Gastkommentar

v.li.: Daniel Dörler, Florian Heigl, Johann Zaller © Privat
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Dossier

"Mit Hilfe der Bürger Neobiota aufspüren"

Gastkommentar

31.05.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Eingeschleppte Organismen waren schon immer eine Begleiterscheinung menschlicher Tätigkeiten. Durch globale Warenströme gelangten jedoch in den letzten Jahrzehnten in stärkerem Ausmaß gebietsfremde Organismen zu uns, etwa indem sie mit Holzpaletten oder in Pflanzenerde mittransportiert wurden und auch weiterhin werden. Bei massenhaftem Auftreten können dadurch heimische Arten verdrängt, unsere Gesundheit beeinträchtigt und auch wirtschaftlicher Schaden verursacht werden. Tatsächlich wird jedoch nur ein geringer Prozentsatz der eingeschleppten Arten zum Problem, und eine Kontrolle bereits etablierter und weit verbreiteter Neobiota wird aufgrund praktischer, ökonomischer und auch ethischer Bedenken kontrovers diskutiert. Ein Hauptproblem dabei ist, dass wir über Vorkommen und Entwicklungspotenziale von Neobiota sehr wenig wissen.

  • Gerade in den englischsprachigen Ländern wird oft Citizen Science als Methode für das Aufspüren und Vorkommen von invasiven Arten eingesetzt. Bei Citizen Science werden Forschungsvorhaben gemeinschaftlich von WissenschaftlerInnen und interessierten AmateurInnen durchgeführt. Der Vorteil dieser Methode ist, dass einerseits durch die Teilnahme vieler Interessierter umfassende Datensätze in einem großen geografischen Raum gewonnen werden können. Andererseits wird im Idealfall auch Wissen über die Zielarten und eventuell notwendige Managementmaßnahmen vermittelt. Citizen Science wird in Österreich bereits in einer Vielzahl an Projekten angewandt. Die Plattform "Österreich forscht" (www.citizen-science.at) und das Zentrum für Citizen Science, eingerichtet vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft beim Österreichischen Austauschdienst, (www.zentrumfuercitizenscience.at) bieten dazu weitere Informationen. Siehe dazu auch das APA-Science-Dossier "Die Weisheit der Masse".

  • An der BOKU Wien wurde das Projekt" Citizen Science Neobiota Tracking" zunächst als Pilot-Projekt mit 150 Studierenden gestartet. Das Projekt wurde teilweise vom Bundesministerium für ein lebenswertes Österreich gefördert. Das Hauptziel des Projekts war, das Vorkommen der Spanischen Wegschnecke (Arion vulgaris) in österreichischen Gärten zu ermitteln. Die Spanische Wegschnecke ist allen GartenbesitzerInnen nur zu gut bekannt, denn sie gehört mittlerweile zu einem der bekanntesten Gartenschädlinge Mitteleuropas. In Österreich wurde sie bereits in den 1970er Jahren zum ersten Mal beschrieben. Obwohl davon ausgegangen wird, dass es sich bei ihr um eine der häufigsten "Schadschnecken" Österreichs handelt, wurde noch nicht systematisch erhoben, wo genau sie vorkommt und welche Faktoren ihr Vorkommen begünstigen. Meistens ist den ForscherInnen der Zugang zu privaten Gärten verwehrt, in diesem Pilot-Projekt konnte dies durch die Einbindung von Citizen Scientists ermöglicht werden.

  • Das Um und Auf für ein erfolgreiches Citizen Science Projekt ist, den potenziellen TeilnehmerInnen Wertschätzung entgegenzubringen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und die Dringlichkeit der Erhebungen und die Wichtigkeit ihres Beitrages zu vermitteln. Neben der Datenvalidierung ist auch ein zeitnahes Feedback bei Fragen unerlässlich, um die Datenqualität hoch zu halten. Durch den Beitrag der Citizen Scientists sollten Informationen zur Verbreitung dieser Schnecke und zugrunde liegende Faktoren erarbeitet werden. Vorläufige Ergebnisse genetischer Analysen von einzelnen Fundmeldungen aus ganz Österreich deuten darauf hin, dass die Spanische Wegschnecke sich tatsächlich über alle Bundesländer verbreitet hat und dass klimatische Gegebenheiten das Vorkommen dieses Neozoons beeinflussen. Basierend auf den Ergebnissen unseres Pilot-Projekts schätzen wir das Potenzial von Citizen Science in der Erforschung der Neobiota sehr hoch ein. Dass die Forschung durch die Einbindung der Bevölkerung günstiger wird, ist aber nicht zu erwarten, da dadurch auch der Betreuungsaufwand steigt. Vielmehr sind durch Citizen Science in diesem Forschungsbereich nun Projekte denkbar, die bisher auch von der geographischen Abdeckung her nicht möglich waren.

Zur Person

Daniel Dörler, Florian Heigl und Johann G. Zaller; Arbeitsgruppe für Citizen Science

Die Arbeitsgruppe Citizen Science wurde im Jahr 2013 am Institut für Zoologie der Universität für Bodenkultur Wien gegründet. Sie betreibt zwei Citizen Science Projekte (BOKUArion und Projekt Roadkill, www.roadkill.at) und koordiniert die Plattform "Österreich forscht“.

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