Gastkommentar

Konrad Pagitz © Privat
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Dossier

"Neophyten sind in Tirol allgegenwärtig"

Gastkommentar

31.05.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Gebietsfremde Organismen (Neobiota, Aliens) sind zu einem ganz wesentlichen Thema weltweit geworden: Sie zählen zweifelsohne zu den Globalisierungsgewinnern. Ihre Auswirkungen und die teils damit verbundenen Problematiken manifestieren sich auf allen Ebenen. So ist es nicht verwunderlich dass auch vermeintlich naturräumlich gut abgeschlossene Gebiete wie das Gebirgsland Nordtirol vor der Globalisierung der Lebenswelt, hier im speziellen der Pflanzenwelt, nicht ausgenommen bleibt.

  • Für Nordtirol sind bisher knapp 2.400 wildwachsend gefundenen Pflanzenarten und Unterarten dokumentiert; ca. ein Viertel davon sind Neophyten. Die größte Artenvielfalt an Neophyten genauso wie deren Massenentfaltung konzentriert sich auf den Hauptsiedlungsraum bzw. die unteren bis mittleren Höhenlagen bis ca. 1.200 Meter Meereshöhe. Zieht man in Betracht, dass der Flächenanteil Nordtirols unterhalb davon kaum ein Fünftel der gesamten Landesfläche ausmacht, lässt sich erahnen, wie allgegenwärtig in diesem Bereich gebietsfremde Pflanzen sind.

  • Allgemein bekannten Arten wie die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis), die Staudenknöterich-Arten (Fallopia spp.) oder das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) prägen in Tirol heute besonders zur Blütezeit das Landschaftsbild des Inntals und vieler Seitentäler. Diese "Allgegenwärtigkeit" ist aber eine vergleichsweise junge Erscheinung und die Folge einer massiven Expansion währen der letzten 40 bis 50 Jahre. Erst vor ca. 20 Jahren beginnt in Nordtirol die Ausbreitungsphase des Gemeinen Sommerflieders (Buddleja davidii) und des Südafrikanischen Greiskrautes (Senecio inaequidens), und beinahe jährlich kommen neue Arten hinzu, wobei zu Beginn vor allem Straßenränder als willkommene Lebensräume und Wanderrouten genutzt werden.

  • Als problematische Neophyten werden in Tirol derzeit 11 Arten geführt. Allen voran sind hier im Bereich Naturschutz die Kanadische Goldrute, das Drüsige Springkraut und die drei Staudenknöterich-Sippen zu nennen. Dazu kommen Riesen-Goldrute, Gemeiner Sommerflieder und Robinie. Gesundheitliche Relevanz für Mensch und Tier haben Beifuß-Ambrosie, Ragweed (Ambrosia artemisiifolia), Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) und das Südafrikanische Greiskraut (Senecio inaequidens). Keine Rolle hingegen spielen in Tirol Pflanzenarten, die sich auf der im Rahmen der EU-Verordnung 1143/2014 erstellten Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung (2016) finden.

  • Nach einer einjährigen Pilotphase wurde in Nordtirol 2005 das "Kompetenzzentrum Neophyten in Tirol" etabliert. Konzipiert als Projekt zwischen dem Institut für Botanik der Universität Innsbruck, wo es auch angesiedelt ist, und der Abteilung Umweltschutz des Landes Tirol, fungiert es als Drehscheibe zum Thema Neophyten in Tirol (http://botany.uibk.ac.at/neophyten/). Als zentrale Anlaufstelle und Informationsplattform vernetzt es universitäre Tätigkeiten (Forschung, Kartierung und Inventarisierung, universitäre Ausbildung, Fachtagungen) mit Dienstleistungstätigkeiten (Definition von Problemarten, Management, Beratung, Schulungen/Kurse und Öffentlichkeitsarbeit) im Auftrag des Landes Tirol. Eng damit verknüpft ist die Funktion des Neophytenbeauftragten des Landes, die derzeit ebenfalls vom Leiter des Neophytenzentrums wahrgenommen wird. Ihm obliegt auch das Festsetzen von Maßnahmen.

  • Neophytenmanagement wird in Tirol bisher generell für die beiden gesundheitlich relevanten Arten Beifuß-Ambrosie und Riesen-Bärenklau betrieben und öffentlich finanziert. Für das Südafrikanische Greiskraut ist ein Konzept in Vorbereitung. Das Hauptaugenmerk liegt in Nordtirol bisher auf dem Riesen-Bärenklau. Dabei kommt der Tiroler Bergwacht, die die Arbeiten vor Ort ausführt, eine zentrale Rolle zu. Für Arten mit Naturschutzrelevanz gibt es diesen generellen Masterplan derzeit nicht. Dennoch werden vonseiten des Landes Tirol Maßnahmen gesetzt. So sind Neophyten mittlerweile im Rahmen von Bescheiden genehmigungspflichtiger Verfahren fest verankert. Sind Schutzgebiete betroffen, werden auch Maßnahmen finanziert.

  • Mit zunehmender Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung sind in den letzten Jahren vermehrt Aktionstage und mittlerweile auch mittel- und längerfristige Managementaktivitäten abseits der Beauftragung durch das Land Tirol ins Leben gerufen worden, die sich mit Drüsigem Springkraut und Co. auseinandersetzen. Schutzgebiete, einzelne Gemeinden und mittlerweile ganze Talschaften engagieren sich dabei aktiv und etablieren eigene Informationsschienen und Managementvorhaben.

  • In den zwei Jahrzehnten meiner Arbeit mit Neophyten, ein großer Teil davon als Leiter des Neophytenzentrums und Neophytenbeauftragter des Landes Tirol, konnte ich einen deutlichen Wandel im Umgang mit Neophyten miterleben. War der Anfang geprägt von Grundlagenerhebungen und Bewusstseinsbildung für die Thematik im Allgemeinen, so ist das Wissen darum heute sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich schon fest verankert. Die Notwendigkeit, Management zu betreiben, ist vielfach akzeptiert. Oft geht es heute sogar darum, Aktionismus zu bremsen und auf Nachhaltigkeit der Maßnahmen zu achten.

  • Dennoch muss man sich bewusst machen, dass in Gegensatz zu einem Inventar ursprünglich einheimischer Organismen ein Inventar an Neobioten immer nur eine Momentaufnahme darstellt. Zu schnell, zu dynamisch und oft auch nicht vorhersehbar sind die Änderungen, und der "aktuelle" Kenntnisstand damit oft nach wenigen Saisonen längst überholt. Allein in die zwei Jahrzehnte meiner Auseinandersetzung mit dem Thema in Tirol fallen die weitere Ausbreitung ohnehin schon häufiger Arten, aber auch die Entwicklung einiger Arten vom noch seltenen Gartenflüchtling oder von seltenen Ruderalpflanzen hin zur Problemart, genauso wie "high-speed"-Invasionen von neuen Arten - aber auch Fehlschläge, die nach wenigjährigen Gastspielen wieder beendet waren.

  • Will man hier langfristig erfolgreich Management betreiben, braucht es ähnliche Flexibilität in den Rahmenbedingungen, rechtlich wie finanziell, beides ist derzeit nur eingeschränkt gegeben.

Zur Person

Konrad Pagitz, Institut für Botanik der Universität Innsbruck

Konrad Pagitz promovierte in Botanik an der Universität Innsbruck. Er ist Assistenz-Professor am Institut für Botanik der Universität Innsbruck, Kurator des Botanischen Gartens und des Herbarium des Instituts für Botanik der Universität Innsbruck. Betätigungsfelder sind die Verbreitung und das Vorkommen von Pflanzen in den Alpen mit einem besonderen Schwerpunkt auf komplexe Gruppen wie Brombeeren sowie menschlich bedingter Floren- und Vegetationsveränderung und gebietsfremde Arten. 2004 initiierte er das Neophytenzentrum Tirol, das 2005 ins Leben gerufen wurde und seither von ihm geleitet wird. Weiters fungiert er als Neophytenbeauftragter des Landes Tirol und ist Mitglied des Unterausschusses "Neophyten" des Österreichischen Wasser- und Abfallwirtschaftsverbands.

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