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In der Pflichtpraxis wird oft geforscht © APA (dpa)
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Landwirtschaftliche Schulen forschen mit

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25.06.2015
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Die knapp 100 land- und forstwirtschaftlichen Schulen Österreichs - höhere Schulen, höhere Lehr- und Forschungsanstalten sowie ein- bis vierjährige Fachschulen - sind ein unverzichtbarer Ausbildungszweig nicht nur für die Kinder von Landwirten und Weinbauern. Dass zahlreiche Schulen auch aktiv an Forschungsprojekten beteiligt sind, ist weniger bekannt.

  • Ein Blick auf die Forschungsplattform DaFNE (Datenbank für Forschung zur Nachhaltigen Entwicklung) des Landwirtschaftsministeriums zeigt die Vielfalt an laufenden Projekten mit Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Schulen wie dem Francisco Josephinum oder der HBLA und Bundesamt für Wein- und Obstbau in Klosterneuburg.

  • Die zwölf höheren Schulen dauern fünf Jahre und schließen mit einer Reife- und Diplomprüfung ab. Nach drei Jahren Berufstätigkeit kann man um die Verleihung der Standesbezeichnung "Ingenieur/in" ansuchen. Neben der praktischen Ausbildung an der Schule selbst - im Lehrbetrieb oder in Werkstätten - sind je nach Fachrichtung 18 bis 22 Wochen verpflichtendes Praktikum, auch im Ausland, zu absolvieren.

  • Teile großer Forschungsprojekte

  • "An der landwirtschaftlichen Lehr und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein haben wir 70 Diplomarbeits-Maturaprojekte. Viele davon sind kleine Teilprojekte von großen Forschungsvorhaben, bei denen Wissenschafter als Begutachter und/oder Betreuer fungieren", erklärt Direktor Anton Hausleitner. Ein Auszug der Themen vergangener Matura-Diplomarbeiten: "Stallklimatische Bedingungen in einem Rinder-Laufstall und mögliche Potenziale", "Die hygienische Problematik der Stallfliege und Minderungsmöglichkeiten in Rinderstallungen" oder "Kraftfutterreduktion in der Bio-Milchviehhaltung - Befragung von Praxisbetrieben zu erfolgversprechenden Strategien".

  • Insgesamt laufen aber derzeit mehr als 100 wissenschaftliche Projekte in Kooperation mit vielen Forschungseinrichtungen und Universitäten wie der Veterinärmedizinischen Universität Wien an der Schule. Zahlreiche Schüler sind auch in ihrer Praxis - das betrifft die ersten bis dritten Klassen der fünfjährigen Schule - jede Woche mit Forschung beschäftigt. "Wir haben eine Vielzahl an Messgeräten und technischem Equipment, darunter auch die Möglichkeit zur Videoaufzeichnung. In der Ethologie gibt es die Möglichkeit der Direktbeobachtung: So kann ein Schüler etwa zehn Mastsauen beobachten und dokumentieren, wie oft sie stehen, wie lange sie liegen oder ob sie sich aggressiv verhalten", erklärt der Direktor.

  • Auch Auftragsforschung findet statt, wenngleich sie einen "vergleichsweise geringen" Prozentsatz ausmache. "Wir untersuchen zum Beispiel die Wirkung eines bestimmten Futterzusatzes für einen Hersteller."

  • Erosionsschutz und Sortenversuche

  • "Wir haben in Niederösterreich zahlreiche Kooperationen, etwa mit der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) bei Sortenversuchen so gut wie aller gängigen landwirtschaftlichen Kulturen", erklärt Landesgüterdirektor Josef Rosner von der Abteilung Landwirtschaftliche Bildung der niederösterreichischen Landesregierung gegenüber APA-Science. Projekte zum Erosionsschutz bzw. "seit nachweislich 21 Jahren" Erosionsmessstellen werden in Zusammenarbeit mit der Universität für Bodenkultur (Boku) durchgeführt. In diesem Kontext hätten sich auch Pflanzenschutzversuche ergeben.

  • Die Schülerzahlen an den landwirtschaftlichen Schulen sind "konstant hoch", wie Rosner feststellt. Die Durchlässigkeit sei gestiegen, meint er - ein Absolvent einer Fachschule mache heute eher den Aufbaulehrgang oder die Studienberechtigungsprüfung und gehe dann weiter an die Universität. Auch Raumberg-Gumpenstein-Direktor Hausleitner erkennt hier einen Trend. Traditionell sei die Verteilung der Absolventen zu je einem Drittel auf die Höfe, auf den Arbeitsmarkt und auf die Uni erfolgt. "Aber heuer gehen bei einer Maturaklasse außer zwei Schülern alle weiter an Unis oder Fachhochschulen, in einer Parallelklasse liegt der Wert mit 60 Prozent ebenfalls hoch", stellt er fest.

  • Allerdings habe es immer schon Absolventen gegeben, die erst nach einigen Jahren Berufstätigkeit eine akademische Ausbildung absolviert hätten, so wie er selbst - "das hat die Statistik sicher verzerrt", meint er.

  • HBLA-Absolventen sieht Rosner als Fachkräfte stark nachgefragt - und zwar vor allem im Weinbau. "Fast alle unserer Schüler haben einen Weinbaubetrieb zuhause. Aber Weinbau ist personalintensiv: vier Hektar Weingarten ergeben eine Dienststelle. Der Betriebsleiter kümmert sich um Management und Marketing, doch daneben braucht es weitere Fach- und auch Hilfskräfte", so der Experte.

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