Dossier

"Audi lunar quattro" soll von Cape Canaveral starten © APA/PTS/Alex Adler
4
Dossier

Österreicher wollen mit erstem privaten Fahrzeug auf den Mond

Dossier

29.09.2016
  • Wien/Berlin (APA) - "Zuerst wurden wir als verrückte Jungs aus der Garage betrachtet", mittlerweile handelt das Berliner Unternehmen PTScientists mit der NASA und der Firma SpaceX einen Raketenstart aus, so der aus Österreich stammende technische Leiter, Jürgen Brandner, zur APA. Ende 2017 wollen die "Part Time Scientists" das erste private Fahrzeug auf dem Mond fahren lassen und darüber hinaus am Markt reüssieren. Für das von der ESA forcierte "Moon Village" könnte man etwa wichtige Ersatz- und Bauteile unkompliziert liefern.

  • Der Auslöser für ihre mittlerweile weit gediehenen Pläne für die erste private Mondmission war ein 2007 von der Firma Google ausgelobter Wettbewerb. Der Google Lunar X-Price (GLXP) ist mit 30 Millionen Dollar dotiert und geht an jenes zumindest zu 90 Prozent aus privaten Mitteln finanzierte Team, dessen Mondfahrzeug (Rover) 500 Meter auf dem Erdtrabanten zurücklegt. Das hat das ursprüngliche Team 2008 motiviert, sich in diese komplexe Herausforderung zu vertiefen. "Wir kommen sozusagen aus diesem Nerd-Bereich im Internet heraus", sagte Brandner.

  • Das Startkapital für den Wettbewerb kam aus der Versicherungssumme in Folge eines Autounfalls, den der Chef der "Part Time Scientists" ("Teilzeitforscher"), Robert Böhme, damals hatte. Es folgte die Gründung eines Vereins. 2009 stand dann der erste selbst entwickelte kleine Roboter da. "Ab dieser Zeit haben wir gemerkt, dass es ein wenig mehr braucht als einen Verein", so Brandner. Die Firma wurde mit dem Ziel gegründet auch über den Horizont des Wettbewerbs hinaus "zukunftsträchtige Produkte" für die schon damals aufstrebende private Raumfahrt zu entwickeln.

  • Niederlassung in Österreich in Planung

  • In den folgenden Jahren holte man zwei GLXP-Zwischenpreise. Mittlerweile arbeiten zwölf Mitarbeiter Vollzeit an dem Projekt, es gebe aber noch immer deutlich mehr "Teilzeitforscher". Aufgrund der starken österreichischen Beteiligung - heimische Forscher und Techniker machen etwa 50 Prozent des Teams aus - sei auch eine Niederlassung in Österreich in Planung.

  • "Als wir das Ganze gegründet haben, waren wir sehr naiv und dachten, dass wir das bis 2012 erledigt haben", sagte Brandner. Tatsächlich sehe es nun fast zehn Jahre nach der Google-Ausschreibung danach aus, dass die etwa 210 Kilogramm schwere Landeeinheit "Alina" (Autonomous Landing and Navigation Module) mit den beiden je 30 Kilo schweren, einen Meter langen, 75 Zentimeter breiten und etwa 60 Zentimeter hohen Rover namens "Audi lunar quattro" tatsächlich auf dem Mond aufsetzen wird, gibt sich Brandner überzeugt.

  • Zahlreiche Kooperationen

  • Am Namen des Fahrzeugs ist unschwer zu erkennen, dass man mittlerweile einen potenten Industriepartner mit an Bord hat. Auch von Partnern aus den Forschungsbereich, wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie in Kooperationen mit deutschen und österreichischen Unis habe man in den vergangenen Jahren viel gelernt.

  • Der Start, für den ein Zeitfenster von Ende 2017 bis Mitte 2018 vorgesehen ist, soll von Cape Canaveral (US-Bundesstaat Florida) mit einer SpaceX Rakete erfolgen. Ob und wie lange die Explosion einer SpaceX-Rakete Anfang September das Vorhaben verzögern könnte, lasse sich noch nicht seriös abschätzen. Ab einer Höhe von 35.000 Kilometern "erledigt unser Landesystem die restliche, fünftägige Reise zum Mond". Dort werden die beiden Rover abgesetzt und es gilt die geforderten 500 Meter zurückzulegen und das zu dokumentieren. "Dann sind wir eigentlich 'frei' und für einige wissenschaftliche und mediale Themen offen", sagte Brandner. So will man etwa die Landestelle der letzten bemannten Apollo-Mission (Apollo 17) und den "Großvater" der neuen Mondfahrzeuge, das historische "Lunar Roving Vehicle", besuchen.

  • Vier bis fünf ernsthafte Konkurrenten

  • Im Rennen um GLXP trennt sich nun die Spreu vom Weizen, denn bis zum Ende des Jahres müssen die Teams Startvereinbarungen vorlegen, um weitermachen zu können. Brandner schätzt, dass noch vier bis fünf ernsthafte Konkurrenten mit um den Preis rittern können. Der Wettbewerb selbst ist aber nicht mehr der alleinige Zweck des Unterfangens, denn das Team will sich mit seinem Landesystem am Markt positionieren.

  • Es gehe vor allem darum, eine günstige Plattform für Forschungseinrichtungen oder kleinere Unternehmen zu bieten, damit diese Technologie auf den Mond bringen können. "Bei uns soll man auch als kleinere Firma relativ unkompliziert eine Mondmission buchen können, um etwa einen Motor dort zu testen", so Brandner. Die Nachfrage sei jedenfalls gegeben, denn bisher ist die Internationale Raumstation ISS der einzige extraterrestrische Testort, an dem Privatunternehmen aber Restriktionen unterliegen.

  • Den "vergessenen Hammer" auf dem Mond liefern

  • Auch die Idee der europäischen Raumfahrtagentur ESA, auf dem Mond bis 2030 ein Dorf aufzubauen, sei interessant. Mit der Landeeinheit ließen sich etwa Bauteile für das "Moon Village" bis 100 Kilogramm anliefern. "Wir können dann aber auch quasi den vergessenen Hammer schnell nachliefern", so Brandner. Dass der Mond bald von privaten Initiativen überrannt und gewissermaßen zugeparkt wird, sei aber nicht zu erwarten, da es auch in absehbarer Zeit immer noch nicht trivial sei, dort tatsächlich zu landen und sich Vertrauen in der Community aufzubauen.

  • Service: http://ptscientists.com; http://microsites.audi.com/mission-to-the-moon/de

Dossier

Am 2. Oktober 1991 war es so weit: Mit dem Kommando "Sashiganije" (Zünden) hob exakt um 6.59 Uhr MEZ Sojus-TM 13 mit dem Österreicher Franz Viehböck von der Rampe des ...

Gastkommentare

"Austromir - Reise in die Sowjet-Vergangenheit"
von Wolfgang Wagner
APA-Wissenschaftsredakteur und leitender Redakteur in der APA-Chronikredaktion
"Draußen ist drinnen. Indoor leben am Mond"
von Von Barbara Imhof und Rene Waclavicek
LIQUIFER Systems Group
"Weltraumtechnologien prägen unseren Alltag"
von Klaus Pseiner
Geschäftsführer der FFG und Vizevorsitzender des ESA-Rats

Hintergrundmeldungen

Franz Viehböck (l.), Jörg Leichtfried (m.) und der ehemalige Kosmonaut Alexei Archipowitsch Leonow (r.) © APA (Hochmuth)

Raumfahrer wollen Jugendlichen Lust aufs Erkunden machen

In Wien hat am Montag der 29. Planetary Congress des Internationalen ...
Heimische Analogforscher testen ein Notzelt in der nördlichen Sahara © APA/ÖWF/Katja Zanella-Kux

Üben fürs All - Österreich als kleine Analogforschungs-Großmacht

Der Fantasie und dem Erfindungsreichtum von Forschern sind ja bekanntlich kaum ...
Sieger der letzten Aufnahmerunde (v.l.): Luca Parmitano, Alexander Gerst, Andreas Mogensen, Samantha Cristoforetti, Timothy Peake und Thomas Pesquet © APA (AFP)

Astronautentraining: Der lange Weg ins All

Wer sorgt eigentlich für den Astronautennachwuchs in Europa? Zuständig dafür ...
Bakterielle Sporen auf Raumfahrt-relevanten Oberflächen © Christine Moissl-Eichinger

Med-Uni Graz im Netzwerk zur Erforschung von Leben auf Planeten

Mikroorganismen können Kälte, Hitze oder auch Trockenheit überleben - ...
"Audi lunar quattro" soll von Cape Canaveral starten © APA/PTS/Alex Adler

Österreicher wollen mit erstem privaten Fahrzeug auf den Mond

"Zuerst wurden wir als verrückte Jungs aus der Garage betrachtet", mittlerweile ...
Viehböck ist heute Geschäftsführer bei "Berndorf Band" © APA (Jäger)

Austromir - Franz Viehböck: Viel gelernt und mit der "Szene" verbunden

Mit dem sowjetischen Kosmonauten Alexander Wolkow und dem Kasachen Tachtar ...
Riedler (li.) auf einem Archivbild von 2007 © APA (Leodolter)

Austromir - Riedler: "Die Angst ist ein ständiger Begleiter"

Österreichs "Weltraumpapst" Willibald Riedler (84) war der wissenschaftlicher ...
Viehböck nach der Landung am 10. Oktober 1991 in Kasachstan © APA (Wagner)

Austromir - Die Chronologie eines Weltraumabenteuers

Schon lange her, aber bisher nicht wiederholt: Vor 25 Jahren - am 10. Oktober ...
Brennpunkt heimischer Wissenschaft im All © APA (NASA)

Austromir - 15 Experimente in der Mir-Raumstation

Der erste Flug eines Österreichers - von Franz Viehböck - ins All im Rahmen der ...
Transport der Sojus TM13-Rakete zur Startrampe in Baikonur © APA (Jäger)

Austromir - 100 Astronauten und Memorabilien zum 25-Jahr-Jubiläum

Vor 25 Jahren flog Franz Viehböck als erster Österreicher im Rahmen des ...

Mehr zum Thema