Gastkommentar

Julia Budka © ÖAW/Daniel Hinterramskogler
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Dossier

"Lara Croft vs. Indiana Jones. Oder: Zur Chancengleichheit in archäologischen Wissenschaften"

Gastkommentar

28.09.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Die verschiedenen Archäologien (Klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Vorderasiatische und Ägyptische Archäologie etc.) waren bis weit ins 20. Jahrhundert nahezu ausschließlich von Männern dominiert. Dieses Bild hat sich nun gewandelt, gerade in Österreich ist eine Vielzahl der archäologischen Spitzenpositionen mit Frauen besetzt. Doch wie sieht es mit realer Chancengleichheit, vom Studium über das Doktorat bis zur Professor, aus?

  • Frühe Pionierinnen der Archäologie wie zum Beispiel Gertrude Caton Thompson mussten sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert unter teils schwierigen Bedingungen in einer fast reinen Männerdomäne behaupten. Denn die typische Frau auf Ausgrabungen war zu dieser Zeit die mitreisende Ehefrau des Grabungsleiters, die häusliche Aufgaben wahrnahm, wie z.B. die Abrechnung, aber auch die Fundsortierung und das Keramikwaschen. Diese Situation hat sich mittlerweile stark geändert - längst sind Frauen als echte Aktivposten in der Archäologie nicht mehr wegzudenken. Im Folgenden wird zunächst die Chancensituation beim Studium und der Karriere beleuchtet; ein kurzer Abriss zu Rollenbildern und öffentlicher Wahrnehmung schließt den Beitrag ab.

  • Archäologische Fächer erfreuen sich generell recht großer Beliebtheit und die Zahl der Studierende ist, besonders für sogenannte "kleine" Fächer, durchaus bemerkenswert. In den letzten Jahrzehnten ist der Trend bemerkbar, dass deutlich mehr Frauen als Männer das Studium beginnen und abschließen. Auch bei den Promovierenden ist noch immer ein Übergewicht an Frauen zu beobachten. In den Reihen von Postdoktoranden setzt sich dies aktuell noch fort, erst danach kippt das Verhältnis und gemessen an den höheren Zahlen von Absolventinnen sind noch immer zu wenige Frauen in Führungspositionen. Nun liegt es nahe, dieses Phänomen mit der geschlechtsspezifischen "gläsernen Decke" und ihren vielfältigen Ursachen in Zusammenhang zu bringen. Doch wirken zusätzlich auch fachspezifische Faktoren ein?

  • Entgegen gängiger Annahmen geht nicht jeder Archäologe auch ausgraben - das Fach ist sehr vielfältig und bietet eine Fülle von Spezialisierungen. Bleiben wir der Einfachheit halber aber bei den Feldarchäologen, denn hier scheint ein Gender Bias vorzuliegen. Feldarchäologen erwerben schon im Laufe ihres Studiums erste Ausgrabungserfahrungen. Während meiner Ausbildung gab es dabei noch solide geschlechtsspezifische Vorstellungen vom Einsatz im Feld: Männliche Studierende wurden ganz selbstverständlich gleich für die "echte" (oder auch "harte") Feldarbeit eingesetzt, weibliche hingegen lieber für Keramikwaschen, Fundsortieren oder Zeichenarbeiten im "Haus" bzw. Magazin herangezogen. Bis heute sind Männer, die sich mit Keramik beschäftigen, in deutlicher Unterzahl. Umgekehrt fällt bei Frauen nicht selten der Satz, besonders wenn es um Stellen geht: "Sie ist ja keine echte Archäologin, sondern arbeitet nur mit Keramik."

  • Nun, selbstverständlich gibt es persönliche Präferenzen und es ist nicht jedermanns Sache, schwitzend in Staub und Dreck körperlich anstrengende Arbeit zu verrichten. In islamischen Ländern kommen zusätzliche Komplikationen für Frauen auf und lange Auslandsaufenthalte lassen sich mit Familie nur schwierig vereinbaren. Interessant ist aber, dass Frauen generell erst "beweisen" müssen, dass sie darin, also der archäologischen Feldarbeit, gleich gut wie männliche Kollegen sind. Ein Wandel setzt hier meines Erachtens erst mit der aktuellen Generation an Grabungsleiterinnen ein - die vermutlich zu Studienzeiten selbst noch die beschriebenen Vorurteile kennengelernt haben und sich besonders hervorheben mussten, um Anerkennung zu finden sowie Karriere zu machen.

  • Die wohl bekanntesten Medien-Archäologen sind Lara Croft zum einen und Indiana Jones zum anderen. Die eine begeistert durch eine untypische Lebensweise, als abenteuerlustige, höchst akrobatische und sehr attraktive Autodidaktin ohne Universitätsausbildung. Der andere besticht durch Coolness und Stärke, ist zudem aber fachlich versiert und ein seriöser Universitätsprofessor. Die Figuren spiegeln also klassische Geschlechterrollen und von Männern geprägte Klischees. In jüngster Zeit gibt es v.a. durch Blogs und in den sozialen Medien Versuche, den Beitrag von Frauen in archäologischen Fächern differenzierter darzustellen - erwähnenswert sind z.B. Trowelblazers, wo bekannte und weniger bekannte weibliche Archäologen vorgestellt werden und die Initiative, Fotos schwangerer Archäologinnen bei Ausgrabungen zu zeigen.

  • Frauen leisten mittlerweile Beachtliches in den archäologischen Fächern, leiten Institute, Grabungen und Museen. Doch dank unterschwelliger Stereotypen kann von chancengleichen Karrierewegen leider noch immer nicht die Rede sein - auch wenn hier der Weg vielleicht mittlerweile weniger steil ist, als der zu geschlechtsneutralen Lara Croft- und Indiana Jones-Konzepten im Cyberspace.

  • Lesetipp: Einen Einblick in geschlechtsspezifische Klischees bei Archäologie im Film gibt der Beitrag von Corinna Endrich, Lara Croft und Indiana Jones. Forscherinnen und Forscher zwischen Hollywood und Wissenschaft, in: Jana Esther Fries, Ulrike Rambuscheck, Gisela Schulte-Dornberg (Hrsg.), Science oder Fiction? Geschlechterrollen in archäologischen Lebensbildern, Münster 2007, 193-205.

Zur Person

Julia Budka, Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der LMU München

Geboren in Wien, studierte Julia Budka Ägyptologie und Klassische Archäologie an der Universität Wien von 1995 bis 2000. Noch vor ihrer Promotion erhielt sie an der Humboldt-Universität zu Berlin eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle (2004-2012). 2007 promovierte sie in Wien im Fach Ägyptologie. Als Karenzvertretung kam sie 2011-2012 an die Universität Wien, bevor sie dank des START-Preises und eines ERC Starting Grants 2012 mit ihrem Projekt AcrossBorders an die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ans Institut für Orientalische und Europäische Archäologie wechselte. Im Rahmen des Projektes beschäftigt sie sich mit Siedlungsarchäologie im 2. Jahrtausend v. Chr. und führt u.a. Ausgrabungen auf der Nilinsel Sai im Nordsudan durch. Julia Budka hat in Berlin (HU Berlin), aber auch in Leipzig und Wien gelehrt und ist seit 1997 bei internationalen Ausgrabungen in Ägypten sowie im Sudan tätig. Ihre Spezialgebiete sind Keramik und Siedlungsarchäologie sowie Analysen von Bestattungsformen und Ritualen. Im April 2015 trat Julia Budka an der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Professur für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an - dank ihres START-Projekts ist sie bis Ende 2017 auch noch an der ÖAW tätig. Zudem ist sie seit Juni 2015 Direktoriumsmitglied der Jungen Akademie der ÖAW. Kontaktdaten: Julia.Budka@assoc.oeaw.ac.at Julia.Budka@lmu.de Tel. (in Wien): +43 1 51581 6121 Tel. (in München): +49 (0) 89 / 289 27543 Projekthomepage: http://acrossborders.oeaw.ac.at/

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