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Kurt Matyas, Vizerektor für Forschung und Innovation der TU Wien © APA
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Informatisches Dilemma als Verteilungs- und Betreuungsfrage

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01.08.2019
  • Wien (APA-Science) - Ab Herbst 2019 gibt es an den Unis ein Beginner-Plus von 300 Informatik- Studierenden. Für Österreichs größte Informatikerschmiede - die Technische Universität (TU) Wien - ist das Dilemma auch eine Frage der Studierenden-Verteilung und der Hochschul-Ressourcen. Die Aufnahmeprüfungen hätten mitunter positive Effekte, hieß es gegenüber APA-Science.

  • Im Wintersemester 2018 zählte man an den österreichischen Universitäten rund 15.000 und an den Fachhochschulen (FH) etwas über 5.300 Informatik-Studierende. 2.800 statt bisher 2.500 Studierende können im Herbstsemester österreichweit ein Uni-Informatikstudium in Angriff nehmen. Nicht überall kommen jedoch die möglichen Aufnahmeverfahren auch tatsächlich zur Anwendung.

  • Während die TU Wien und die Universität Wien aufgrund von mehr Bewerberinnen und Bewerbern als zur Verfügung stehenden Plätzen einen gemeinsamen Aufnahmetest durchführen müssen, blieben an anderen Unis, etwa im Westen des Landes, fallweise Studienplätze unbesetzt.

  • TU setzt auf Auswahlverfahren

  • Die Universität Innsbruck verzichtet für das Studienjahr 2019/20 etwa auf einige Aufnahmeverfahren, unter anderem in der Informatik. An der TU Wien werden die bisher 581 Anfängerplätze heuer um 90 erhöht. Da sich in den vergangenen Jahren in der Regel um die 1.000 Interessentinnen und Interessenten um ein Studium bemühten und sich dieser Trend in Wien nicht ändere, werde es heuer zum vierten Mal ein Auswahlverfahren geben, sagte TU-Vizerektor für Forschung und Innovation, Kurt Matyas, gegenüber APA-Science.

  • Der paradoxen Situation, dass an manchen Standorten potenzielle Informatiker abgewiesen werden müssen, woanders aber Plätze unbesetzt bleiben, müsse man mit Information und Abstimmung zwischen den Hochschulen begegnen. Hier sollte hochschulübergreifender gedacht werden: "Wir überlegen etwa mit der Fachhochschule Campus Wien eine gemeinsame Studienwerbung zu machen", sagte Matyas. In Kooperation mit der Universität Klagenfurt wurden bereits im vergangenen Jahr Interessentinnen und Interessenten, die an der TU nicht zum Zug kamen, darüber informiert, dass es im Süden Österreichs noch freie Plätze gebe. "Ich glaube schon, dass es hier noch mehr solcher Aktivitäten bedarf", so der Vizerektor.

  • Beim Frauenanteil "Luft nach oben"

  • Beim Blick auf jene Studierenden, die das Prozedere bisher durchlaufen haben, zeige sich, dass diese im Schnitt aktiver seien und bessere Noten hätten. Der Frauenanteil bleibe bisher stabil - liege allerdings immer noch unter 20 Prozent. Hier gibt es laut Matyas jedenfalls noch "Luft nach oben". Dass Eingangsverfahren zu einem im Schnitt höheren Commitment zum Studium führen, sehe man auch in anderen Fächern, so Matyas. Der Anteil aktiv betriebener Informatik-Studien habe sich seit Einführung der Tests erhöht: Alleine vom Studienjahr 2016/17 (2.452) auf 2017/18 (2.583) seien es an der TU rund 130 prüfungsaktive Studien mehr geworden. Das liege auch an flankierenden Betreuungsmaßnahmen, wie Brückenkursen, der Studieneingangsphase oder Unterstützung für Erstsemestrige, die insgesamt "das Studium 'studierbarer' machen", sagte Matyas.

  • Über alle heimischen Unis mit entsprechendem Studium hinweg verzeichnete man laut "unidata" 2017/18 mit 1.326 Absolventinnen und Absolventen ein leichtes Plus gegenüber dem Studienjahr davor (1.203 Abschlüsse). Dazu passen auch die Zahlen an der TU Wien: Vom Studienjahr 2016/17 auf 2017/18 wurde dort im Bachelor- und Masterbereich ein Anstieg um rund 80 Informatik-Absolventinnen und -Absolventen verzeichnet.

  • Da es die Zugangsbeschränkungen erst seit 2016 gibt, lässt sich deren Effekt hier noch nicht beziffern. "Wir glauben aber schon, dass die Anzahl der Absolventen weiter steigen wird, weil wir die Leute im Studium besser betreuen können", sagte der Vizerektor unter anderem im Hinblick auf in der aktuellen Leistungsvereinbarungsperiode steigende Mittel.

  • Üppiges Angebot an den FH

  • Auch an den Fachhochschulen gibt es mittlerweile ein durchaus üppiges Angebot an einschlägigen Studiengängen: Der Definition der AQ Austria (Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria) zufolge fallen aktuell 57 Studiengänge in die Fächergruppe "Informatik und Software" mit pro Jahr 1.835 Studienplätzen, wie die Fachhochschulkonferenz (FHK) auf APA-Science-Anfrage mitteilte.

  • Die Nachfrage ist relativ groß, kommen demnach doch auf einen Studienplatz - je nach Studiengang - zwischen zwei und vier Bewerberinnen und Bewerber. Der Durchschnitt liegt bei 2,6 Interessentinnen und Interessenten pro Platz. Im Studienjahr 2017/18 schlossen 1.251 FH-Studierende ab. Zehn Jahre davor lag deren Zahl noch knapp unter 1.000. Inzwischen wird auch versucht, mit innovativen Ansätzen - wie einer Crowd-Finanzierung - mehr Studienplätze zu ermöglichen (siehe "Per Crowd zum FH-Studium").

  • Klar ist jedenfalls, dass der Weg von der Hochschule in die Wirtschaft nicht unbedingt mit einem akademischen Abschluss einhergehen muss. Gerade in diesem Bereich verläuft der Übergang vielfach fließend. Das Phänomen der "Job-outs", also ein fliegender Wechsel aus dem Studium in ein Arbeitsverhältnis, ist hier durchaus verbreitet, räumte auch Matyas ein. Von den Master-Studierenden wisse man aus Befragungen, dass bereits rund 70 Prozent in Firmen engagiert seien, wie Branchenvertreter im vergangenen Jahr erklärten.

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