Gastkommentar

Thomas Liebig © Viola Lopes
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Dossier

"Österreichs Attraktivität für Talente im internationalen Vergleich"

Gastkommentar

01.08.2019
  • Paris (Gastkommentar) - Mit der Rot-Weiß-Rot-Karte hat Österreich vor einigen Jahren die Zuwanderung für Hochqualifizierte und Fachkräfte erleichtert; die jüngsten Reformen haben weitere Verbesserungen in den Rahmenbedingungen gebracht. Dennoch sind die Zahlen im Hinblick auf die Zuwanderung Hochqualifizierter ernüchternd - im Jahr 2018 wurden rund 1.670 Aufenthaltstitel "Rot-Weiß-Rot-Karte" erteilt. Es genügt offensichtlich nicht, nur "offen" für hochqualifizierte Zuwanderung zu sein. Gerade den besonders Hochqualifizierten stehen praktisch alle OECD-Länder mehr oder weniger offen, und der Wettbewerb verschärft sich zunehmend.

  • Welche Faktoren jenseits der gesetzlichen Rahmenbedingungen beeinflussen die Attraktivität eines Landes, und wie schneidet Österreich hierbei ab? Die OECD hat anhand eines Sets von Indikatoren die Attraktivität ihrer Mitgliedsländer für drei unterschiedliche Gruppen von Talenten untersucht: Arbeitsmigranten mit Masterabschluss, Unternehmer und internationale Studenten. Berücksichtigt wurden insgesamt sieben Dimensionen: Qualität der beruflichen Chancen, Einkommen und Steuern, Zukunftsaussichten, Möglichkeiten für Familienmitglieder, Kompetenzumfeld, Diversität und Lebensqualität. Auch die Einreise- und Aufenthaltsbedingungen für Hochqualifizierte wurden beleuchtet. Zusätzliche Untersuchungskriterien waren die Umsetzung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, etwa die Verfahrensdauer und weitere administrative Hürden. Erstellt wurde die Studie mit Unterstützung der Bertelsmann Stiftung.

  • Die Ergebnisse sind im Gesamtbild für Österreich relativ ernüchternd, das Land findet sich im Mittelfeld der OECD-Länder wieder: Unter den 35 untersuchten OECD-Ländern liegt Österreich bei Fachkräften mit Masterabschluss auf Platz 14, bei internationalen Studenten sogar nur auf Platz 20. Überraschend ist, dass Österreich trotz des kostengünstigen Studiums bei internationalen Studenten nur im unteren Mittelfeld klassiert. Hier fallen die eingeschränkten Möglichkeiten für Partner, in Österreich zu arbeiten, ebenso ins Gewicht wie die Tatsache, dass Österreichs Universitäten nur selten auf den vorderen Plätzen in internationalen Rankings anzutreffen sind. Bei den hochqualifizierten Fachkräften sind es unter anderem die - um das Preisniveau und Steuern bereinigten - bescheidenen Gehaltsaussichten, welche das ernüchternde Abschneiden Österreichs bestimmen. Auch die im internationalen Vergleich guten Arbeitsmarktbedingungen können dies nicht kompensieren. Lediglich für Unternehmensgründer schneidet Österreich mit Rang 13 etwas besser ab, aber auch hier ist das Land noch deutlich von der Spitzengruppe entfernt.

  • Betrachtet man die einzelnen Dimensionen genauer, fällt auf, dass Österreich vor allem bei der Familienumgebung für hochqualifizierte Fachkräfte gut abschneidet. Dies ist ein wichtiger Pluspunkt, da - wie verschiedene Studien zeigen - die Möglichkeiten für die Familie nicht nur ein wichtiger Faktor für die Attraktivität sind, sondern auch dafür, dass Hochqualifizierte mit Familie sich langfristig niederlassen und das Land nicht nach einigen Jahren wieder verlassen.

  • Im Hinblick auf den internationalen Wettbewerb um Talente werden "weiche" Faktoren jenseits der gesetzlichen Rahmenbedingungen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Entscheidend wird für Österreich dabei sein, auf die Stärken zu setzen. Hierzu zählen insbesondere die vergleichsweise guten Bedingungen für die Familie von hochqualifizierten Fachkräften (wenn auch nicht von Studenten). Darüber hinaus gilt es, insgesamt stärker auf den Radarschirm für Talente zu gelangen.

  • Weitere Informationen: https://www.oecd.org/migration/talent-attractiveness/

Zur Person

Thomas Liebig, Leitender Ökonom, Abteilung für Internationale Migration, OECD

Dr. Thomas Liebig ist leitender Ökonom in der Abteilung Internationale Migration der OECD in Paris. Seit seinem Eintritt in die Abteilung im Jahr 2004 ist er insbesondere für die Forschung zur Integration von Einwanderern und ihren Kindern sowie für die Migrationsbeobachtung in den deutschsprachigen Ländern verantwortlich. Unter anderem leitete er vertiefte Länderstudien zur Arbeitsmarktintegration in 14 OECD-Ländern (darunter Österreich) sowie internationale vergleichende Arbeiten zur Integration von Kindern von Einwanderern, zur Integration von Flüchtlingen, zu den sozioökonomischen Auswirkungen der Einbürgerung, zur Diskriminierung von Migranten, über die Auswirkungen der freien Mobilität auf den Arbeitsmarkt und die fiskalischen Auswirkungen der Zuwanderung. Darüber hinaus ist er für die gemeinsamen EU-OECD Indikatoren für die Integration von Zuwanderern und deren Kindern verantwortlich sowie für die Reihe "Erfolgreiche Integration". Zudem war er Autor von Studien zur Steuerung von Arbeitsmigration in Deutschland, Österreich, Neuseeland und Kanada. Er ist derzeit auch Leiter eines OECD-weiten Projekts, das darauf abzielt, gute Praktiken zu identifizieren, um Vielfalt für Unternehmen und Gesellschaft als Ganzes optimal zu nutzen. Im Februar 2019 wurde er von der deutschen Bundesregierung in die Fachkommission «Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit» berufen. Der Deutsche hat einen Doktortitel (Promotion zum Thema "Der Internationale Wettbewerb um hochqualifizierte Arbeitnehmer") und einen Master in Wirtschaftswissenschaften der Universität St. Gallen (Schweiz). Er hat ebenfalls einen MSc in Internationalen Beziehungen und, nach Studien an der ESADE (Barcelona, Spanien), einen CEMS Master in International Management. Vor seinem Eintritt in die Abteilung für Internationale Migration arbeitete er von 2001 bis 2004 für die volkswirtschaftlichen Abteilung der OECD und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitswirtschaft und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen. Zahlreiche Publikationen und Vorträge zu Migrations- und Integrationsthemen.

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