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Im größten heimischen Urwald suchen Forscher nach Antworten © Wildnisgebiet Dürrnstein (Hans Glader)
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Österreichs größter Urwald als wissenschaftliche Herausforderung

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23.05.2013
  • Von Nikolaus Täuber / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - In den Niederösterreichischen Kalkalpen liegt einer der größten Urwälder Mitteleuropas - der "Rothwald". Eingebettet in das 3.500 Hektar große "Wildnisgebiet Dürrenstein" konnten etwa 500 Hektar Buchenwald in ihrem ursprünglichen Zustand bis heute erhalten werden. Seit dem Zurückweichen der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit wurde dieses Waldstück nämlich nie forstwirtschaftlich genutzt. Im Jahr 2003 wurde das gesamte Gebiet daher als erstes und bisher auch einziges Wildnisgebiet Österreichs der Kategorie I nach den Kriterien der Weltnaturschutzorganisation IUCN anerkannt. Diese besondere Situation macht Österreichs größten Naturwald auch zu einem interessanten "Forschungsobjekt", dem sich aber auch die Wissenschaft nur mit großer Vorsicht und Sorgfalt annähert.

  • In einem Wildnisgebiet dieser Kategorie steht der Naturschutz sogar noch stärker im Mittelpunkt, als in einem Nationalpark. Einerseits greife man noch viel weniger in die natürlichen Prozesse ein und andererseits gibt es im Wildnisgebiet "deutlich weniger Tourismus", wie der Gesamtverantwortliche für die Schutzgebietsverwaltung, Christoph Leditznig, gegenüber APA-Science erklärte. "Wir haben einen Bildungsauftrag, den wir sehr ernst nehmen, aber keinen Auftrag zur Regionalentwicklung, der darauf abzielt, möglichst viele Leute anzuziehen", so der Forsttechniker und Wildbiologe. An den etwa 100 geführten Wanderungen, in denen auch einen Abstecher in den Urwald inbegriffen ist, dürfen pro Jahr lediglich rund 1.500 Personen teilnehmen, auf den markierten Wegen des Wildnisgebiets wandern alljährlich nur etwa 5.000 bis 7.000 Besucher.

  • Was kommt nach der Lawine?

  • Die wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich darauf, einerseits zu erfassen, welche Tier- und Pflanzenarten dort leben und andererseits in Langzeitmonitorings zu beobachten, wie sich etwa die Bestände von Kleinsäugetieren entwickeln. Im Jahr 2009 hat eine große Lawine ein riesige Schneise in den Wald geschlagen. In einem eigenen Monitoring-Projekt überprüfen Wissenschafter, wie sich diese Bereiche seither entwickeln und regenerieren. Bereits vor zehn Jahren gab es auch eine groß angelegte Bestandsaufnahme der Spechtpopulationen, die jetzt wiederholt wird.

  • "Dadurch, dass seit der letzten Eiszeit keine Eingriffe mehr erfolgt sind, ist der Rothwald eine sogenannte 'Nullfläche'. Dazu kommt, dass wir hier eine relativ große Fläche haben", erklärt Leditznig. Für die Forstwissenschaft sei das sehr interessant, da man anhand des Rothwaldes herausfinden könne, wie sich Wälder ohne Einfluss des Menschen tatsächlich entwickeln und wie dort die Verbreitung der Samen von Statten geht. Auch der Einfluss der Pilzgewächse auf die gesamte Waldynamik werde in der Wissenschaft zunehmend berücksichtigt und ließe sich in weitgehend intakten Systemen wie Naturwäldern besonders gut studieren.

  • Mehr als 1.000 Jahre im Ökosystem

  • Das liege daran, dass dem Wald keine Biomasse durch die Forstwirtschaft entzogen wird. "Im Wildnisgebiet kann eine Tanne beispielsweise bis zu 1.000 Jahre stehen, im Schnitt sind es 600 bis 700 Jahre. Bis sie zusammenbricht steht sie dann laut Untersuchungen noch etwa 100 Jahre und dann dauert es nochmals 200 bis 300 Jahre, bis der Baum zu Humus wird. Er ist also 1.000 bis 1.500 Jahre im Ökosystem", so Leditznig. Das sei etwa zehnmal länger, als in bewirtschafteten Wäldern in ähnlicher Lage. Wie effizient das Ökosystem mt seinen Ressourcen umgeht, hätten etwa Untersuchungen zum Nährstoffhaushalt des Rothwaldes gezeigt. Dabei zeigte sich, dass fast alles im Urwald erhalten bleibt und kaum Mineralstoffe ausgewaschen werden.

  • In punkto Artenvielfalt habe das Gebiet auch einiges zu bieten. Dafür, dass sich große Säugetierarten, wie Bären dort halten könnten, sei der Wald zwar zu klein, viele Insekten- oder Pilzarten wurden hier aber erstmals nachgewiesen. "Im kleinen Bereich findet man bei uns Arten, die es sonst nirgends gibt", erklärt der Wildbiologe.

  • "Nichts tun" als oberste Maxime

  • Um diesen Status-Quo zu erhalten, müsse man vor allem "nichts tun", so Leditznig. Das gelte auch für die Forschung. "Unser Grundsatz ist: Forschung nur dann, wenn es woanders nicht geht, man also auf diese Nullfläche angewiesen ist." Gerade bei Urwäldern müsse man sehr aufpassen, da auch wissenschaftliche Eingriffe in kleinem Maße das System, das man beobachtet, verändern können. Will man als Forscher im Rothwald aktiv werden, muss man das Forschungskonzept einreichen, das dann von einem der fachgebietsspezifischen wissenschaftlichen Beiräte geprüft wird. Passt das Vorhaben in das Konzept des Wildnisgebiets und sind keine nachhaltigen negativen Auswirkungen absehbar, folge die Genehmigung.

  • Service: Das "Wildnisgebiet Dürrenstein" im Internet: www.wildnisgebiet.at.

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