Gastkommentar

Norbert Hafner © Opernfoto Hausleitner
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Dossier

"Nachhaltige Urbane Güterlogistik - Paketbox- und Warenaustauschsysteme"

Gastkommentar

24.10.2019
  • Wien (Gastkommentar) - Vor dem Hintergrund des Wachstums des E-Commerce-Marktes setzen bereits vermehrt KEP-Dienstleister auf alternative Zustellmöglichkeiten, wie Paketstationen. Etabliert sind geschlossene Einzelsysteme, die exklusiv durch einen Anbieter genutzt werden. Durch diese Restriktion sind gesamtheitlich Effektivität und Effizienz der Systeme im urbanen Bereich limitiert.

  • In Städten und Ballungszentren verursacht die "Letzte Meile" zunehmend Probleme - durch die Kurier-, Express- und Paket (KEP)-Dienstleister (Verkehr, Halten und Parken) aber auch für diese selbst. Die Kostenanteile der Endzustellung sind hoch. Diese werden mit 25 Prozent der gesamten Transportkosten angegeben. Untersuchungen zeigen, dass die Zustellung zu Endkunden großes Verbesserungspotenzial aufweist, insbesondere bzgl. des Verkehrsaufkommens. Die aktuellen Zustellprozesse weisen hohe Anteile von mehrfachen Zustellversuchen bzw. Verkehr induzierenden individuellen Abholungen auf.

  • Um das Verbesserungspotenzial einer nachhaltigeren Güterverteilung ganzheitlich zu erschließen, wurde das Projekt "Skalierbares, offenes Waren-Austausch-System (SoWAS)" initiiert und gestartet. Das Projekt wird im Rahmen des Programms "Mobilität der Zukunft" durch die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) gefördert. Dem Projektkonsortium gehören an:

  • • Technische Universität Graz, Institut für Technische Logistik (Konsortialführer)

  • • Technische Universität Graz, Institut für Straßen- und Verkehrswesen

  • • Stadt Graz, Abteilung für Verkehrsplanung (unterstützt durch A10-BD / EU-Referat)

  • • KEBA AG, Linz

  • • Prime Software GmbH, Graz

  • Ein "SoWAS"-System soll jederzeit zugänglich bzw. einfach und flexibel nutzbar sein und grundsätzlich allen Logistikdienstleistern, Gewerbetreibenden und Privatkunden offenstehen. Neben den Standard-KEP-Dienstleistungen (B2C) werden auch weitere Dienst- und Serviceleistungen unterstützt, z.B. der Austausch von Waren und Gegenständen im gewerblichen sowie privaten Umfeld (C2C). Die Innovation eines offenen, kollaborativ genutzten Warenaustauschsystems bietet den Vorteil der gemeinsamen, flexiblen und damit effizienteren Nutzung von Infrastruktur.

  • Ziel des Projekts ist, neben der Erarbeitung der Grundlagen und Potenzialnachweisen, die Entwicklung und Erprobung eines offenen Übergabesystems in Graz. Dazu ist noch vor dem Jahreswechsel die Errichtung einer ersten Paketstation vereinbart. Der Betrieb 2020 wird weitere Erkenntnisse liefern, die ebenso wie die bisherigen Ergebnisse, gezielt für projektübergreifenden Nutzen sorgen können.

  • Neben den Arbeitspaketen innerhalb des Forschungsprojekts SoWAS hat eine aktive Kontaktnahme und ein umfassender Austausch mit interessierten und aktiven Stakeholdern bundesweit stattgefunden, zur Erarbeitung gesicherter Grundlagen für österreichweite offene Lösungen. Bereits nach dem Projektstart im Juli 2017 hat sich gezeigt, dass es vergleichbare Entwicklungen für offene Paketstationen in anderen Bundesländern und in mehreren EU-Ländern gibt. Für das Projektkonsortium stellt dies einerseits einen Beleg für die Gültigkeit der Annahmen und Basisarbeiten im Rahmen der Projekteinreichung dar, andererseits ist es eine Motivation für weiteren projektübergreifenden Austausch.

  • Zur umfassenden Klärung von Anforderungen und Rahmenbedingungen, als Grundlage für erfolgreiche breite Umsetzungen, wurde ein intensiver Austausch mit KEP-Dienstleistern und Paketstation-Betreibern in Wien und Salzburg aufgenommen. Explizit Berücksichtigung fanden dabei auch Aspekte von Geschäftsmodellen, Betriebsmodellen, Finanzierungs- und Ertragsmodellen, sowie auch Leistungserstellungsmodellen.

  • Dies ermöglichte sowohl eine Analyse auf logistischer Ebene im Kontext des urbanen Güterverkehrs, als auch auf technischer Umsetzungsebene. Die Aspekte aller potenziellen Nutzergruppen, wie Logistikdienstleister, Endkunden oder die öffentliche Hand, wurden identifiziert und berücksichtigt. Es wurden Vertretungen namhafter Logistikdienstleister, der Wirtschaftskammer Österreichs und Delegierte der Stadt Graz eingebunden. Die wesentlichen wirtschaftlichen, organisatorischen, rechtlichen und technischen Anforderungen, bezogen auf die Nutzerschichten bzw. Rahmenbedingungen der Systemumwelt, wurden formuliert und geklärt. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass eine kooperative Nutzung von Infrastruktur, die ein neutral agierender Betreiber zur Verfügung stellt, auf positive Resonanz seitens der Logistikdienstleister stößt und die Bereitschaft an einer Beteiligung vorhanden ist. Dies insbesondere da ein solches System zu mehr erfolgreichen Erstzustellungen führt. Die Zurückhaltung von Marktteilnehmern mit eigenen Einzellösungen gilt es zu überwinden.

  • Auch wenn die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für offene Paketstationslösungen im urbanen Lieferverkehr als geklärt betrachtet werden können - was europaweit durch unabhängig startende Markteintritte belegbar ist - bleibt noch Wesentliches zu tun, um das gesamte Verbesserungspotenzial in Richtung Nachhaltigkeit ausschöpfen zu können.

  • Es braucht übergeordnete Standardisierungen von Prozessen und Schnittstellen auf der System-, Service- und Nutzerebene. Im Bereich der industriellen Automatisierung ist ein allgemeines Bekenntnis zu Offenheit, Standardisierung und Interoperabilität, zum Nutzen aller, bereits vor vielen Jahren gelungen. Im Bereich der Letzten Meile stellt dies noch eine bedeutende Herausforderung dar. Ebenso braucht es unterstützende Rahmenbedingungen der Städte und Kommunen, um Realisierungen offener System einfach und effizient zu ermöglichen.

  • Aus dem Projekt "SoWAS" in Graz heraus wurde eine Initiative für eine österreichweite Plattform gestartet, die projektübergreifend und langfristig, nachhaltige und verbesserte Lösungen auf Bundesebene unterstützen möchte. Auch Ihre Kontaktnahme und Beteiligung ist willkommen!

Zur Person

Norbert Hafner, Institut für Technische Logistik (ITL) der Technischen Universität Graz

Norbert Hafner studierte an der Technischen Universität Graz Elektrotechnik, in der Vertiefung Regelungstechnik und Prozessautomatisierung. 1998 promovierte er am damaligen Institut für Fördertechnik und Logistiksysteme der TU Graz. In den Jahren 2001 und 2002 war er Mitarbeiter der Fa. EPCOS OHG (Deutschlandsberg) - im Rahmen des Austauschprogramms des damaligen BMfBWK „Wissenschaftler für die Wirtschaft“. Aufgaben waren die Entwicklung von Automatisierungs- und Messsystemen für Anlagen der Serienproduktion. Seit 2003 ist Norbert Hafner Assistenzprofessor am Institut für Technische Logistik der TU Graz. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind einerseits im Bereich der industriellen Automatisierungs- und Antriebstechnik und andererseits in den Bereichen der Urbanen Logistik. Seit 2008 ist er stellvertretender Institutsleiter und verantwortlich in Projekten der Institutsforschungsfelder Intralogistik und Urbane Logistik.

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