Dossier

Gemähte Wiesen bieten vielen Arten Entfaltungsmöglichkeiten © APA (dpa)
4
Dossier

Naturschutz kann auch die Artenvielfalt gefährden

Dossier

10.06.2013
  • Mittersill/Linz/Wien (APA) - Der oberösterreichische Nationalpark Kalkalpen besteht größtenteils aus Wäldern, die sich selbst überlassen sind und zur Wildnis werden sollen. In den Wald eingebettet sind jedoch bewirtschaftete Wiesen und Almen. Auf ihnen wächst "eine betörende Artenvielfalt" an seltenen Orchideen, Gräsern und Kräutern, die verschwinden würden, wenn die Flächen nicht mehr gemäht oder beweidet werden, erklärte Susanne Aigner vom eb&p Umweltbüro in Klagenfurt der APA anlässlich des "5. Symposiums zur Forschung in Schutzgebieten", bei dem Aigner vorträgt.

  • Aigner hat mit ihren Kollegen die Wiesen des Nationalparks untersucht, um festzustellen, wie viele verschiedene Pflanzenarten auf ihnen wachsen und ob sie besonders schützenswerte Pflanzen beherbergen. Sie fanden über 800 verschiedene Arten, das sind knapp ein Drittel der überhaupt in Österreich vorkommenden Pflanzen. Viele davon sind in Oberösterreich gefährdet oder laut Naturschutzgesetz "vollkommen geschützt".

  • Wildwuchs kann auch Arten zurückdrängen

  • Manche der Wiesen werden selten, aber regelmäßig gemäht, andere sind Almen und Weiden, auf denen Rinder, Pferde und Ziegen grasen, und manche liegen seit einiger Zeit brach. Bei einigen der Brachen sei die Artenvielfalt schon deutlich zurückgegangen, seitdem die Fläche nicht mehr genutzt wird. "Vor allem nährstoffreiche, feuchte Brachen verarmen sofort", erklärte Aigner. Hohe Stauden mit großen Blättern wie die Bach-Pestwurz würden rasch überhandnehmen und den Unterwuchs beschatten. Die zarten Kräuter und Orchideen am Boden bekommen nicht mehr genug Licht und gehen zurück, sagte sie. Binnen weniger Jahre würde so die Artenvielfalt abnehmen.

  • Auf der "Jagdhauswiese Ebenforst" konnte man 1995, als sie noch regelmäßig gemäht wurde, 102 verschiedene Pflanzenarten finden, darunter mit dem Ostalpen-Enzian und dem Rundblättrigem Steinbrech zwei vollkommen geschützte Pflanzen, sowie zwei teilweise geschützte Eisenhut-Arten. Als Aigner die mittlerweile brachliegende Wiese mit ihren Kollegen 2010 untersuchte, gab es hier nur mehr 20 Pflanzenarten, keine davon war besonders schützenswert. "Heute dominieren Bach-Pestwurz und Brennnesseln die Fläche", berichteten sie.

  • Ökologisch besten Zeitpunkt bestimmen

  • Die Experten haben nun für jede Wiesenfläche Maßnahmen vorgeschlagen, wie die Artenvielfalt möglichst hoch gehalten werden kann. "Der Vorteil in diesem Gebiet ist, dass die Bewirtschaftung nicht auf Ertrag optimiert werden muss, sondern bestmöglich dem Naturschutz dienen kann", so Aigner. So wäre für die Bauern der beste Zeitpunkt eine Futterwiese zu mähen kurz vor der Grasblüte. Aus naturschutzfachlicher Sicht sei dies noch zu früh, denn die Pflanzen konnten so noch nicht aussamen. Im Nationalpark würde hingegen zum ökologisch besten Zeitpunkt gemäht, also wenn sogar die Orchideen Zeit hatten, Samen zu bilden, um ihren Fortbestand zu sichern.

  • Doch auch die Nationalparkbetreiber sind in einer Zwickmühle. Einerseits sollen sie eine Wildnis schaffen, in der Forst- und Landwirtschaft nichts verloren haben, andererseits gingen so voraussichtlich Flächen verloren, die äußerst wertvoll sind. Aktuell würde man verhandeln, wie man einige der wertvollen, brachliegenden Schätze wieder nutzbar machen kann, und trotzdem die Wildnis so wenig wie möglich stört, so Aigner.

  • Das "5. Symposium zur Forschung in Schutzgebieten" findet vom 10. bis 12. Juni in Mittersill statt. 45 Wissenschafter aus 20 Nationen werden laut Veranstalter, dem Nationalpark Hohe Tauern, zu Biodiversität und Artenschutz, Ökologie und Funktion von Fließgewässern, Auswirkungen des Klimawandels und über Langzeitforschung diskutieren. Parallel dazu organisiert die "Schweizerisch-Österreichische Allianz für Gebirgsforschung" am selben Ort die "Gebirgstage 2013", bei der die wissenschaftliche Kooperation zwischen Forschern der beiden Länder auf dem Gebiet der Alpenforschung gestärkt werden soll.

STICHWÖRTER
Biologie  | Oberösterreich  | Salzburg  | Naturschutzgebiete  |

Dossier

Wandern, Wildtiere, unberührte Natur - diese oder ähnliche Begriffe sind vermutlich die ersten, die einem bei dem Wort „Nationalpark“ in den Sinn kommen. Die sechs heimischen Schutzgebiete ...

Gastkommentare

"Wenn Hirsche funken"
von Norbert Putzgruber
Österreichische Bundesforste
"Den lebendigen Gesamtorganismus verstehen"
von Carl Manzano
Direktor Nationalpark Donau-Auen
"Forschungsstätten mit langer Tradition"
von Viktoria Hasler
Umweltministerium
"Experimente der Natur"
von Georg Grabherr
Botaniker und Ökologe

Hintergrundmeldungen

Auch im Glocknergebiet wurde eine Erwärmung verzeichnet © APA (Gindlfoto)/GI

Erwärmung des Hochgebirges regional sehr unterschiedlich

Permafrost – dauergefrorener Boden – verändert sich in den Hohen Tauern nicht ...
Am Kitzsteinhorn entsteht ein Projekt zum Langzeitmonitoring © APA/GI,MOK

Permafrostforscher verbessern Gefahrenprognose

Wissenschafter der Universität Salzburg arbeiten derzeit an neuen Methoden, um ...
In Nationalparks tut sich auch ohne Zutun des Menschen viel © APA (Gindlfoto)

Luftbilder zeigen Veränderung der Natur

Schutzgebiete wie Nationalparks sollen ihre Ökosysteme nicht nur schützen, ...
Gemähte Wiesen bieten vielen Arten Entfaltungsmöglichkeiten © APA (dpa)

Naturschutz kann auch die Artenvielfalt gefährden

Der oberösterreichische Nationalpark Kalkalpen besteht größtenteils aus ...
Der Mondsee ist einer von neun untersuchten heimischen Seen © APA/GI

Temperatur heimischer Seen steigt bis 2050 um 3 Grad

Aufgrund des Klimawandels wird die Temperatur des Oberflächenwassers ...
Der Mensch ist in Biosphärenparks fix integriert © APA (Hochmuth)

Biosphärenparks: "Schützen durch Nützen"

Vom Großen Walsertal bis zum Neusiedlersee: In Österreich gibt es insgesamt ...
Im größten heimischen Urwald suchen Forscher nach Antworten © Wildnisgebiet Dürrnstein (Hans Glader)

Österreichs größter Urwald als wissenschaftliche Herausforderung

In den Niederösterreichischen Kalkalpen liegt einer der größten Urwälder ...
Der Boden des Rothwalds beherbergt eine Unzahl an Kleinstlebewesen © Wildnisgebiet Dürrnstein (Hans Glader)

"Königreich für Mikroorganismen" - Forschungsobjekt Urwalderde

Gerade in der Erde findet sich jede Menge Leben. Schätzungen gehen von ...
Dem "wahren" Verhalten der Wildtiere auf der Spur © APA (dpa)

Forschen auf den “Inseln der Kulturlandschaft”

Die Arbeit unter freiem Himmel ist für Wissenschafter wie etwa Biologen oder ...

Mehr zum Thema