Dossier

3
Dossier

In einer anderen Dimension: Milchstraße "neu" in 3D

Dossier

18.12.2015
  • Wien (UNIWIEN) - Mithilfe neuester technischer Methoden hat ein internationales AstronomInnenteam unter Beteiligung von João Alves von der Universität Wien erstmals Daten des ESA-Satelliten "Hipparcos" in 3D visualisiert und im Fachjournal "Astronomy & Astrophysics" veröffentlicht. Diese Darstellung enthüllt nicht nur neue Gruppierungen von Sternen in der Nachbarschaft der Sonne, sondern stellt die Existenz des "Gould Belt" in Frage - eine berühmte ringförmige Struktur von Sternen in der Milchstraße. 3D-Visualisierungen könnten darüber hinaus besondere Bedeutung für die ESA-Mission "Gaia" haben, die die Milchstraße mit bislang unerreichter Genauigkeit kartieren wird.

  • Basierend auf Daten des ESA-Satelliten Hipparcos, der 1989 gestartet wurde und bis 1993 in Betrieb war, haben ForscherInnen eine dreidimensionale Karte von Sternen vom Typ O und B angefertigt. Diese Klasse von Sternen, deren Lebensdauer nur maximal wenige zehn Millionen Jahre beträgt, sind wichtige Indikatoren von Sternentstehung in der jüngsten Vergangenheit. Astronomen betrachten in diesen Projektionen die Positionen und Geschwindigkeiten der Sterne in einer gegebenen Region und identifizieren jene Himmelskörper, die eine gemeinsame Bewegung zeigen und daher wahrscheinlich Mitglieder der gleichen Sterngruppe sind.

  • "Unsere Studie zeigt deutlich, dass die Architektur der Sonnenumgebung deutlich anders aussieht, wenn man sie in drei Dimensionen betrachtet", erklärt João Alves von der Universität Wien, der Koautor der Publikation ist. Alves: "Wir haben eine dreidimensionale Darstellung aller von Hipparcos beobachteten O- und B-Sterne innerhalb von etwa 1.500 Lichtjahren um die Sonne herum geschaffen und dadurch Hinweise auf neue Strukturen gefunden sowie überraschende Theorien dazu, wie diese Sterne entstanden sind".

  • Mit ihrer modernen dreidimensionalen Analyse haben der Erstautor der Studie, Hervé Bouy vom Center for Astrobiology (CSIC-INTA) in Spanien, und João Alves möglicherweise eine wichtige optische Täuschung durchschaut, die durch die bisherigen zweidimensionalen Methoden zustande kam. Im 19. Jahrhundert identifizierten der britische Astronom John Herschel und in der Folge der amerikanische Astronom Benjamin Gould einen 3.000 Lichtjahre langen Teil eines Rings aus O- und B-Sternen in der Milchstraße. Dieser Gürtel wurde für eine Gruppierung von Sternen gehalten und ist als "Gould Belt" bekannt. "Wenn man diese Sternenverteilung in 3D betrachtet, muss man diese Sternengruppe neu interpretieren, wenn nicht sogar die Existenz des "Gould Belt' infrage stellen. Er war nur ein Projektionseffekt".

  • Besonders interessant waren auch die Daten jener Sterne, die im Sternbild Orion liegen. Der Ursprung der blauen Überriesen, die den Körper und den Gürtel dieses Sternbilds bilden, lag lange im Dunkeln. Die Entdeckung des Orionstroms bietet nun eine einfache Lösung. Sie legt nahe, dass diese relativ weit voneinander entfernten Populationen tatsächlich als Teil einer großen galaktischen Struktur miteinander verbunden sind, die sich über mehr als 1.000 Lichtjahre und mindestens 25 Millionen Jahre Sternentstehungsgeschichte erstreckt. Eine weitere Erkenntnis aus dieser Studie betrifft Beteigeuze, den roten Riesenstern im Arm des Orion. Die ForscherInnen konnten eine neue lose strukturierte Gruppe namens Taurion OB enthüllen, von der sie glauben, dass sie Beteigeuzes Geburtsort ist und seine Geschwistersterne enthält.

  • Die Resultate der Hipparcos-Studie zeigen die Vorteile der Visualisierung alter Daten mittels moderner Visualisierungsmethoden. Die laufende "Gaia"-Mission wird weitere Daten liefern, die nötig sind, um tiefere Einblicke in den Ursprung, die Entwicklung und die Struktur unsere Milchstraße zu erhalten.

  • Publikation in "Astronomy & Astrophysics"

  • H. Bouy & J. Alves (2015). Cosmography of OB stars in the solar neighbourhood, Astronomy & Astrophysics, in press

  • Published online November 2015

  • DOI: dx.doi.org/10.1051/0004-6361/201527058

  • http://www.aanda.org/articles/aa/abs/2015/12/aa27058-15/aa27058-15.html

    Rückfragehinweis:
    Univ.-Prof. Joao Alves, PhD
    Institut für Astrophysik
    Universität Wien
    1180 Wien, Türkenschanzstraße 17
    M +43-664-60277-538 10
    joao.alves@univie.ac.at
    Aussender:
    Mag. Alexandra Frey
    Pressebüro der Universität Wien
    Forschung und Lehre
    1010 Wien, Universitätsring 1
    T +43-1-4277-175 33
    M +43-664-602 77-175 33
    alexandra.frey@univie.ac.at
STICHWÖRTER
Wien  | Forschung  | Wissenschaft  | Physik  | Astrophysik  | Astronomie  | Dossier  |

Dossier

Wissenschaft und Film gehören quasi zusammen, "seit die Bilder laufen lernten". So hat sich die Forschung des Films seit jeher bedient und umgekehrt. Die Grenzen zwischen ...

Gastkommentare

"Film schafft Wissen"
von Ivo Filatsch
Executive Producer der Terra Mater Factual Studios
"Audiovisuelle Predigt oder Ausgangspunkt partizipativer Innovation?"
von Markus Schmidt
Gründer und Geschäftsführer der Biofaction KG
"Wissenschaftlicher Film als 'optisches Dauerpräparat'"
von Gabriele Fröschl
Leiterin der Österreichischen Mediathek

Hintergrundmeldungen

Grafische Rekonstruktion von Carnuntum © images Interspot Film, 7reasons

ORF hat Wissenschaftsberichterstattung ausgebaut

Wissenschaft spielt beim ORF eine wichtige Rolle. Seit 2011 wurde die ...
Objektfotografie in der Medienwerkstatt der Vetmeduni © Bernkopf Michael/Vetmediathek

Unis vertrauen auf die Macht des Bewegtbilds

Ein Film zeigt mehr als tausend Worte: Teenies weltweit haben erkannt, dass DIY ...
Das Leben der Gladiatoren in Carnuntum wird wieder zum Leben erweckt © LBI für Virtuelle Archäologie

Wenn Filme auch Forschern "Aha"-Momente bescheren

Für Forscher können Wissenschafts-Dokumentationen zu einem wichtigen und ...
Sie kommen! © Youtube/Screenshot

Die unendlichen Weiten der Science Fiction

Wenn sich Matt Damon als existenziell herausgeforderter, aber stets ...
Schülerinnen der NMS Koppstraße im Rahmen des KidZ Projekts © Ingo Stein/NMS Koppstraße

Film in der Schule: Viel Luft nach oben

Filme bringen schon seit Generationen mehr Bewegung in den Unterricht, und die ...
Visualisierung erleichtert Entscheidungen - etwa bei Bauprojekten © Screenshot/Stadt Wien

Warum Unternehmen bewegte Bilder einsetzen

Nicht nur für Bildungs- und Forschungseinrichtungen sind Videos, Animationen ...

Mehr zum Thema