Gastkommentar

Helge Torgersen © ITA
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Dossier

"Österreich - kein Land für (Bio)technologie?"

Gastkommentar

31.10.2013
  • Wien (Gastkommentar) - Vorbei sind die Zeiten, in denen Biotechnologie in Österreich als großes Tabu galt. Dieses Signal senden zumindest die vielen leistungsfähigen Forschungsinstitute und neuen Start-up-Firmen. Trotzdem beklagen sich Wissenschafter weiter leidenschaftlich gerne über die Technikfeindlichkeit "der Öffentlichkeit". Immerhin fristen Gentechnik-Pflanzen nach wie vor ihr Leben, wenn überhaupt, als akademische Übung im abgeschotteten Gewächshaus. Ist man in Österreich also doch noch immer skeptisch gegenüber Biotechnologie - oder gar moderner Technik überhaupt?

  • Die grüne Gentechnik gilt zumindest als Paradebeispiel für eine aus den Fugen geratene Modernisierung. Seit dem erfolgreichen Volksbegehren von 1998 ist das Nein zu Gentechnik-Pflanzen hierzulande ebenso in Stein gemeißelt wie das zur Atomenergie. Es gehört zum fixen Bestand der öffentlichen Meinung wie die Wertschätzung von Sängerknaben und Mozartkugeln. Nach einer jüngsten Umfrage des Linzer Market-Instituts für den "Standard" über gute oder schlechte Entwicklungen der letzten 25 Jahre, rangieren Gentechnik-Pflanzen abgeschlagen an letzter Stelle - nur 10 Prozent finden sie gut, 63 Prozent schlecht. Mit der Angst vor konkreten Risiken lässt sich das nur schwer erklären - die Ablehnung ist vielmehr ein akzeptierter Teil der Alltagskultur geworden. Das ist in vielen europäischen Ländern ähnlich, hierzulande aber besonders ausgeprägt.

  • Der anhaltende Widerstand ist erstaunlich, besonders, da andere Technologien unsere Vorstellungen von einem guten Leben viel stärker auf die Probe stellen. Das offensichtlichste Beispiel: Computer und Internet, die enormen Einfluss auf das tägliche Leben des Durchschnittsbürgers haben. Spätestens die NSA-Affäre zeigt, welche realen Gefahren für die Privatsphäre drohen. Die meisten nehmen das achselzuckend in Kauf, ohne dass die Informationstechnologie deswegen einen schlechten Ruf bekäme. Derselben Umfrage zufolge halten nämlich rekordverdächtige 82 Prozent das Internet für eine gute Entwicklung – weit mehr als diejenigen, die den Zusammenbruch des Kommunismus gut finden.

  • Die Angst vor irrelevanter, da in Österreich nicht praktizierter grüner Gentechnik steht also einer Internet-Euphorie trotz realer Datenschnüffelei gegenüber. Beruht die unterschiedliche Wahrnehmung nur darauf, dass Laien zu wenig über die tatsächlichen Sachverhalte wissen? Braucht es bloß Aufklärung, positive Berichterstattung, Public Relations? Viele EntscheidungsträgerInnen in Österreich wollen das gerne glauben.

  • Dagegen spricht, dass im Fall der Gentechnik belehrende Wissensvermittlung oder professionelle PR regelmäßig scheiterten. Bloß objektiv oder positiv über umstrittene Technologien zu berichten reicht also offenbar nicht, um Widerstand abzubauen oder gar Begeisterung zu stiften. Das hat in Österreichs Scientific Community die Annahme bestärkt, "die Öffentlichkeit" würde jede neue Technologie reflexartig ablehnen. Nur - entgegen der Erwartung vieler Experten - gab es zum Beispiel bei der Nanotechnologie kaum Diskussion oder gar Ablehnung. Nanomaterialien werden in Kosmetika und Poliermitteln heute wie selbstverständlich verwendet.

  • Ich finde es daher spannender auf die Mechanismen zu sehen, durch die eine Technologie in der Öffentlichkeit überhaupt erst gut oder schlecht erscheint. Je länger man sich damit beschäftigt, desto klarer wird: Technologien sind im öffentlichen Diskurs keine Konstante. Im Gegenteil - ihre Einschätzung - "gut" oder "schlecht" - hängt vor allem vom Zusammenhang ab, in dem sie diskutiert werden. Überspitzt gesagt sind Technologien in der öffentlichen Debatte wie schillernde Seifenblasen, die je nach Blickwinkel unterschiedliche Farben annehmen und deren Form weitgehend variabel ist. Ihr Bild kann so schnell zerplatzen wie es entstanden ist, und es lässt sich medial beliebig aufblasen.

  • Besonders wichtig für die öffentliche Meinungsbildung sind meiner Erfahrung nach Vergleiche zu anderen Technologien. Ein Beispiel liefern aktuelle Berichte über Synthetische Biologie. Sie wird meist als eine Form der Biotechnologie beschrieben, die sich als reine Ingenieurswissenschaft sieht und mit genormten Bauteilen arbeitet. Gentechnik bildet die Grundlage, aber viele Anregungen kommen aus zwei in der Öffentlichkeit weitgehend akzeptierten Feldern - der Nanotechnologie und der Computertechnologie. Wie wird Synthetische Biologie nun dargestellt? Wie (böse) Gentechnik, (potente) Nanotechnologie oder (coole) Computertechnologie?

  • Maßgebliche Protagonisten der Synthetischen Biologie haben sich dafür entschieden, sie als eine Art DNA-Informatik zu präsentieren. Der Vergleich bietet sich nicht nur wegen der Analogie von DNA zu elektronischen Speichermedien an. So gibt es in der Synthetischen Biologie auch Praktiken, wie man sie aus der IT-Branche kennt. Befürworter einer Patentierung streiten etwa mit Open-Source-Verfechtern, und nebenbei entsteht eine Hacker-Kultur mit Anleihen an die Garagen im Silicon Valley der siebziger Jahre. Fazit: Wird synthetische Biologie derart in die Nähe der Computertechnologie gerückt, nimmt sie auch deren "cooles" Image an.

  • Anders sehen das z.B. Umwelt-NGOs: Sie stellen synthetische Biologie gerne als Extrem-Gentechnik 2.0 bzw. als Mittel zum Zweck für industrielle Akteure mit sinistren Intentionen dar. So soll die alte Gentechnik-Debatte wieder entfacht werden. Genau das versucht wiederum die Politik zu verhindern und handelt ähnlich wie bei der Nanotechnologie: sie beschäftigt Beratungskomittees und fördert Begleitforschung. Man will sich ja nicht nachsagen lassen, dieselben Fehler zu machen wie bei der Gentechnik.

  • Und was machen die Medien? Sie tendieren einmal zu dieser, dann zu jener Interpretation, können synthetische Biologie offenbar nicht recht einordnen, wenn sie sie überhaupt wahrnehmen. Wir sehen also: Je nach Darstellungskontext erscheint synthetische Biologie unterschiedlich und ruft ganz verschiedene, unvorhersehbare Reaktionen hervor. Die sind natürlich nicht alle nur positiv.

  • Daraus zu schließen, dass die ÖsterreicherInnen von Geburt an oder angelernt technikfeindlich sind, ist aber völlig verfehlt. Rückschlüsse über zukünftige Einstellungen gegenüber neuen Technologien lassen sich aus der Gentechnik-Debatte tatsächlich kaum ziehen. Für manche scheint die Mär von der Technikfeindlichkeit dennoch unwiderstehlich. Im Glauben, die Öffentlichkeit sei sowieso gegen einen, lässt es sich halt recht bequem leben.

Zur Person

Helge Torgersen, Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der ÖAW

Dr. Helge Torgersen promovierte 1980 der Universität Salzburg in Biologie. Von 1981-1989 war er Assistent an den Instituten für Molekularbiologie und Biochemie der Universität Wien. Im Jahr 1990 ging er an das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, für das er seither tätig ist. Hauptarbeitsgebiete waren und sind Biotechnologiepolitik, Risikoabschätzung und die öffentliche Wahrnehmung von Biotechnologie. Daneben beschäftigte er sich im Rahmen seiner Tätigkeit mit Studien zur Wissenschaftspraxis sowie mit Methoden der partizipativen Technikfolgenabschätzung. Jüngere Arbeiten beschäftigten sich vorwiegend mit der gesellschaftlichen Einbettung von „emerging technologies“ wie der Synthetischen Biologie.

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