Gastkommentar

Leon Frädrich und Melanie Ruff © Factory Hub Vienna
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Dossier

"Kooperationsromantik ist fehl am Platz"

Gastkommentar

25.04.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Die Maker- und Startup-Szene befindet sich ohne Zweifel auf dem Vormarsch. Doch der Traum vom eigenen Hardwareunternehmen scheitert für viele schon nach der Umsetzung des ersten Entwurfs. Das Angebot für die Herstellung eines Prototyps ist, zumindest in Wien, sehr gut, jedoch fehlt oft die Möglichkeit, das eigene Produkt kostengünstig und in überschaubarer Stückzahl in Serie zu fertigen. Vor allem die steigende Nachfrage nach Produktionsmöglichkeiten im niedrigen dreistelligen Stückzahlbereich kann vielerorts nicht bedient werden. Die große Chance, die Wertschöpfung eines Produktes lokal zu halten, droht verloren zu gehen. Dass dieses Thema nun auch bei den Fördergebern angekommen ist, zeigt etwa das Förderprogramm der FFG "lnnovationswerkstätten" (*) . 2017 wurde mit diesen Geldern unter anderem der Factory Hub Vienna bei Tele Haase gegründet, in dem Technik-Startups nicht nur neue Produkte entwickeln sondern auch in überschaubaren Serien fertigen können.

  • Da es sich bei den Startups und Makern in der Regel nicht um erfahrene Industrialisierer mit den Taschen voller Venture Kapital handelt, braucht es für diese Zielgruppe ein spezielles Angebot. Die Firma Tele Haase nahm sich 2017 der Herausforderung an und entwickelte gemeinsam mit Szene-Insidern das Konzept des Factory Hubs - einem Co-Working-Space, ausgelegt für Hardware-Maker und Startups. Hier darf man voneinander lernen: Startups ohne Industrieerfahrung erhalten von erfahrenen Hardware-Produzenten Unterstützung beim Produktdesign für die erste Serie - formlos und unkompliziert, etwa am Kaffeeautomaten oder direkt an den Maschinen. Das erfordert aufseiten des Unternehmens ein konsequentes Commitment aller Mitarbeiter und die räumliche Nähe zwischen Makern und Hersteller.

  • Herausforderung Shared-Facilities

  • Die zweite wichtige Entscheidung neben der räumlichen Nähe war, den Shared-Facilities-Ansatz konsequent zu Ende zu denken und umzusetzen. Die größte Herausforderung für Tele-Mitarbeiter war nicht etwa die Offenheit, mit Makern zusammen zu arbeiten, sondern den eigenen Arbeitsalltag so zu gestalten, dass neben der Hauptaufgabe noch Zeit blieb, spezielle Lösungen für Maker zu finden, für die es im Betrieb keine optimierten Prozesse gab. So wird Improvisationstalent, eine Fähigkeit, für die die Maker bekannt sind, nun auch von den Tele Haase Mitarbeitern gefordert. Dieser Umstand bietet die große Chance, einen Mehrwert in der Mitarbeiterentwicklung zu schaffen.

  • Chance und Risiko

  • Die günstigen Mietpreise des Factory Hub werden durch finanzielle Zuschüsse von FFG und Tele ermöglicht. Sie sind entscheidend, da mangelnde Liquidität oftmals ein großes Problem für junge Unternehmen darstellt. Der Hub bietet eine Möglichkeit, diese Hürde zu umgehen, und leistet damit einen großen Beitrag zum Innovationsprozess, da viele Projekte zu teureren Konditionen gar nicht realisierbar wären. Für Tele ist die großzügige Vorleistung (Risikoteilung als Wegbereiter) also durchaus mit einem finanziellen Risiko verbunden, nicht zuletzt deshalb, weil das Factory Hub ja auch nach Auslaufen der Förderung seine Erfolgsgeschichte weiterschreiben soll.

  • Kooperation erzeugt Reibung

  • Bei Umsetzung der Idee, Innovation durch Zusammenarbeit mit Makern ins Haus zu holen, gab es auch einige Reibungspunkte. So musste die eingangs erwähnte Kommunikation und Kollaboration zwischen Tele und den Makern erst einmal in die Gänge kommen. Ein Bündnis zweier Parteien, die heterogener kaum sein könnten, birgt Konfliktpotenzial. Herausforderungen - besonders bei Themen, die das gemeinsame Arbeiten unter einem Dach oder individuelle Wünsche betreffen - waren vorprogrammiert. Auch Unterschiede bezüglich der Sprache, der wirtschaftlichen Zielsetzung und der verschiedenen Arbeitsgeschwindigkeiten und -zeiten müssen laufend berücksichtigt werden. Letztendlich ist es aber eben diese Heterogenität, die sich bei der Lösung von Problemen als äußerst wertvoll erwiesen hat. Neue Ansätze und Sichtweisen werden besonders mit Blick auf kommende Umbrüche in Wirtschaft und Gesellschaft immer notwendiger. Den Makern wird hierbei eine Vorbildfunktion zugeschrieben. Gegenüber klassischen Unternehmensstrukturen haben sie in punkto Agilität und Flexibilität klar die Nase vorn und überzeugen mit frischen, unkonventionellen Ideen. Sie sind optimal für eine Zukunft aufgestellt, die zunehmend von Schnelllebigkeit geprägt sein wird.

  • Fazit: Es zahlt sich aus

  • Die Zusammenarbeit mit Makern bringt nicht einfach so schnelle und kostengünstige Innovation ins Haus. Allerdings ergeben sich, wenn man es richtig macht, unzählige Chancen für beide Parteien. Tele blickt auf eine lange Historie erfolgreicher Produktion im Bereich Zeit- und Überwachungsrelais zurück und liefert wirtschaftliche Expertise. Die Maker bringen frischen Wind und Innovationen mit. Es ist also kein Wunder, dass bereits einige der aktuell zehn geförderten Projekte die Serienreife erreicht haben und sich über Anklang am Markt freuen dürfen. Durch die gemeinsam genutzten Räumlichkeiten und den damit einhergehenden regen Austausch profitieren alle Beteiligten. Neben Tele und den Startups gewinnt auch der Standort Österreich an Attraktivität, denn der Hub leistet einen entscheidenden Beitrag zum Innovationsprozess und dem Erhalt der Produktion im Land. Aufgrund der gesammelten Erfahrungen fällt das Fazit also trotz anfänglicher Schwierigkeiten positiv aus. Es ist an der Zeit, umzudenken und bisherige Unternehmensstrukturen zu hinterfragen. Die Maker und die Startups leisten dazu einen entscheidenden Beitrag. Gemeinsam mit etablierten Unternehmen erreichen sie ihre Ziele. In Zukunft könnte sich diese Kooperation als wegweisend herausstellen und zum Standard der Industrie werden.

  • (*) Im Rahmen der Ziele der Open Innovation Strategie (2016) leistet das Programm des BMBWF zur Förderung von Innovationswerkstätten einen strukturellen Beitrag. Diese bieten eine Innovationsumgebung mit materieller und immaterieller Infrastruktur. Sie ermöglichen die Einbindung und Mobilisierung neuer Gruppen in Innovationsaktivitäten und fungieren als interaktive Kommunikationsräume vor Ort.

Zur Person

Leon Frädrich und Melanie Ruff, Factory HUB Vienna/Tele Haase

Mag. Dr. Melanie Ruff ist seit Oktober 2018 HUB Agent für den Factory HUB Vienna und verantwortlich für das Gremium „Innovation“ bei Tele Haase. Zuvor war sie von 2017 bis 2018 in der Funktion als Innovation and Entrepreneurship Expertin bei der FH ST. Pölten tätig. 2018 war sie die Startup Koordinatorin von St. Pölten. Praxiserfahrung im Bereich Gründen und Startup sammelte sie von 2013 bis 2016 als CEO und Co-Founder der RUFFBOARDS Sportartikel GmbH.

Leon Frädrich studiert im dritten Semester Business Management and Psychology an der Hochschule Furtwangen und ist als Praktikant im Bereich Marketing bei Tele Haase tätig.

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