Gastkommentar

Patrick Lehner © LBG/Johannes Brunnbauer
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Dossier

"Neues Ausprobieren!"

Gastkommentar

23.08.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Forschung ist ein wesentlicher Faktor für die nachhaltige Sicherung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. "Bahnbrechende" oder "transformative" Grundlagenforschung - auch mit neuen wissenschaftlichen Methoden - ist die Basis für radikale Innovationen.

  • Der Bund und die Länder stellten im Jahr 2014 laut Rechnungshofbericht für die Forschungsfinanzierung in Österreich mehr als 3 Mrd. Euro zur Verfügung. In diesem Zusammenhang hat der Rechnungshof einen Gesamtüberblick über die Forschungsfinanzierung in Österreich erstellt und die Zahlungsströme kritisch beleuchtet. Er kommt zum Schluss, dass durch eine Vielzahl an F&E-Programmen in Österreich ein "Programmdschungel" besteht und die Vielfalt der Förderungsprogramme wie auch ihre Heterogenität in Inhalt und Begrifflichkeit die Forschungsförderung in Österreich unübersichtlich machen.

  • Finden sich in dieser Vielfalt der Förderungsprogramme jedoch ausreichend Möglichkeiten für die wichtige Förderung von "bahnbrechender" oder "transformativer" Grundlagenforschung?

  • In Österreich existieren zur Förderung der Grundlagenforschung gut aufgestellte Forschungsförderungsagenturen wie der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) oder den Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF). Diese Forschungsförderungsagenturen erhalten im Rahmen von internationalen Evaluierungen regelmäßig Bestnoten für ihre Arbeit und die positiven Effekte auf die österreichische Forschungslandschaft. Beim European Innovation Scoreboard 2016 liegt Österreich bei den weltweit meistzitierten Publikationen an 6. Stelle und damit auch deutlich vor Deutschland (10.). Eine großartige Leistung für die österreichische Grundlagenforschung und ein Hinweis darauf, dass die Förderung der Grundlagenforschung in Österreich trotz der immer wieder bemängelten knappen Mittel wirkt.

  • Dennoch scheinen Einige zu hinterfragen, ob die Förderungsprogramme wirklich ausreichend Möglichkeiten für bahnbrechende Grundlagenforschung und radikale Innovation bieten. Ob wir den "kompetenten Rebellen" (ein treffender Ausdruck, welchen ich von Helga Nowotny aufgeschnappt habe) im Wissenschaftsbetrieb genügend Spielraum für die Weiterverfolgung ihrer radikalen Ideen einräumen. So haben BMWFW, FFG, FWF und RFTE die Initiative "Radikale Innovationen - Mehr Freiraum für innovative und risikobehaftete Forschung" gestartet.

  • Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat einen Innovationsfonds "Forschung, Wissenschaft und Gesellschaft" eingerichtet, um außergewöhnlich innovative Vorhaben zu unterstützen. Ziel ist die Förderung neuer Forschungsrichtungen, welche bisher noch nicht verfolgt wurden und mit einer über das übliche Maß hinausgehenden Ergebnisoffenheit eingestuft werden.

  • Der FWF ermöglicht mit dem Wittgenstein-Preis hervorragenden Wissenschafterinnen und Wissenschaftern ein Höchstmaß an Freiheit und Flexibilität bei ihren Forschungsarbeiten, um eine außergewöhnliche Steigerung ihrer wissenschaftlichen Leistungen zu ermöglichen. Während der Wittgenstein-Preis sich an Wissenschafterinnen bzw. Wissenschafter richtet, welche bereits eine anerkannte Stellung in der Forschungsgemeinde einnehmen, holt der WWTF mit den Vienna Research Groups for Young Investigators vielversprechende junge Forscherinnen und Forscher von außen nach Wien und ermöglicht ihnen den Aufbau der ersten eigenen Forschungsgruppe.

  • Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) startete die Open Innovation in Science Initiative mit dem Ziel, den Forschungsprozess zu öffnen und damit noch effizienter, schneller und zielgerichteter zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen zu können. Auf Basis des europaweit einzigartigen Crowdsourcing Projekts "Reden Sie mit!" gründet die LBG ein neues Forschungsinstitut zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen und geht auch beim Auswahlverfahren radikal neue Wege. Im Rahmen eines in Österreich erstmals umgesetzten experimentellen Auswahlverfahrens, dem Ideas Lab, wird mittels eines intensiven fünftägigen Workshops eine interdisziplinäre Forschungsgruppe aus 25 bis 30 Forscherinnen und Forschern unterschiedlicher Disziplinen auswählt. Ziel ist es, disziplinäre Grenzen aufzulösen, um gesellschaftliche Herausforderungen besser adressieren zu können.

  • Die Kollegen vom WWTF wagten einen Blick über Österreich hinaus und konnten in ihrer Studie* eine Vielfalt an Programmen zur Förderung bahnbrechender Grundlagenforschung ausmachen.

  • Eine Vielfalt bei der Förderung von Grundlagenforschung ist ohne weiteres weder positiv noch negativ zu sehen. Eine Vielfalt der Förderansätze ist jedoch gewinnbringend, wenn damit eine entsprechende Dynamik verbunden ist. Es gilt auch in der Forschungsförderung, neue innovative Ansätze auszuprobieren, diese zu bewerten, Gutes zu übernehmen und weniger wirksames einzustellen, denn wie Einstein bereits sagte "Verrückt ist der, der immer die gleichen Dinge tut, aber andere Ergebnisse erwartet".

  • *Terttu Luukkonen, Michael Stampfer, Michael Strassnig. 2015. Evaluation practices in the selection of ground-breaking research proposals. WWTF Working Paper.

Zur Person

Patrick Lehner, Projektmanager für Open Innovation in Science in der Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Patrick Lehner ist in der Ludwig Boltzmann Gesellschaft Projektmanager für Open Innovation in Science. Er war davor an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als Direktor für die Administration der Institute zuständig und leitete über mehrere Jahre das Forschungsservice an der Wirtschaftsuniversität Wien. Patrick Lehner studierte Volkswirtschaft an der Universität Wien und der University of California Santa Cruz und beschäftigte sich in seinen Forschungsarbeiten mit Innovationssystemen.

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