Gastkommentar

Martin Russ © Robert Fruehauf
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Dossier

"Neue intelligentere Services für meine Mobilität"

Gastkommentar

25.02.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Intelligente Verkehrssysteme (IVS) haben in den vergangenen 20 Jahren bereits vieles an Beiträgen für ein integriertes Verkehrssystem geleistet. IVS ermöglichen zum Beispiel neue Ansätze in der Verkehrssteuerung und Verkehrsorganisation, mit denen in Echtzeit auf verschiedenste Probleme reagiert werden kann. Der österreichische IVS-Aktionsplan von 2011 und seine alle drei Jahre erneuerten Maßnahmenkataloge leisteten einen maßgeblichen Beitrag, politische, wirtschaftliche und ökonomische Ziele zu bündeln und zur Umsetzung zu verhelfen. Heute stehen IVS und Telematiklösungen nicht mehr allein im Mittelpunkt, die Ansprüche, die beteiligten Player und der Einsatz der Lösungen werden immer vielschichtiger.

  • Optionen zugänglich machen

  • Wir alle wissen, dass es weder möglich noch sinnvoll ist, unbegrenzt neue Kapazitäten und Infrastrukturen zu schaffen. Daher müssen immer wieder neue Wege gefunden werden, Bestehendes besser zu nutzen. Dies kann dann gelingen, wenn eine Verhaltensänderung eines jeden einzelnen herbeigeführt werden kann und eine Unterstützung bei der Entscheidungsfindung hin zu umweltfreundlicheren Lösungen, Verlagerung und Erhöhung der Sicherheit geschaffen wird.

  • Integrierte Mobilität braucht integrierte Services und eine integrierte Betrachtung von Auswirkungen. Mobilität selbst muss heute als Gut gesehen werden, und nicht allein die Produkte und Technologien dahinter.

  • Ein Ansatz dafür ist "Mobilität als Service". Dabei handelt es sich um ein Konzept, das den Zugang zu Mobilitätsdaten und ihre Verwendung für nutzerorientierte Mobilitätsservices in den Mittelpunkt der Digitalisierung unseres Verkehrssystems stellt. Am Ende geht es darum, Menschen möglichst sicher, leistbar, effizient und umweltfreundlich von A nach B zu bringen und nicht primär darum, welche Verkehrsmittel eingesetzt werden, oder welchen speziellen Dienst VerkehrsteilnehmerInnen nutzen - das bedeutet Zugang zu allen Mobilitätsoptionen über eine Plattform. Und alle Möglichkeiten nutzen, ohne sie zu besitzen.

  • Im jetzigen System kann der Nutzer entweder ein Transportmittel (etwa ein Auto, ein Fahrrad) oder ein Ticket für die Beförderung kaufen (wie eine Bus- oder Zugfahrkarte). Der Begriff "Mobilität als Service" (MaaS) umschreibt, dass künftig Mobilitätsservices gekauft werden, die auf den individuellen Nutzerbedürfnissen beruhen, anstelle des Kaufs von Transportmitteln. Alle verfügbaren Transportservices können dabei integriert werden und so die individuelle Autonutzung reduzieren: öffentlicher und privater Verkehr, Bike-, Ride-, Carsharing, Pooling, Taxi, Anreize bzw. Bonifikationen, Parken, oder in Zukunft automatisierte Taxis. MaaS nutzt die jetzt verfügbaren technologischen Möglichkeiten wie WLAN, Crowdsourcing, Sharing-Systeme, modiübergreifende Reiseinformationen und integriertes Ticketing, damit die verschiedenen Verkehrsmodi nahtlos ineinander greifen und als ein Komplettservice für die NutzerInnen angeboten werden.

  • Gleichzeitig wird dadurch die Effizienz des Gesamtverkehrssystems einer Stadt oder Region erhöht. Dafür müssen diese Technologien jedoch erst noch besser in ein Gesamtsystem integriert werden - es braucht einen Mobilitätsaggregator oder mehrere, welche als Betreiber die Verantwortung für die Struktur eines solchen Ökosystem übernehmen und diese Kombinationen als Door-to-door-Service anbieten. Man bezahlt künftig nicht in Form einer Investition, etwa für einen Autokauf, sondern für die Nutzung. Und die NutzerInnen werden von reinen Konsumenten zu wertvollen und aktiven "Co-Creatoren" in der Entwicklung dieser Services werden.

  • Technologie und neue Geschäftsmodelle

  • Eine entscheidende Rolle spielen bei Mobilität als Service auch die gesellschaftlichen Aspekte und die sich daraus entwickelnden Lösungen und Ansätze. Sharing zum Beispiel ist ein weltweit auftretendes Phänomen, und dies besonders im städtischen Raum. Das weltweite Wachstum der geteilten Fahrzeugflotte von rund 11.000 auf mehr als 100.000 Fahrzeuge von 2006-2014 zeigt den Bedarf und die Verhaltensänderung auf. Nutzen statt Besitzen ist das Motto der VerkehrsteilnehmerInnen von heute.

  • Auf der anderen Seite beeinflussen die neuesten technologischen Entwicklungen die Gestaltung des Mobilitätssystems ebenfalls: so sind Konnektivität und Automatisierung zwei stark von der Industrie getriebene Themen. Automatisierung beginnt bei Fahrerassistenzsystemen, dem Informieren und Warnen bis hin zum aktiven Eingreifen in Geschwindigkeitswahl und Lenkung. Bessere Sensorik ermöglicht höhere Automatisierungsgrade. Darüber hinaus gilt es aber weitere wichtige Aspekte im Auge zu behalten und zeitgleich in Angriff zu nehmen: wie sehen die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Automatisierung aus, welche Konzepte für Test- und Validierungsprozeduren gibt es und wie und wo können zeitgereicht Feldtests ermöglicht werden? Nur dann kann Automatisierung der Umsetzung einen Schritt näher gebracht werden.

  • Österreich hat dies erkannt und erarbeitet bis April unter Initiative des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie einen Aktionsplan für Automatisiertes Fahren, der insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit von Österreichs Industrie stärken und Wertschöpfung generieren soll.

  • Eng verknüpft mit dem Thema Automatisierung ist auch jenes der Konnektivität. Auch hier geht es um eine komplexe Lösung, die neben den technologischen Rahmenbedingungen auch Aspekte wie Datenverfügbarkeit, -Qualität, Sicherheit und Privacy adressiert. Basis für die Interaktion zwischen Fahrzeugen und der Infrastruktur bilden dabei unterschiedlichste Kommunikationsnetze (4G, 5G, ITS-G5). Durch die unterschiedlichen Eigenschaften der einzelnen Netze bezüglich Latenzzeiten, Netzabdeckung oder bidirektionale Kommunikation ergeben sich unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten. Österreich hat sich etwa unter der Leitung der Asfinag gemeinsam mit Deutschland und den Niederlanden zusammengeschlossen, um genau diese Möglichkeiten der Fahrzeug-Infrastruktur-Kommunikation und von entsprechenden, die Verkehrssicherheit erhöhenden Diensten, auf dem sogenannten "C-ITS Korridor", der sich von Rotterdam über Frankfurt nach Wien erstreckt, zu realisieren.

  • Wichtig bei allen neuen Services ist, die Kundenbedürfnisse und die gesellschaftlich erwünschte Wirkung in Einklang zu bringen. Services werden rein über Hard- und Software definierte Produkte ablösen und die NutzerInnen werden immer mehr zu Integratoren und Mitgestaltern ihrer Mobilität.

Zur Person

Martin Russ, Geschäftsführer von Austriatech

Martin Russ ist Geschäftsführer der AustriaTech GmbH, einem gemeinwirtschaftlich orientierten Unternehmen des Bundes zur Maximierung des gesellschaftlichen Nutzens neuer Technologien in Transport und Verkehr. Als Verkehrsplaner widmet sich Martin Russ bereits seit mehr als 20 Jahren der Förderung und Optimierung von Verkehrs- uns Mobilitätstechnologien. So war er im Vorfeld bei der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft für Forschungsförderung im Bereich Verkehrstechnologie verantwortlich und im BMVIT in den Bereichen Forschung, Technologie und Patentwesen tätig. Seit 2011 setzt er sich gemeinsam mit den 40 MitarbeiterInnen der AustriaTech aktiv für die Umsetzung und Förderung eines modernen, leistungsfähigen und leistbaren Mobilitätssystems ein und vertritt auch auf internationalem Bankett die Vorreiterrolle Österreichs. Um diese Position weiter auszubauen arbeitet AustriaTech an Themen wie einer IVS-Strategie, einem Maßnahmenplan für Elektromobilität oder Kooperativen Systemen. Zudem ist Martin Russ Generalsekretär der ITS Austria und Mitglied des Aufsichtsrats von ERTICO – ITS Europe.

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