Gastkommentar

Shermin Voshmgir © Alexander Koch
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Dossier

"Mit Blockchain eine nachhaltige Welt schaffen"

Gastkommentar

28.03.2019
  • Wien (Gastkommentar) - "Programming a Sustainable World" ist der Slogan unserer Aktivitäten rund um das Thema Blockchain und Nachhaltigkeit. Dabei befasst sich das Institut für Kryptoökonomie an der WU Wien mit allen von der UNO definierten Nachhaltigkeitszielen, auch SDGs oder "Sustainable Development Goals" genannt. In Zusammenarbeit mit Nachhaltigkeitsexperten, internationalen Organisationen und Blockchain Start-ups erforschen wir anwendungsorientiert diese Themen. Die Verbindung von Blockchain- und Nachhaltigkeitsexpertise bietet dabei eine einzigartige Chance, die interdisziplinäre Bandbreite von Fragen rund um das Thema in Angriff zu nehmen.

  • Bei Nachhaltigkeit denken viele meist nur an die umweltbezogene Nachhaltigkeit. Tatsächlich verwenden Nachhaltigkeitsforscher und Aktivisten eine breitere Definition: Nachhaltigkeit ist generell als die Fähigkeit definiert, die Bedürfnisse der heutigen Generation zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse ebenfalls zu befriedigen.

  • Das zu garantieren, ist allerdings nicht immer so einfach, wie es klingt, da es schwierig ist, die Bedürfnisse zukünftiger Generationen verlässlich vorherzusehen. Man bedenke, wie oft wir Schwierigkeiten haben, unsere eigenen Bedürfnisse richtig zu erkennen. Heutzutage stehen wir vielerorts vor der Herausforderung, selbst die grundlegendsten Bedürfnisse der bestehenden Bevölkerung zu befriedigen. Im Gegensatz dazu stehen wohlhabendere Gesellschaften, die einen Lebensstil pflegen, der sowohl die Natur und das natürliche Ökosystem in beispielloser Geschwindigkeit schädigt. Das trägt möglicherweise dazu bei, anderen Menschen ihre Chance auf Bedürfnisbefriedigung zu zerstören - sowohl in der Zukunft, als auch im Hier und Jetzt. Nachhaltigkeitsprobleme wie die Klima- und die Biodiversitätskrise, wirtschaftliche Ungerechtigkeit und Armut stellen große Herausforderungen für die Menschheit dar. Um diese Probleme zu lösen, haben die Vereinten Nationen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung definiert, um die dringenden ökologischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Welt zu adressieren. Diese Ziele sind breit definiert, sehr oft voneinander abhängig: Armut, Hunger, Gesundheit, Bildung, die Erderwärmung, Geschlechtergerechtigkeit, Zugang zu Wasser und Sanitärversorgung, Energie, die Urbanisierung, Umweltschutz, und soziale Gerechtigkeit.

  • Blockchain-Technologien bieten viele potenzielle Anwendungsfelder, um unsere Welt nachhaltiger zu gestalten. Sie könnten in diesem Zusammenhang ein gutes Werkzeug sein, um eben diese Ziele schneller zu erreichen. Beispiele hierfür sind: (I) Transparenz über individuelle und kollektive Aktivitäten im öffentlichen Raum sowie Nachweis des Ursprungs entlang der Lieferketten von Produkten und Dienstleistungen; (II) Reduktion von Bürokratie, Informations- und Machtsymmetrien; (III) das Schaffen von Anreizsystemen für nachhaltiges Verhalten, wie zum Beispiel das Belohnen von umweltfreundliches Verhalten durch sogenannte "Purpose Driven Tokens".

  • Eines unserer größten Herausforderungen heutzutage ist die mangelnde Transparenz entlang der Liefer- und Versorgungsketten. Umweltverschmutzung, Betrug und Menschenrechtsverletzungen die entlang der Produktionsketten entstehen, sind dem Endverbraucher kaum bekannt und werden oftmals erst im Nachhinein aufgedeckt. Privatpersonen wie auch Firmen haben daher Schwierigkeiten, nachhaltige Konsumentscheidungen zu treffen. Die Mittel zur verlässlichen Überprüfung von Verhalten entlang der Lieferkette fehlen in herkömmlichen Systemen. Blockchain-basierte Anwendungen haben das Potenzial, ein bisher unerreichtes Niveau an Transparenz zu schaffen. Sie erlauben die Schaffung von allgemein zugänglichen, dezentralen Verzeichnissen, in denen Informationen unveränderlich und verschlüsselt auf allen Computer ("Nodes"), die Teil eines Netzwerkes sind, gespeichert sind. Blockchains ermöglichen dabei eine transparente Infrastruktur, auf der Daten dezentral gespeichert werden, die von jedem jederzeit eingesehen werden kann (im Falle von öffentlichen Blockchains). Alternativ besteht die Möglichkeit, diese Informationen einer bestimmten Gruppe vorzuenthalten (Konsortium Blockchains).

  • Herkunft von Gütern und Dienstleistungen

  • Wenn Güter ihre Enddestination erreichen, wissen die meisten Käufer und Verkäufer nicht über den wahren Ursprung der hergestellten Ware sowie über deren Inhaltsstoffe Bescheid. Heute brauchen wir zentrale Zertifizierungsstellen, die meist nur stichprobenhaft die Authentizität prüfen, und das oft erst im Nachhinein. Wenn Lieferketten in Zukunft transparenter gestaltet werden, so haben Konsumenten und andere Endnutzer mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Verantwortung über die Produktionsweise und Herkunft diverser Güter mitzubestimmen: Werden sie umweltbelastend produziert, unter welchen Bedingungen werden sie erzeugt?

  • Nachvollziehbarkeit des Preises

  • Mangelnde Nachvollziehbarkeit von Preisen sowie Kosten, die durch Zwischenhändler aufgeschlagen werden, hindern Endkonsumenten daran zu verstehen, wer welche Einnahmen in einer Lieferkette verzeichnen kann oder auch wie die Arbeitsbedingungen für die Produzenten sind. Blockchain-Lösungen ermöglichen den Konsumenten, mehr Verantwortung bezüglich Menschenrechtsverletzungen zu übernehmen. Arbeitsbedingungen in Fabriken können kontrolliert und festgestellt werden: von Kinderarbeit, gefährlichen Produktionsbedingungen bis hin zu fairer Entlohnung von Bauern zum Beispiel.

  • Echtzeit-Transparenz entlang der Lieferkette bedarf Netzwerkeffekte, die es heute noch nicht gibt. Dies wird erst dann möglich sein, wenn alle Teilnehmer auf der Blockchain sind und in den meisten Anwendungsfällen auch nur dann, wenn wir diese Lösungen mit Big Data und dem Internet der Dinge verknüpfen. Denn die Daten, die aus der realen Welt in Blockchain-Anwendungen fließen, kommen meist aus einer Hardware (Internet der Dinge) oder aus einer Software (Big-Data-Anwendungen).

  • Mehr Information zu den Themen unter: https://unblock3d.net/conference

Zur Person

Shermin Voshmgir, Direktorin des Instituts für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien

Dr. Shermin Voshmgir ist die Direktorin des Instituts für Kryptoökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien, und Gründerin des BlockchainHubs in Berlin. Sie ist Autorin des Buchs "Token Economy - Wie Blockchains un Smart Contracts das Internet Revolutionieren", das im Sommer 2019 von O'Reilly herausgegeben wird. Sie ist Advisor von Blockchain Startups Jolocom. In der Vergangenheit war sie Advisor vom Estonian e-Residency und Wunder, sowie Curator von The DAO. Die promovierte Wirtschaftsinformatikerin ist eine gefragte Vortragende zum Thema Blockchain und die sozioökonomischen Auswirkungen von Zukunftstechnologien. Zusätzlich zu ihrem Wirtschaftsinformatik-Studium hat Shermin die Filmschule in Madrid besucht. Ihre langjährige Arbeitserfahrung reicht von Consulting, bis Internet Startups und der Kreativindustrie, ihre Filme wurden unter anderem auf der dOCUMENTA anderen Festival gezeigt. Als gebürtige Wienerin mit Iranischen Wurzeln pendelt sie zwischen Wien und Berlin.

Twitter: https://twitter.com/sherminvo
Linkedin: https://www.linkedin.com/in/sherminvoshmgir/

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