Gastkommentar

Franz Mayr © Magna Steyr
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Dossier

"Industry Meets Makers - neue Wege?"

Gastkommentar

25.04.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Im Frühjahr 2016 bekam ich den Hinweis, dass es in Wien eine neue Plattform gibt, die von Sandra Stromberger initiiert wurde. Mit der Teilnahme am IMM-Expert-Talk-Abend bei der Firma TELE Haase im Juli bin ich dann selbst das erste Mal ins Geschehen eingestiegen, um mir die ersten Eindrücke zu verschaffen. Die Maker-Szene vor Ort wirkte damals auf mich sehr familiär, leicht freakig bis nerdig und durchaus hoch motiviert und auch die Firmenvertreter, die als Briefing-Partner mit dabei waren, verhielten sich in diesem Rahmen total entspannt, leger und sehr ambitioniert. Es wollten offensichtlich alle gemeinsam möglichst rasch, effizient und plakativ Problemstellungen lösen und die Ergebnisse in Form von konkreten Prototypen darstellen.

  • Das hat mich dazu motiviert, Magna Steyr beim IMM-Abschluss-Event im Zuge der Digital Days 2016 in Wien ebenfalls als Briefing-Partner für die darauffolgende Runde im Jahr 2017 anzumelden. Der mögliche Nutzen, den ich dabei sah, bezog sich gleich auf mehrere Aspekte: Das Kennenlernen von neuen Technologien und Fertigkeiten in der Community, die rasche Erarbeitung von neuen Lösungskonzepten, Prototypen und Umsetzungen, die Generierung von zahlreichen neuen Kontakten, die ev. auch strategisch relevant sein könnten, sowie die Möglichkeit zu einem gezielten Recruiting und natürlich auch eine gewisse PR-Wirksamkeit.

  • Mein erstes Briefing zum Thema "In-Car-Gamification" im Frühjahr 2017 stellte mich dann vor eine echte Herausforderung. Meine Präsentation nach bester Maschinenbau-Powerpoint-Manier war für mich gefühlt im Kreise der anwesenden Makers derart deplatziert, dass ich mich auf einen echten Misserfolg einstellte. Umso überraschter war ich über den großen Andrang der Maker im Anschluss. Zusätzlich kontaktierten mich auch mehrere Vertreter von wissenschaftlichen und schulischen Einrichtungen sowie einiger KMUs.

  • Im Zuge der Abstimmung mit den interessierten Teilnehmern entschied ich mich gleich von Anfang an nicht für Gruppenprozesse, wie es andere Industriepartner in dieser Runde gehandhabt haben, sondern durchgängig für Einzeltreffen. Mir war klar, dass das zwar den Kommunikationsaufwand am Anfang sicher etwas erhöht, gleichzeitig habe ich mir davon aber auch erhofft, die individuellen Interessen und Möglichkeiten der Teilnehmer dadurch besser kennenlernen zu können. Die Gründe, sich in ein Briefing-Thema einzubringen, sind ja mannigfaltig. Sie reichen von Job- bis Auftragssuche, von Neugierde bis Hoffnung sowie von Vermarktung bis hin zu Interesse und Willen zur realen Umsetzung. Zudem sind die eigentlichen Motivationsfaktoren anfangs häufig verdeckt.

  • Der 1:1-Zugang ging im Großen und Ganzen sehr gut auf, obwohl es trotzdem auch zu einigen Enttäuschungen und Herausforderungen gekommen ist. Die echten Maker sind eigenwillig, nicht bereit, die Community zu verlassen oder ihre Stellung darin aufzugeben, und auch nachtragend, wenn die Unternehmen bei hohem Potenzial nicht in dem Maße reagieren können, wie es gewünscht wird. Das nachträgliche Hadern mit der gemeinsamen Inflexibilität führt vereinzelt zu einem Beigeschmack. Großunternehmen sind einfach keine Startups. Sie entscheiden unter dem Einfluss wesentlich massenhafterer Faktoren und damit zeitverzögert.

  • In Summe war das Gesamtmanöver aber aus mehreren Blickwinkeln betrachtet ein so großer Erfolg, dass die Entscheidung für eine weitere Teilnahme im darauffolgenden Jahr ziemlich einfach war. 2018 bin ich gleich mit zwei verschiedenen Briefing-Themen an den Start gegangen. Es war die logische Konsequenz aus den gesammelten Erfahrungen. Vielleicht kam es aber auch aus meinem reinen Übermut heraus dazu.

  • Die Themen "Fahrzeugvernetzung" und "automatisierte Reinigung" für zukünftige Fahrzeuge brachten neuerlich viele Nennungen aus allen Richtungen ein. Es zeichnete sich aber auch schnell ab, dass dies vorrangig Themen für wissenschaftliche bzw. schulische Einrichtungen und speziell auch KMUs waren.

  • Der Hauptgrund lag darin, dass Umsetzungen in der Automobilindustrie einfach Zeit benötigen, die Maker häufig nicht haben und meiner Meinung nach auch gar nicht haben wollen oder sollen. Mit der richtigen Idee gleich ein Startup zu gründen, wäre viel mehr meine Intention für sie.

  • Entsprechend dem Charakter der Themenstellungen ist das Jahr infolge dann auch verlaufen. Es gab ein paar Enttäuschungen bei einzelnen Makern. Gleichzeitig sind aber auch hochinteressante und erfolgreiche Kooperationen mit zwei wissenschaftlichen Einrichtungen und einem KMU entstanden. Aus den Erfahrungen unserer ersten beiden Runden bei IMM war eine Weiterführung im Jahr 2019 wieder in Überlegung.

  • Zu den größten Herausforderungen für Industrieteilnehmer zählen definitiv die Wahl eines geeigneten Briefing-Themas sowie die Definition des damit verbundenen, möglichen Nutzens für alle Beteiligten. IT- und Hardware-Themen mit kurzer Umsetzungszeit lassen sich meiner Erfahrung nach bestens in dieser Plattform platzieren und auch umsetzen. Briefings mit dem Ziel, Ideen außerhalb der eigenen Denkweisen zu generieren, ebenso. Aber die Frage, die man sich als Industriebetrieb von Anfang an stellen muss, ist auch immer, was den teilnehmenden Makern kurz-, mittel- und langfristig geboten werden kann. Ein Ausnutzen darf nicht das Ziel sein.

  • Mit der Definition des Themas: "End of life - second use" von Fahrzeugsystemen und Komponenten war die Entscheidung für eine neuerliche Runde gefallen und die Aussicht auf "#IMMgoesWEST" untermauerte sie weiter.

  • In diesem Jahr werden erstmals auch Aktivitäten in weiteren Bundesländern Österreichs gesetzt - neben Wien u.a. auch in NÖ, OÖ und Salzburg. Nach den ersten Briefing-Pitch-Sessions in Wien, Amstetten und Linz habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich durch die regionale Ausweitung tatsächlich nochmals ganz neue Potenziale auftun.

  • Das Spektrum der Möglichkeiten hat sich erweitert. Es umfasst nun gefühlt "Industry meets Makers" PLUS "Industry meets Students", "Students meets Makers", "Industry meets Startups" und "Industry meets Industry" und das sind auch die neuen Wege, in denen ich im Gesamtpaket den größten Nutzen für den Standort Österreich und auch darüber hinaus sehe und erwarte.

  • Ich blicke dem mit Spannung, kreativem Interesse und Freude entgegen.

Zur Person

Franz Mayr, Leiter des Innovations-Managements bei Magna Steyr

Franz Mayr absolvierte die BULME Graz für Maschinenbau und war von 1986 bis 1990 freiberuflich bei Steyr Daimler Puch, der jetzigen Magna Steyr. Ab 1990 war er zuerst für das Testen und Entwickeln von Hydraulikkomponenten und -systemen angestellt und ab 1995 in der Gesamtfahrzeugerprobung tätig. Von 2003 bis 2011 agierte er als Modulleiter für alternative Schmiermittelentwicklung und Strömungssimulation, bevor er ab 2011 die Übernahme des Ideen-Managements in der Vorentwicklung antrat. Seit Ende 2013 ist Mayr Leiter des Innovations-Managements bei Magna Steyr.

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