Gastkommentar

Paul Sveleda © Krebshilfe
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Dossier

"Manche Breaking News wecken bei Patienten falsche Hoffnungen"

Gastkommentar

31.01.2018
  • Wien (Gastkommentar) - 14 Millionen Menschen erkranken weltweit jährlich an Krebs. 8,2 Millionen Menschen sterben jährlich daran. Die WHO erwartet bis 2030 ein Ansteigen der jährlichen Neuerkrankungen auf 21 Millionen und der Todesfälle auf 13 Millionen. Gleichzeitig wird Krebs in Ländern mit uneingeschränktem Zugang zu modernsten Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zunehmend zu einer chronischen Erkrankung.

  • Patienten leben trotz bzw. mit ihrer Tumorerkrankung heute deutlich länger als vor zehn, zwanzig Jahren. Dank interdisziplinärer Forschung und der Entwicklung moderner personalisierter Therapien werden in Zukunft die Chancen auf ein Langzeitüberleben noch weiter steigern. Dennoch sterben leider immer noch etwa 20.000 Menschen jährlich in Österreich an den Folgen von Krebs. Insbesondere in der Phase des Fortschreitens der Erkrankung, des bitteren Erkennens, dass es keine Therapiemöglichkeiten mehr gibt, ist die Verzweiflung bei Patienten und Angehörigen verständlicherweise groß. Wir alle in der Österreichischen Krebshilfe sind täglich damit konfrontiert, dass gerade in dieser Situation verstärkt nach Neuem aus der Forschung gefragt wird: "Gibt es da nicht noch etwas?"

  • Und gerade in dieser Phase sind Patienten und Angehörige verständlicherweise sehr empfänglich, wenn in den Medien über einen vermeintlichen Durchbruch in einem Forschungsprojekt oder einer klinischen Studie berichtet wird. Dabei wird leider oft nicht gesagt, dass es noch ein weiter Weg ist, bis die Wirksamkeit wissenschaftlich bewiesen und eine mögliche Therapie zugelassen ist. Nach solchen Medienberichten läuten die Telefone in den 53 Krebshilfe-Beratungsstellen unaufhörlich. Patienten und Angehörige berufen sich auf die Berichte und sind am Boden zerstört, wenn wir die "News" ins rechte Licht rücken müssen. Besonders bedauerlich ist, wenn diese "News" dazu führen, dass ein wahrer Hype entsteht. Ein jüngstes Beispiel dafür war und ist Methadon.

  • Die Chemikerin Claudia Friesen, Ulm, ist von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen und hat in einem Interview mit deutschen Medien erklärt, dass sie in Laborversuchen entdeckt hätte, "dass Methadon die Wirkung von Krebsmedikamenten verstärken und so auch hartnäckige Tumorzellen töten kann." Allerdings beruhen die vorgelegten Daten zur Wirksamkeit von Methadon bei Patienten mit Gliomen auf dieser einzigen Studie und wurden nicht in kontrollierten klinischen Studien überprüft. Namhafte Wissenschafter, die Deutsche Krebsgesellschaft und sogar die Medizinische Fakultät der Universität Ulm meldeten sich sofort relativierend bis zu sehr kritisch zu Wort und wiesen darauf hin, dass auf der Basis der bisher vorliegenden Daten zur Wirksamkeit und des möglichen Risikos einer erhöhten Sterblichkeit eine unkritische Off-Label-Anwendung von Methadon nicht gerechtfertigt ist. Es lasse sich auch nicht beurteilen, ob bei Patienten ein möglicher Therapieerfolg aufgrund der Einnahme von Methadon eingetreten sei.

  • Aber da war es schon passiert. Die "News" wurden auch von anderen Medien aufgegriffen, zwar durchaus kritisch betrachtet, aber das kam bei Patienten und Angehörigen nicht mehr an. In den sozialen Medien bildeten sich geschlossene Gruppen, die Methadon huldigten und Organisationen wie die Österreichische Krebshilfe aufriefen, umgehend dafür zu sorgen, dass Methadon unheilbar an Krebs erkrankten Patienten zugänglich gemacht wird. Ein Zurechtrücken, eine ehrliche Auskunft wurde sehr oft nicht akzeptiert.

  • Viele Betroffene schöpften Hoffnung - und zwar bis heute. Und so hat sich die Biologin Sabine Spiegl-Kreinecker, Leiterin des zell- und molekularbiologischen Labors der Neurochirurgie am Kepler Uniklinikum an die Arbeit gemacht, um zu überprüfen, ob Methadon tatsächlich die Wirkung der Chemotherapie verstärkt. Dieses Forschungsprojekt wurde von der Österreichischen Krebshilfe Oberösterreich finanziert. Mithilfe spezieller Labortests konnte der Effekt der herkömmlichen Chemotherapie in Kombination mit Methadon im Vergleich zu unbehandelten Zellen analysiert werden. Das Ziel jeder Therapie ist ja auch, das Tumorwachstum einzudämmen. Und das konnte durch die Zugabe von Methadon nicht verstärkt werden, wie Spiegl-Kreineckers Daten zeigten.

  • Als Präsident der Österreichischen Krebshilfe, Vorstandsmitglied der AGO (Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Onkologie) und des Karl Landsteiner-Institutes ist mir gerade die interdisziplinäre Forschung ein großes Anliegen. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, dass Forschungsergebnisse, die aufgrund von vorläufigen Ergebnissen neue und interessante Ansätze liefern könnten, nur zu gerne mit der Kollegenschaft und der Öffentlichkeit geteilt werden. Aber wir alle müssen uns der Verantwortung bewusst sein, was möglicherweise unberechtigte Hoffnungen bei genau jenen auslösen können, für die wir forschend tätig sind - bei unseren Patienten und ihren Angehörigen.

Zur Person

Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe

Paul Sevelda ist Professor der Medizin, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Qualitätssicherung Mammografie-Screening“ ÖBIG, Vorstand Karl Landsteiner Institut für gynäkologische Onkologie und Senologie, Mitglied des Obersten Sanitätsrates der Republik Österreich (seit 2008), Mitglied des Onkologiebeirates des Bundesministers für Gesundheit (seit 2009) und Mitglied des ORF-Gesundheitsbeirates (seit 2007). Er promovierte zum Doktor der gesamten Heilkunde (1979), „ius practicandi“ als praktischer Arzt (1993), „Dozent“ – venia legendi für Gynäkologie und Geburtshilfe (1991), Diplom zum klinischen Prüfarzt der Ärztekammer für Wien (1993), seit 1997 Vorstand der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe und dem Brustgesundheitszentrum KH Hietzing. Er hat mehr als 300 wissenschaftliche Publikationen verfasst und zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten, u.a. das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich (2010). Seit 1989 stellt er sein enormes Fachwissen ehrenamtlich der Österreichischen Krebshilfe zur Verfügung, dessen Präsident er seit 2000 ist.

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