Gastkommentar

Andreas Reinstaller © Eric Krügl
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Dossier

"Mobile Forscher in der Industrie beschleunigen Innovation"

Gastkommentar

29.01.2015
  • Wien (Gastkommentar) - Die grenzüberschreitende Mobilität von Arbeitskräften und insbesondere von Forscherinnen und Forschern ist ein maßgeblicher Faktor für die Verbreitung von Wissen. Dieser Verbreitungsprozess findet auf der Ebene von Unternehmen und Forschungseinrichtungen statt, die Nutzen aus den speziellen Fertigkeiten und dem Wissen der mobilen Arbeitskräfte ziehen. Dies wirkt sich auf den technologischen Fortschritt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes aus. Für die USA zeigt eine Reihe von Studien, dass eine starke Zuwanderung Hochqualifizierter in den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Technik und Mathematik positiv mit Unternehmenswachstum und Innovation zusammenhängt. Zugewanderte Personen haben häufig eine hohe Bereitschaft, neue und erfolgreiche Technologieunternehmen zu gründen. Dadurch leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen und Innovationen in den USA.

  • Hochentwickelte Volkswirtschaften stehen in einem weltweiten Wettbewerb um diese Talente und profitieren von einem Zufluss hochqualifizierter Arbeitskräfte in Wissenschaft und Forschung, während sich eine substanzielle Abwanderung solcher Arbeitskräfte auch negativ auf die wirtschaftliche und wissenschaftliche Wettbewerbsfähigkeit auswirken kann. Für Österreich deuten die verfügbaren Daten auf ein insgesamt negatives Wanderungssaldo bei Hochqualifizierten hin; es ist also davon auszugehen, dass sich dieser Umstand nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft auswirkt.

  • Neben der geographischen Mobilität bewirkt auch ein einfacher Arbeitsplatzwechsel einen Wissenstransfer. Diese Form der Mobilität begünstigt die Verschiebung von Ressourcen hin zu den innovativsten Unternehmen und effizientesten Forschungseinrichtungen und erhöht damit die Produktivität in der Forschung und in der Folge auch in anderen Wirtschaftsbereichen. Besondere Bedeutung kommt dem Wechsel zwischen dem Hochschul- und dem Unternehmenssektor zu. Durch solche Mobilitätsepisoden werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden aber auch Beziehungen zu Wissenschaftlern an Universitäten in die Unternehmen eingebracht und mit deren angewandter, industrieller Forschung verknüpft.

  • Wie eine vor einigen Jahren vom WIFO im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführte Studie zeigt, waren im Jahr 2009 - aktuellere Daten gibt es derzeit nicht - EU-weit lediglich 17 Prozent aller im Universitätssektor tätigen Forscher und Forscherinnen vor ihrer Karriere im Hochschulsektor bereits in der Privatwirtschaft beschäftigt gewesen. In die umgekehrte Richtung war die Mobilität wesentlich ausgeprägter: Rund 42 Prozent der Forschungskräfte in privaten Unternehmen waren vor ihrer Karriere im Unternehmenssektor im Hochschulsektor tätig. Bei außeruniversitären öffentlichen Forschungseinrichtungen stieg diese Zahl sogar auf 67 Prozent an.

  • Hochschulen fördern somit einerseits die wissenschaftlich-technische Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft nicht nur durch eigene Forschung und Entdeckungen, sondern vor allem auch durch ihre Absolventen und Forscher, die ihre Karriere im Unternehmenssektor oder in anderen Bereichen des öffentlichen Sektors fortsetzen. Andererseits wirken renommierte Hochschulinstitute und Forschungseinrichtungen als Anziehungspunkt für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus anderen Ländern. Für junge Menschen, die am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen, zählt nämlich die Qualität des Forschungsumfeldes in einem Land zu den wichtigsten subjektiven Beweggründen für einen grenzüberschreitenden Arbeitsplatzwechsel.

  • Somit kommt dem Hochschulsektor eine wichtige Rolle als Drehscheibe im internationalen Wettbewerb um hochqualifizierte Forscherinnen und Forscher auch im Unternehmenssektor zu. Er wirkt als potenzieller Anziehungspunkt für junge talentierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, von denen viele zu einem späteren Zeitpunkt in den Unternehmenssektor wechseln und dessen Wettbewerbsfähigkeit stärken. Maßnahmen, die zur Anhebung der Qualität der Forschung und der Forschungsinfrastruktur beitragen, aber auch Karrieremög-lichkeiten im Hochschulsektor in einem Empfängerland sind daher maßgebliche Ansatzpunkte, wenn es darum geht, im internationalen Wettbewerb um mobile Arbeitskräfte in Wissenschaft und Forschung sowohl im Hochschulbereich aber auch im Unternehmenssektor zu bestehen. In Österreich ist da noch Luft nach oben, wie neuere internationale Vergleichsstudien des WIFO zeigen.

Zur Person

Andreas Reinstaller, WIFO

Andreas Reinstaller, geb. 1970 in Bozen hat an der Wirtschaftsuniversität Wien Volkswirtschaftslehre studiert und an der Universität Maastricht promoviert. Er arbeitet am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) und lehrt an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er forscht zu Fragen des Innovationsverhaltens von Unternehmen, strukturellem und technologischem Wandel und der Wettbewerbsfähigkeit. Zu diesen Themen hat er eine Reihe internationaler Forschungsprojekte für die Europäische Kommission oder die OECD koordiniert, sowie in internationalen Fachzeitschriften publiziert.

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