Gastkommentar

Anne Biber © privat
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Dossier

"Kunststoffe gehören gesammelt. Konservierungswissenschaft erforscht Materialgeschichte"

Gastkommentar

28.09.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Kunststoffe sammeln? Dabei denkt man an Recycling oder Sammelaktionen gegen Plastikmüll in der Natur. Wenige würden es mit einem Museum in Verbindung bringen. Dabei haben Kunststoffe längst ihren Weg in Museumssammlungen aller Sparten gefunden. Das Technische Museum Wien (TMW) sammelt seit über 100 Jahren gezielt zum Thema Kunststoffproduktion. Der historische Bestand umfasst mehr als 600 Material- und Produktproben - meist neueste technologische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. In meiner Doktorarbeit erforsche ich diesen Bestand, der ein Jahrhundert Kunststoffgeschichte in bemerkenswerter Unmittelbarkeit nacherzählt:

  • Was wir heute als Kunststoffe bezeichnen, nämlich Werkstoffe auf Basis synthetischer oder aus Naturstoffen abgewandelter organischer Polymere, hat seinen Ursprung in einer frühen Materialforschung im 19. Jahrhundert. Man suchte nach Ersatz für teure oder nicht ausreichend verfügbare natürliche Werkstoffe wie Elfenbein, Schildpatt oder Koralle. Als das TMW 1918 eröffnete, fanden Besucher_innen im Bereich Chemische Industrie bereits Exponate aus den Kunststoffen "Celluloid" und "Galalith" (Slideshow siehe Titelgeschichte).

  • Das verweist auf die kaum noch bekannte Bedeutung der frühen österreichischen Kunststoffindustrie, die sich als eine der weltweit ersten entwickelte. Den Anfang machten kleinere verarbeitende Betriebe. Beispielsweise begannen etablierte Drechslereien anstelle von Elfenbein oder Perlmutt importierte Kunststoff-Halbfabrikate zu verarbeiten. Ab den 1910er-Jahren wurden in Östereich-Ungarn auch Kunststoffe erzeugt, etwa von der AG für Celluloidfabrikation, den Akalit Kunsthornwerken und der einflussreichen Kunstharzfabrik Dr. Fritz Pollak. Die Produktion war auf Qualität ausgelegt, nicht auf Masse. Der Sammlungsbestand aus den 1910er- und 1920er-Jahren umfasst dementsprechend schöne und beeindruckend hochwertig gefertigte Erzeugnisse.

  • Aus der Nähe zur deutschen Kunststoffindustrie entwickelte sich im Lauf der 1930er-Jahre eine Abhängigkeit von dieser. Die großtechnische Produktion mithilfe neuer Verarbeitungsverfahren, wie dem Pressen und dem Spritzgießen, verdrängte die handwerkliche Verarbeitung. 1940 eröffnete das TMW die Ausstellung "Deutsche Kunststoffe, deutsche Werkstoffe". Präsentiert wurden Telefone und Radios aus Bakelit, Spritzgussteile und das damals vollkommen neuartige Plexiglas. Der Ausstellungstitel verweist auf das propagandistische Motiv, ganz im Sinne der nationalsozialistischen Autarkiepolitik.

  • Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann der rasante Aufschwung der globalen Kunststoffindustrie, mit neuen Kunststoffen, wie PVC, Polypropylen oder Polyethylen. Auch österreichische Erzeuger und Verarbeiter konnten sich wieder behaupten. Die Verpackungsindustrie entdeckte das Material für sich, das Konzept der Einwegkunststoffe entstand. Dass die Haltbarkeit aber mehr als eine einmalige Verwendung zugelassen hätte, demonstrieren Verpackungen aus den 1950er-Jahren, die weitgehend unversehrt in der Sammlung erhalten sind. 1963 eröffnete im TMW eine "Kunststoff-Lehrschau". Produkte aller Art sollten mit dem Material, das vielen Konsument_innen noch immer unbekannt war, vertraut machen. Fotos der Ausstellungseröffnung zeigen einen regen Andrang von Besucher_innen. Kunststoff verkörperte die Modernität und Aufbruchsstimmung der Nachkriegsjahre.

  • In den 1970er-Jahren hatten Kunststoffe von der Alltagskultur über Technik und Design bis zur Kunst alle Lebensbereiche durchdrungen. Zugleich kam mit der Ölkrise ein Bewusstsein für die Umweltproblematik auf. Vielleicht auch im Schatten dieses Imagewandels geriet die Erweiterung der Sammlung in den 1970er-Jahren ins Stocken.

  • Heute erzählt die Sammlung Geschichte und deckt vergessene Sachverhalte auf. Ein herausragendes Beispiel ist jenes der Kunstharzfabrik Dr. Fritz Pollak in Wien. Der Chemiker Fritz Pollak, ein Pionier und Visionär, hat einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der bis heute produzierten sogenannten Aminoplaste. Sein Betrieb geriet Ende der 1920er-Jahre wirtschaftlich unter Druck und Pollak war als Jude Anfeindungen ausgesetzt. 1930 stellte die Fabrik die Produktion ein. Patente wanderten ins Ausland. Pollaks Spur als Kunststoffchemiker verliert sich in den späten 1930er-Jahren. Zur Emigration gezwungen, gelangte er in die USA, konnte dort aber nicht an seine Karriere anknüpfen. Neben einer Vielzahl von Patenten und mehreren Publikationen sind nur sehr wenige Erzeugnisse erhalten geblieben. Ein kleiner Nachlass gehört zu den wertvollsten Objekten in der Kunststoffsammlung des TMW.

  • Warum besitzt nun die Erforschung der Kunststoffsammlung Relevanz? Das hat viele Gründe. Der für mich als Restauratorin wichtigste mag überraschend scheinen. Zwar sind Kunststoffe bekanntlich nicht biologisch abbaubar und so ein globales ökologisches Problem geworden. Dennoch unterliegen sie chemischen und physikalischen Abbauprozessen. Zerfallsprozesse treten bei manchen Kunststoffen sogar schneller und intensiver in Erscheinung als bei vielen "traditionellen" Materialien. Die Beschäftigung mit den zahlreichen, auch historischen Kunststoffen ist nötig, um geeignete Strategien zur Konservierung und Restaurierung zu entwickeln. Eine Sammlungsforschung kann dafür Grundlagenarbeit leisten. In meiner Arbeit geht es konkret um die Technologie der Farbgebung, auch vor dem Hintergrund, dass sich die Farbe von Kunststoffen bei der Alterung häufig stark verändert und man noch wenig über Ursachen und Zusammenhänge weiß.

  • Zum anderen geht es bei der Erforschung der Sammlung auch um ein Lesbarmachen der Objekte: Kunststofftechnologie ist kein populäres Massenthema. Ohne Kontextualisierung wirken die Objekte wenig "sprechend". Nur mit Hintergrundwissen können im Material gespeicherte Informationen lesbar gemacht werden. Das Thema der Farbigkeit hat dabei den schönen Nebeneffekt, dass die Ästhetik der frühen Kunststoffe hervorgehoben werden kann, was den Zugang zum Thema erleichtert.

  • Die Konservierungswissenschaften, also die wissenschaftliche Basis der Konservierung und Restaurierung, die an Hochschulen gelehrt wird, sind genau die geeignete Disziplin zur Erforschung. Sie verknüpfen systematisches Beobachten und Studieren von Objekten mit naturwissenschaftlichen Analysen und historischer Quellenrecherche. In meiner Arbeit steht die Geschichte der Materialien und Technologien der Sammlung im Zentrum. Diese Materialgeschichte sehe ich keineswegs als Rand-, sondern vielmehr als Schlüsselthema auch für andere Disziplinen, damit man sich davon ausgehend neuen Fragestellungen nähern kann.

  • Im TMW wird weiter Kunststoff gesammelt. Besonders interessant sind aktuell Materialinnovationen, die auf die Umweltproblematik reagieren. So wie vor 100 Jahren nach Ersatz für teure Materialien gesucht wurde, sucht die Forschung nun nach Ersatz für Kunststoffe, um die Folgen des massenhaften Gebrauchs in den Griff zu bekommen. Die Beschäftigung mit der Geschichte des Werkstoffes muss Teil einer dringend notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit dem Material sein. Das Museum ist ein geeigneter Ort dafür. In jedem Sinne: Kunststoffe gehören gesammelt!

Zur Person

Anne Biber, Technisches Museum Wien

Anne Biber schloss 2012 ihr Studium der Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst Wien ab. Schon in ihrem Studium in Wien und im Rahmen eines Semesters an der Hochschule der Künste Bern begann sie, sich mit der Erhaltung moderner Materialien in Museumssammlungen auseinanderzusetzen. Neben einer zweijährigen Beschäftigung als Objektrestauratorin für das Wien Museum waren die prägendsten Tätigkeiten die Mitarbeit bei einem Forschungsprojekt zum „Entsammeln“ der Kunst- und Designsammlung der Universität für angewandte Kunst Wien sowie ein dreijähriges Pilotprojekt zur Reorganisation des Depots des Museums Retz in Niederösterreich. Seit 2015 ist sie Assistentin der Sammlungsleitung am Technischen Museum Wien, seit 2017 Doktorandin an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Im Redaktionsteam der Fachzeitschrift Restauratorenblätter – Papers in Conservation (herausgegeben von IIC Austria) arbeitet sie derzeit an Bänden zum Schwerpunkt (Im-)Materialität.

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