Gastkommentar

Giulio Superti-Furga © Andreas Fitzner
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Dossier

"Partizipation und genetische Alphabetisierung"

Gastkommentar

01.08.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Der österreichischen Bevölkerung wird eine gewisse Wissenschaftsskepsis nachgesagt. Diese betrifft nicht nur, aber auch die Genetik. Oft handelt es sich um einen emotional geleiteten, aber wenig informierten Zugang, der für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema jedoch unbedingt nötig wäre.

  • Der Mangel an Information und Verständnis ist nicht zuletzt den Wissenschaftstreibenden selbst zuzuschreiben - es fehlt oft an klarer und auch dem Laien verständlicher Kommunikation ihrer Forschung. Natürlich macht es die immer komplexer und spezifischer werdende Forschungslandschaft nicht leicht, die eigene Arbeit auf einfache Begrifflichkeiten herunter zu brechen. Doch gerade dann müssen die Anstrengungen vervielfacht werden, um der Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, die Fortschritte der Wissenschaft nachzuvollziehen. Forscher und Forscherinnen müssen öfter aus ihren Labors und Fachkonferenzen heraustreten, auf die Menschen zugehen und sie an ihrer Arbeit teilhaben lassen.

  • Partizipation ist das Stichwort, denn Mitmachen weckt Interesse. Genau dieses Ziel verfolgt auch Genom Austria, ein Bildungs- und Wissenschaftsprojekt des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Medizinischen Universität Wien unter dem Ehrenschutz von Margit Fischer. Freiwillige aus Österreich werden dazu eingeladen, ihr Genom sequenzieren zu lassen und die Daten im Internet zu veröffentlichen. So soll ein breiter, öffentlicher Dialog über die vielfältigen gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Aspekte der Genomsequenzierung initiiert werden, der mit der raschen Entwicklung der neuen Technologie schritthält.

  • Ein solcher "hands-on"-Ansatz bietet auch die ideale Grundlage für die Wissensvermittlung: Wer einen Bezug zu seinem eigenen Leben, dem eigenen Körper und den eigenen Genen herstellen kann, ist viel eher dazu bereit, sich mit der komplizierten Funktionsweise seines Genoms zu beschäftigen. Eine solche "genetische Alphabetisierung" ist unerlässlich, um sich rechtzeitig und proaktiv mit den vielfältigen biologischen, medizinischen, philosophischen, ethischen, juristischen und sozialen Aspekten der Genomsequenzierung auseinanderzusetzen.

  • Und der Erfolg gibt uns recht: Obwohl die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel derzeit nur etwa zehn sequenzierte Genome pro Jahr zulassen, haben sich bereits weit über 800 Freiwillige über die Homepage www.genomaustria.at angemeldet. Der große Andrang zeigt wohl auch, dass Österreich nicht per se wissenschaftsskeptisch ist. Vielleicht braucht es einfach mehr Gelegenheiten, sich an aktuellen Forschungsthemen zu beteiligen.

Zur Person

Giulio Superti-Furga, Wissenschaftlicher Direktor des CeMM Forschungszentrums für Molekulare Medizin der ÖAW

Prof. Dr. Giulio Superti-Furga, geboren 1962 in Mailand, ist Molekularbiologe und seit 2005 der wissenschaftliche Direktor des CeMM Forschungszentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen größten wissenschaftlichen Erfolgen zählen die Aufklärung grundlegender regulatorischer Mechanismen bei Krebserkrankungen, die Entdeckung der organisatorischen Prinzipien des Proteoms höherer Organismen, sowie die Charakterisierung der molekularen Bestandteile, welche eine Rolle in der angeborenen Immunität spielen. Prof. Superti-Furga ist der erste freiwillige Teilnehmer von Genom Austria, das 2014 von CeMM und MedUni Wien als Wissenschafts-, Kultur- und Bildungsprojekt gelauncht wurde. Sein Genom ist auf www.genomaustria.at einsehbar.

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