Es ist also wichtig, über Esoterik und Pseudowissenschaften zu sprechen und die Auseinandersetzung mit ihren Proponenten zu suchen. Man muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass dies eine oft frustrierende Tätigkeit sein kann. Als Wissenschaftler ist man daran gewöhnt, mit Fakten überzeugen zu können. Die Diskussionen unter Forschern sind zwar oft hitzig und manchmal auch irrational. Am Ende setzt sich aber doch meist die Realität durch. Wissenschaft lebt von der Überprüfung, der Falsifikation und vom Vergleich zwischen Theorie und Beobachtung. In der Auseinandersetzung mit Anhängern esoterischer und pseudowissenschaftlicher Thesen sind Fakten aber nicht von Bedeutung.

  • Hier geht es um Glauben und um Emotionen. Und damit um Positionen, die durch Fakten nicht angreifbar sind. Glaube ist außerdem etwas sehr persönliches und ein Angriff auf diesen Glauben wird vom Gläubigen immer auch als Angriff auf die eigene Person erlebt. Wenn ein Astronom einen Artikel über Astrologie schreibt und anhand von Fakten erklärt, warum man aus den Sternen weder die Zukunft noch Erkenntnisse über die eigene Persönlichkeit ablesen kann, dann mag das aus seiner Sicht ohne böse Absicht und Hintergedanken geschehen. Aus der Sicht der Astrologieanhänger ist diese Kritik aber eine persönliche Kritik und ein Angriff auf die eigenen innersten Überzeugungen. Eine Diskussion wird daher meistens sehr schnell auf eine emotionale und persönliche Ebene abgleiten und leicht in einen klassischen Streit mit gegenseitigen Beschuldigungen und Beleidigungen ausarten. Es kann kein Ziel der wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit sein, Menschen von ihrem Glauben abzubringen. Wer fest an Astrologie, Homöopathie oder andere esoterische Konzepte glaubt wird sich diesen Glauben weder durch Fakten noch durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse nehmen lassen.

  • Die Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit ist Aufklärung und das Bereitstellen von Informationen. Man muss die wissenschaftlichen Methoden transparent machen und den Menschen die Möglichkeit geben, irrationale Konzepte selbst zu erkennen. Denn nicht jeder Anhänger der Esoterik ist auch gleich ein eingefleischter Gläubiger. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, was sie da eigentlich glauben. Dann hält man zum Beispiel Homöopathie für „sanfte Pflanzenmedizin“, Wasserbelebung für eine wissenschaftliche Methode oder eine Familienaufstellung für ein seriöses psychologisches Konzept. Diese Leute würden die Dinge vielleicht mit ganz anderen Augen betrachten, wenn sie wüssten, dass Globuli nur aus reinem Zucker bestehen oder die Wasserbelebung durch die Kraft Gottes erfolgen soll.

  • Hier kann die Öffentlichkeitsarbeit ansetzen. Hier kann man aufklären, Informationen bereitstellen und darauf achten, dass in öffentlichen Diskussionen und Zeitungsartikeln nicht nur die esoterischen Positionen präsentiert werden, sondern auch echte Experten auftreten. Wissenschaftler sollten diese Aufgabe bewusst und aktiv wahrnehmen und suchen, anstatt Esoterik und Pseudowissenschaft als „Pfui-Themen“ zu ignorieren. Auch in ihrem eigenen Interesse: Eine Gesellschaft, in der sich irrationale Überzeugungen immer weiter ausbreiten, ist keine Gesellschaft, in der wissenschaftliche Forschung prosperieren kann. Am Ende schadet es allen, egal ob Wissenschaftler oder nicht, wenn eine Gesellschaft aufhört, kritisch zu denken.

Zur Person

Florian Freistetter, Astronom, Wissenschaftsblogger und Autor

Florian Freistetter hat an der Universität Wien Astronomie studiert und dort im Jahr 2004 sein Doktoratsstudium abgeschlossen. Während seiner Arbeit als Astronom an den Universitäten von Jena und Heidelberg hat er sich auch in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Er ist Autor des Wissenschaftsblogs „Astrodicticum Simplex“, das von mehreren hunderttausend Besuchern pro Monat gelesen wird, freier Journalist und Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher („Krawumm! - Ecowin-Verlag, „Der Komet im Cocktailglas“ - Hanser-Verlag). Er lebt heute als freier Wissenschaftsautor in Jena.

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