Gastkommentar

Emilie Brandl © LBG/Johannes Brunnbauer
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Dossier

"'Kann ich bitte die Emilie sprechen, Herr Fessa?', oder wie es ist, ein Lehrerkind (38) zu sein"

Gastkommentar

26.09.2019
  • Wien (Gastkommentar) - "Lehrersohn (50) sucht Wohnung", stand bei den Kleinanzeigen im "Augustin". Das war im Herbst 1999 und meine Zeit als "aktives Lehrerkind" war wenige Monate davor mit der Matura zu Ende gegangen.

  • Was mich damals kurz amüsiert hat, verstehe ich heute ganz gut. Man hört nicht einfach auf, ein Lehrerkind zu sein, wenn die Schule vorbei ist, und auch dann nicht, wenn die Eltern in Pension sind. Meine Schulzeit ist jetzt zwanzig Jahre her, ich bin selber keine Lehrerin und doch sticht mir jedes Mal diese leichte Beklemmung in die Brust, wenn ich wieder höre, dass "die" Lehrerinnen und Lehrer einen Halbtagsjob haben und "in der Privatwirtschaft" sowieso nicht überleben würden. Das passt einfach nicht mit dem Engagement für ihre Schülerinnen und Schüler zusammen, das ich von meinen Eltern erlebt habe. Auf der anderen Seite sind da natürlich die unendlichen Diskussionen zwischen den Lehrerinnen und Lehrern, wie ungerecht die ganze Welt zu ihnen ist. Medien, Eltern, Ministerium und Landesschulrat, alle Menschen mit anderen oder ohne Jobs - nur über die Schülerinnen und Schüler wurde das eigentlich nie gesagt. Hilfe, holt mich da raus! Wird über andere Berufsgruppen eigentlich auch so viel geredet? Von anderen und vor allem von ihnen selbst?

  • Die seltsame Verbundenheit mit dem Beruf der Eltern und das Gefühl, ihn ständig gegen ein Pauschal-Bashing verteidigen zu müssen, gehen irgendwie nie weg. Zumindest ist das bei mir so.

  • Ich bin in Bruck an der Mur mit beiden Elternteilen als Lehrerin und Lehrer aufgewachsen. Der Vater ein strenger Mathematiklehrer in der eigenen Schule, die Mutter war zumindest in einer anderen Schule, aber immer noch in der gleichen Kleinstadt. "Die Tochter vom Brandl" oder "die kleine Brandl" - wie peinlich! Bitte sofort im Boden versinken. War das schlimmer, als beim Turnen als vorletzte in die Völkerballmannschaft gewählt zu werden? Ich weiß es nicht. Noch schlimmer hat es nur die getroffen, die beide Eltern in der eigenen Schule hatten. Zum Glück war so einer in meiner Klasse.

  • Ich möchte die Vorteile nicht verheimlichen, die ich als Lehrerkind gehabt habe. Sie sind allerdings ganz anders, als man sich das vielleicht vorstellt. Bessere Noten? Falsch gedacht! Da hätte doch gleich jeder geglaubt, das Kind vom Kollegen wird bevorzugt. Meine Vorteile waren - sagen wir einmal - sehr individuell und dafür möchte ich zwei Beispiele bringen: Nach der Schule an einem heimlich ausgemachten Ort den Papa treffen, damit er die schwere Schultasche heimträgt, und man selber geht dann mit den Schulfreundinnen und -freunden Richtung heim. Die Frage, "Wo ist plötzlich deine Schultasche?", war halt dann peinlich. Ein geheimes Versteck am Gang ausmachen, an dem der Papa die frische Jause, einen Kornspitz mit Schinken und Käse, deponiert. Als Überraschung ist jedes Mal eine Schwedenbombe dabei und jedes Mal freut man sich. Und natürlich gibt es auch ernstzunehmende Vorteile: Du hast einen gewissen Startvorteil, weil du von klein auf mitbekommen hast, wie das System Schule funktioniert und wie Lehrerinnen und Lehrer ticken. Außerdem hast du Eltern mit einem sicheren Arbeitsplatz und - hoffentlich! - einem Verständnis für Kinder.

  • Was aus damaliger Sicht natürlich cooler war: Alle wollen mit dir in einer Klasse sein, weil sie dann nicht den strengen Mathematiklehrer bekommen können.

  • Was mir zu Schulzeiten als große Ungerechtigkeit vorgekommen ist, fühlt sich inzwischen eigentlich recht lustig an. Erstens: Du bist ein Lehrerkind! Und dann noch: Du heißt - bitte mitdenken: es waren die 90er Jahre und es war in Bruck an der Mur - Emilie, fährst nach Frankreich auf Urlaub und sprichst sehr schön. "Die Emilie hat mit einem Jahr vollständige Subjekt-Prädikat-Satze sagen können und ihr erstes Wort war 'Eule'." Uff! Kann man das für Gehaltsverhandlungen verwenden? Und natürlich hast du ein Festnetztelefon. "Kann ich bitte die Emilie sprechen, Herr Fessa?" Hilfe! Wer traut sich denn da anrufen? Wie gesagt, mit einem gewissen Abstand sind das sehr überschaubare Nachteile. Meine Schulzeit war lustig und ich kann inzwischen sehr schätzen, was mir meine Eltern mitgegeben haben - und die Beklemmung in der Brust bei LehrerInnen-Bashing wird auch weniger. Oder wird vielleicht sogar das Bashing weniger?

Zur Person

Emilie Brandl, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Emilie Brandl leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, zu der 21 Forschungsinstitute mit insgesamt 550 Beschäftigten gehören. Die Forschungsthemen der LBG sind Health Sciences und Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Brandl ist für die Planung, Umsetzung und strategische Weiterentwicklung der Kommunikation verantwortlich. Zuvor war sie für die Öffentlichkeitsarbeit des Forschungsverbunds ACR – Austrian Cooperative Research verantwortlich. Brandl studierte Literatur und Sprachen in Wien und Paris.

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