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Komplexe Erfindung anschaulich erklärt: Kurzfilm von Kunstuni und Uni Linz © Kunstuniversität Linz
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Kein unnützes Wissen: Die Theorie muss raus

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24.09.2015
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Innsbruck (APA-Science) - Wertvolles theoretisches Wissen in die Gesellschaft "exportieren": Das ist das Ziel der Wissenstransferzentren (WTZ), die sich seit Sommer 2014 für die Schaffung einer nachhaltigen Verwertungskultur und ein stärkeres Bewusstsein für das Marktpotenzial von Ideen an den Universitäten einsetzen. Daneben verfolgen jedoch auch die Unis selbst ihre IPR-Strategien, etwa die Technische Universität (TU) Wien, die mit den meisten Patenterteilungen unter den heimischen Universitäten glänzt.

  • Die drei regionalen Zentren - Süd (koordiniert von der TU Graz), Ost (koordiniert von der Medizinischen Uni Wien) und West (koordiniert von der Uni Innsbruck) - sowie ein von der Universität Wien koordiniertes überregionales WTZ für Life Sciences - setzten damit den Weg fort, der Anfang der 2000er-Jahre mit dem "Uni:Invent"-Programm für die Etablierung einer langfristigen IPR-Kultur (Intellectual Property Rights) eingeschlagen wurde. Sie fungieren als Plattform und Drehscheibe. "Sie sollen die weitere Professionalisierung, aber auch einen besseren Kontakt zu regionalen Stakeholdern vorantreiben", erklärt David Lederbauer von der Uni Innsbruck, Koordinator und stellvertretender Leiter des WTZ-West gegenüber APA-Science. Darüber hinaus sei auch soziale Innovation - also die Verbreitung von neuen sozialen Praktiken in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen - ein wesentliches Anliegen. Jedes WTZ muss jährlich um Verlängerung beim Wissenschaftsministerium (BMWFW) ansuchen. Im Jahr 2018 erfolgt eine Programmevaluierung.

  • Virtuelles Kompetenzzentrum

  • Das WTZ West ist ein Zusammenschluss der Uni-Standorte Salzburg, Linz und Innsbruck sowie assoziierter Partner. Es fungiere "ähnlich wie ein Kompetenzzentrum, aber sehr virtuell", erläutert der promovierte Politologe, was der räumlichen Distanz zwischen den Universitäten geschuldet sei - "da hat es etwa das Zentrum Süd, wo sich vieles auf Graz konzentriert, einfacher".

  • Am Zentrum West werden fünf Projektschwerpunkte verfolgt: "Informationstechnologien", "Physical Science", "Biomedical Science", "Geistes- und Sozialwissenschaften samt Künsten und Kunst" sowie "Awareness und Begleitmaßnahmen". "Die Zentren sollen den Workflow verbessern. Beispielsweise halten wir Patent-Workshops zu möglichen Geschäftsmodellen ab. Aber wir wollen auch den Austausch von Know-how innerhalb der Wissenstransferzentren verstärken", so Lederbauer. Was durchaus eine Herausforderung sei: "Wir haben durch die Heterogenität unserer Partner - von Kunstuni Linz über Mozarteum Salzburg bis zur Medizinischen Universität Innsbruck - natürlich dementsprechend unterschiedliche Anforderungen. Aber wir überlegen trotzdem: Was können wir ihnen anbieten?"

  • Kunst ist gleichberechtigt

  • Dass die Kunst einen gleichberechtigten Stellenwert besitzt, zeigt sich in einem gemeinsamen Projekt der Johannes-Kepler-Uni mit der Kunstuni Linz. Hier entstand mit "Maybe Palermo" ein Kurzfilm über die Polymer-Forschung - genauer gesagt über Polyphosphazene, einen Forschungsdurchbruch, der bereits zum Patent angemeldet wurde. Eingesetzt werden Polyphosphazene in der Medizin, etwa als Transportmittel für Krebsmedikamente. In Form einer Taxifahrt wird der chemische und medizinische Wirkungsprozess auch für Laien verständlich dargestellt.

  • Potenziale erkennen

  • Einen Schwerpunkt setzten die Zentren weniger auf die direkte Verwertung von Ideen und Erfindungen, sondern auf die Basisarbeit im Vorfeld. Es gehe um Bewusstseinsbildung, betont Lederbauer. "Wir wollen den Forschern 'Awareness' für das Potenzial von Projekten vermitteln und ihnen das Rüstzeug mitgeben, um mögliche Verwerter selber ausfindig machen zu können", erklärt er die Vorgangsweise. Denn nach wie vor würden sich Wissenschafter auf ihre Publikationen konzentrieren, der Fokus der Unternehmen hingegen liege auf der Marktfähigkeit von Ideen. "Zwischen diesen beiden Polen erstreckt sich immer noch das sogenannte Death Valley", bedauert Lederbauer. "Hier wollen wir einen Anknüpfungspunkt finden."

  • Die Wissenstransferzentren gehen auch selber auf Betriebe zu, allerdings geschieht dies stark regional. "Die Uni Linz wird sich eher an Linzer Unternehmen wenden und eine Tiroler Firma eher an die Uni Innsbruck", so der Koordinator.

  • Physik, Biochemie, Technik

  • Die Fachbereiche, mit denen das WTZ West am stärksten befasst ist, sind Physik, Biochemie und Technik. "Hier ist wohl auch das Bewusstsein bei den Forschern am größten", meint Lederbauer. Umso stärker versuche man, vorhandene Forschungsaktivitäten auch in anderen Themenfeldern zu filtern und für das Zentrum selber überhaupt sichtbar zu machen. "Wir starten zum Beispiel gerade eine hausinterne Umfrage zur IT-Entwicklung, um uns einen Überblick zu verschaffen. Denn längst nicht nur klassische Programmierer entwickeln Software", stellt er fest.

  • Grundsätzlich muss eine Erfindung laut Patentgesetz gemeldet werden, wenn sie im Rahmen einer Dienstarbeit entsteht. Die Universität entscheidet dann, ob sie diese zum Patent anmelden will. Falls sie die Frist verstreichen lässt, kann das Patent vom Erfinder als Privatperson eingereicht werden. "Aber das passiert in ganz, ganz wenigen Fällen", so Lederbauer. Interessante Anwendungen oder Projekte werden zuerst von Patent-Scouts des Zentrums durchleuchtet. Bestehen sie diese erste Beurteilung, werden externe Bewertungen eingeholt.

  • Wem gehört ein Ergebnis?

  • Wenn die Forschungskooperation als Drittmittelprojekt durchgeführt wird, können die Rechte an Ergebnissen entweder dem Unternehmen oder der Universität zufallen. Grundsätzlich ist es möglich, dass das Unternehmen die Rechte an den Ergebnissen erhält - die Uni muss dafür entsprechend der einschlägigen Bestimmungen jedoch ein marktkonformes Entgelt inklusive Gewinnaufschlag verlangen, heißt es seitens des Zentrums.

  • Eine gemeinsame Initiative aller Wissenstransferzentren ist übrigens der Ideengarten, ein österreichweites Start-up-Camp für Studierende aller Fachrichtungen, das zum ersten Mal von 23. bis 27. September in Linz durchgeführt wird.

  • Technische Universität unterstützt Forscher

  • Die einzige heimische Uni, die es bei den erteilten bzw. registrierten Patenten und Gebrauchsmustern auf einen Platz unter den Top 10 (siehe Grafik/Factbox) schaffte, ist die Technische Universität Wien. Die TU, die sowohl am WTZ Ost als auch am Life Science-Zentrum beteiligt ist, verfolgt ihre eigene IPR-Strategie. Sie unterstützt universitätseigene Forscher konkret "entlang der gesamten Wertschöpfungskette", erläutert Forschungskommunikatorin Christine Cimzar-Egger. Von der Projektidee bis zum Forschungsergebnis werden Wissenschafter bei der Anbahnung, Patentierung und Verwertung unterstützt. Umfassende Infos und auch persönliche Beratungen gibt es zu Themen wie Förderungen, Netzwerkpflege mit Unternehmen, Vertragsgestaltung bis hin zum Patent- und Lizenzmanagement.

  • Erfolgreiche Beispiele für Spin-offs, die durch die Patentierungsstrategie der TU unterstützt wurden, sind etwa der 3D-Druck-Spezialist Lithoz, der Schneeproduzent Neuschnee (SIEHE HINTERGRUND), oder das Biochemie-Unternehmen Fitroleum. Darüber hinaus ist die TU - neben der Uni Wien, der Wirtschaftsagentur Wien und dem Technologieministerium (BMVIT) - auch am universitären Gründerservice INiTS beteiligt.

  • Bis zu 70 Erfindungsanmeldungen jährlich

  • "Pro Jahr erreichen uns 500 bis 600 Anfragen", erklärt Patent- und Lizenzmanagerin Tanja Sovic-Gasser vom Forschungs- und Transfersupport (FTS) der TU. Darunter seien etwa 60 bis 70 Erfindungsanmeldungen, rund 300 bis 400 Anfragen beträfen Kooperationsverträge und der Rest umfasse Fragen zu Förderprogrammen. Die Anfragen kämen aus allen Fakultäten und Instituten, am häufigsten jedoch aus den Bereichen Computational Science and Engineering, Quantum Physics and Quantum Technologies, Materials and Matter, Information and Communication Technology sowie Energy and Environment. Rund 50 bis 100 Anfragen würden jährlich von außerhalb - etwa Unternehmen oder kooperationswilligen Forschungseinrichtungen - gestellt.

  • Werde ein Forscher im Patentprozess und bei der Suche nach einem Lizenznehmer unterstützt, könne das schon mehrere Jahre Begleitung erfordern, so die Materialforscherin. Entsprechend ihrer Patentierungsstrategie sei der Universität wichtig, dass die Weitergabe des neu generierten Wissens an die Gesellschaft sichergestellt sei und der Innovationsstandort Österreich weiter ausgebaut werden könne.

  • Geht es um die Verwertung, sind Sovic-Gasser zufolge grundsätzlich vier Modelle denkbar: die Akquisition von Forschungsprojekten, die Lizenzvergabe, der Verkauf oder Ausgründungen. Es komme immer auf den Einzelfall an, welcher Weg gewählt werde, so die Expertin.

  • Der Weg von einer Erfindung zum Prototypen ist allerdings kein leichter: Deshalb fördert das Wissenschaftsministerium im Rahmen des PRIZE-Wettbewerbs ausgewählte neu patentierte und patentfähige Einreichungen aus der Grundlagenforschung, damit ein Prototyp erstellt werden kann.

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