Gastkommentar

Jan Wörner © ESA–Philippe Sebirot, 2015
4
Dossier

"Moon Village - die Vision für globale Kooperation und Space 4.0"

Gastkommentar

29.09.2016
  • Darmstadt (Gastkommentar) - Die Erkundung und Nutzung des Weltalls hat sich über Astronomie, Wettlauf im All und Anwendungen stetig weiterentwickelt. Mit der Internationalen Raumstation ISS ist eine nie da gewesene Intensität der Kooperation erreicht worden, die auch irdische Krisen zu überbrücken in der Lage ist: Amerikaner, Russen, Japaner, Kanadier und Europäer arbeiten hier zusammen und beweisen tagtäglich die besondere Bedeutung der Investition für Forschung und Technologie. Der Paradigmenwechsel, der sich in der Raumfahrt seit geraumer Zeit abzeichnet, ist sehr umfassend und wird durch den Begriff "Space 4.0" - in Anlehnung an "Industrie 4.0" - bezeichnet. Das Konzept "Moon Village" will diesen Paradigmenwechsel in konkrete Aktionen umsetzen und internationale Kooperation und Kommerzialisierung der Raumfahrt gleichermaßen ermöglichen.

  • Die Internationale Raumstation ISS hat viele bis dahin visionäre Ideen in die Praxis umgesetzt. Zugleich sind die Grenzen der Möglichkeit der ISS auch erkennbar, die für eine zukünftige, internationale Aktivität in der Raumfahrt überwunden werden sollten. Nach einer gründlichen Analyse wurde das Konzept Moon Village entwickelt und weltweit kommuniziert. Für das Verständnis ist es zunächst sehr wichtig zu verstehen, dass es sich nicht um ein Projekt oder ein Programm handelt. Vielmehr geht es um eine Idee, ein Konzept.

  • Moon Village bedeutet nicht die Aufstellung eines Bebauungsplans, Herstellung einiger Einfamilienhäuser, von Geschäften, einer Kneipe und eines Dorfgemeinschaftshauses.

  • Der Begriff "Village" verweist dabei vielmehr auf den zentralen Gedanken: Eine Dorfgemeinschaft entsteht, wenn mehrere Menschen sich an einem Ort zusammentun, ohne konkrete Zukunftspläne und Festlegung aller Details, sondern durch die offene Zusammenführung von Interessen und Fähigkeiten. Dieses Prinzip ist die Grundlage für das Moon Village Konzept:

  • Moon Village ist offen für jeden Interessenten, egal ob privat oder öffentlich, "Dorfbewohner" aller Nationalitäten sind herzlich willkommen. Auch die mögliche Form der Beteiligung ist nicht festgelegt: Robotische und astronautische Aktivitäten sind gleichermaßen erwünscht. Bezüglich der Aktivitäten sind wissenschaftliche und technologische Ausrichtungen genauso möglich wie Ressourcennutzung, sogar Tourismus ist denkbar. Gerade das offene Konzept erlaubt die Beteiligung vieler Nationen, ohne die auf der Erde bestehenden unterschiedlichen Vorstellungen auf den Mond zu transportieren. Auch die Problematik eines gemeinsamen Dockingports als unabdingbare Voraussetzung entfällt.

  • Der Mond ist aus wissenschaftlicher Sicht sehr interessant, als Archiv der frühen Erdgeschichte aber auch als Basis für ein Radioteleskop auf der Mondrückseite, um ohne die Störungen von Menschen erzeugter Signale tief ins Universum schauen zu können. Während die Erforschung von Planeten und Monden in der Vergangenheit immer durch Raumsonden geschah, die sämtliche Ressourcen und erforderlichen Infrastrukturen mitbrachten, könnten im Rahmen des Konzepts auch Methoden entwickelt und getestet werden, um durch verschiedene Technologien, z.B. Additive Manufacturing, die Nutzung der vor Ort vorhandenen Ressourcen zu ermöglichen.

  • Da es offensichtlich ist, dass der Mensch in Zukunft auch weiter in das Sonnensystem mit astronautischen Missionen vordringen wird, kann Moon Village auch als ideale Testumgebung und "Sprungbrett" dienen. In diesem Verständnis ist zum Beispiel auch der Plan "Journey to Mars" der NASA zu nennen, der ganz wesentlich auf Zwischenschritte setzt, bevor Menschen unseren nächsten Nachbarplaneten besuchen können.

  • Wie die Reaktionen der Fachwelt und der Öffentlichkeit weltweit schon jetzt belegen, hat das Moon Village-Konzept das Potenzial, durch Faszination und Inspiration eine besondere Motivation für Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften (MINT) zu wecken, die weit über die Raumfahrt hinausgeht. Es wird nun darum gehen, die verschiedenen Interessenten zu einer gemeinsamen Interessensgemeinschaft zusammenzuführen, um ein Mindestmaß an Abstimmung und Ausnutzung von Synergiepotenzialen zu erreichen.

Zur Person

Jan Wörner, ESA-Generaldirektor

Johann-Dietrich ("Jan") Wörner wurde 1954 in Kassel geboren. Nach dem Studium des Bauingenieurwesens an der TU Berlin und der TU Darmstadt, wo er im Jahr 1985 promovierte, ging er in die Privatwirtschaft. 1990 kehrte Wörner an die TU Darmstadt zurück, wo er Professor für Bauingenieurwesen wurde. 1995 bis 2007 stand er der Uni als Präsident vor. Anschließend war Wörner bis Juni 2015 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Im Juli 2015 trat er das Amt des ESA-Generaldirektors an.

STICHWÖRTER
Raumfahrt  | Deutschland  | Dossier  | Gastkommentar  | Darmstadt  | Wissenschaft  | Forschung  | Wissenschaftsmissionen  |

Dossier

Am 2. Oktober 1991 war es so weit: Mit dem Kommando "Sashiganije" (Zünden) hob exakt um 6.59 Uhr MEZ Sojus-TM 13 mit dem Österreicher Franz Viehböck von der Rampe des ...

Gastkommentare

"Austromir - Reise in die Sowjet-Vergangenheit"
von Wolfgang Wagner
APA-Wissenschaftsredakteur und leitender Redakteur in der APA-Chronikredaktion
"Draußen ist drinnen. Indoor leben am Mond"
von Von Barbara Imhof und Rene Waclavicek
LIQUIFER Systems Group
"Weltraumtechnologien prägen unseren Alltag"
von Klaus Pseiner
Geschäftsführer der FFG und Vizevorsitzender des ESA-Rats

Hintergrundmeldungen

Franz Viehböck (l.), Jörg Leichtfried (m.) und der ehemalige Kosmonaut Alexei Archipowitsch Leonow (r.) © APA (Hochmuth)

Raumfahrer wollen Jugendlichen Lust aufs Erkunden machen

In Wien hat am Montag der 29. Planetary Congress des Internationalen ...
Heimische Analogforscher testen ein Notzelt in der nördlichen Sahara © APA/ÖWF/Katja Zanella-Kux

Üben fürs All - Österreich als kleine Analogforschungs-Großmacht

Der Fantasie und dem Erfindungsreichtum von Forschern sind ja bekanntlich kaum ...
Sieger der letzten Aufnahmerunde (v.l.): Luca Parmitano, Alexander Gerst, Andreas Mogensen, Samantha Cristoforetti, Timothy Peake und Thomas Pesquet © APA (AFP)

Astronautentraining: Der lange Weg ins All

Wer sorgt eigentlich für den Astronautennachwuchs in Europa? Zuständig dafür ...
Bakterielle Sporen auf Raumfahrt-relevanten Oberflächen © Christine Moissl-Eichinger

Med-Uni Graz im Netzwerk zur Erforschung von Leben auf Planeten

Mikroorganismen können Kälte, Hitze oder auch Trockenheit überleben - ...
"Audi lunar quattro" soll von Cape Canaveral starten © APA/PTS/Alex Adler

Österreicher wollen mit erstem privaten Fahrzeug auf den Mond

"Zuerst wurden wir als verrückte Jungs aus der Garage betrachtet", mittlerweile ...
Viehböck ist heute Geschäftsführer bei "Berndorf Band" © APA (Jäger)

Austromir - Franz Viehböck: Viel gelernt und mit der "Szene" verbunden

Mit dem sowjetischen Kosmonauten Alexander Wolkow und dem Kasachen Tachtar ...
Riedler (li.) auf einem Archivbild von 2007 © APA (Leodolter)

Austromir - Riedler: "Die Angst ist ein ständiger Begleiter"

Österreichs "Weltraumpapst" Willibald Riedler (84) war der wissenschaftlicher ...
Viehböck nach der Landung am 10. Oktober 1991 in Kasachstan © APA (Wagner)

Austromir - Die Chronologie eines Weltraumabenteuers

Schon lange her, aber bisher nicht wiederholt: Vor 25 Jahren - am 10. Oktober ...
Brennpunkt heimischer Wissenschaft im All © APA (NASA)

Austromir - 15 Experimente in der Mir-Raumstation

Der erste Flug eines Österreichers - von Franz Viehböck - ins All im Rahmen der ...
Transport der Sojus TM13-Rakete zur Startrampe in Baikonur © APA (Jäger)

Austromir - 100 Astronauten und Memorabilien zum 25-Jahr-Jubiläum

Vor 25 Jahren flog Franz Viehböck als erster Österreicher im Rahmen des ...

Mehr zum Thema