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Gabriele Költringer, Geschäftsführerin der FH Technikum Wien © Felix Büchele FHTW
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Per Crowd zum FH-Studium

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01.08.2019
  • Wien (APA-Science) - FH-Absolventen sind begehrte Fachkräfte. Der Ausbau von Studienplätzen durch den Bund geht vielen Fachhochschulen jedoch zu langsam. An der FH Technikum Wien geht man daher neue Wege.

  • 2018 mussten an der Fachhochschule (FH) Technikum Wien trotz positiver Aufnahmetests rund 1.000 Bewerberinnen und Bewerber aus Platzmangel abgewiesen werden. Deshalb, und weil der Bund heuer keine zusätzlichen Plätze finanziert, hat die FH Technikum Wien im Mai eine Crowdfunding-Kampagne für zusätzliche Anfänger-Studienplätze im Studienjahr 2019/20 gestartet.

  • Vorerst sollen durch Spenden ab zehn Euro zusätzliche Plätze in den Studiengängen Mechatronik/Robotik, Urbane Erneuerbare Energietechnologien, Wirtschaftsinformatik sowie Informations- und Kommunikationssysteme geschaffen werden. Ein Studienplatz kostet dabei entsprechend den vorgegebenen Normkosten 8.850 Euro pro Jahr - hochgerechnet auf ein dreijähriges Bachelorstudium sind dies 26.550 Euro. Die Zielgruppe der Kampagne sind vor allem erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen der FH Technikum Wien. Darüber hinaus haben bereits Unternehmen wie etwa Siemens, Kapsch und Schrack zugesagt, Plätze zu finanzieren.

  • Angepeilt ist zunächst die Finanzierung von zehn Studienplätzen auf drei Jahre. Dafür wären rund 265.000 Euro nötig. Der Ausgang der Aktion stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest, knapp ein Monat nach dem Start verwies FH Technikum-Geschäftsführerin Gabriele Költringer gegenüber APA-Science auf ein "ausgesprochen positives Feedback, vor allem von unseren eigenen Alumni, Studierenden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern." Viele weitere Unternehmen würden sich melden und seien interessiert, die Initiative zu unterstützen. "Erstaunlich sind immer wieder auch ganz allgemeine Nachfragen über die Finanzierung des FH-Sektors und den stockenden Ausbau. Diese Themen sind bisher nicht wirklich Teil der öffentlichen Diskussion und wir freuen uns, wenn wir ein kleines bisschen dazu beitragen, das zu ändern."

  • Diskrepanz aufzeigen

  • Költringer sieht die Kampagne auch als Vehikel, um die Diskrepanz zwischen dem Angebot an Studienplätzen im technischen Bereich und der Nachfrage aufzuzeigen. Auf der einen Seite sei der Fachkräftemangel in der Technik so groß wie nie zuvor, andererseits habe der Bund ausgerechnet jetzt die Finanzierung neuer Studienplätze ausgesetzt und auch für 2020 österreichweit nur 330 ausgeschrieben. Geht es nach Költringer, wird es nicht bei dieser einen Kampagne bleiben: "Wir hatten von Anfang an nicht vor, nach ein paar Monaten wieder aufzuhören. Das langfristige Ziel bleibt, in Zukunft einen kleinen Teil unserer Studienplätze über Unternehmen und Crowd zu finanzieren. Der Großteil der Finanzierung bleibt beim Staat, schließlich sehen wir die Hochschulfinanzierung weiterhin als eine Kernaufgabe des Staates."

  • FHK begrüßt Aktion

  • Seitens der Fachhochschulkonferenz (FHK) wird die Aktion grundsätzlich positiv gesehen. "Wenn die öffentliche Hand zu wenig in Fachhochschulbildung investiert, dann ist es logisch und auch sehr zu begrüßen, dass die Fachhochschulen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Leider aber ist das Ergebnis einer Crowdfunding- Kampagne nicht vorhersehbar und daher auch mehr als ein Signal an die verantwortliche Politik zu verstehen, sich nicht aus der Verantwortung zu stehlen und endlich zu handeln", erklärte FHK-Präsident Kurt Koleznik auf Anfrage von APA-Science.

  • Die Kluft zwischen dem Angebot an Studienplätzen im technischen Bereich und der Nachfrage sei nicht zu knapp: "16.500 offene Stellen aus dem MINT-Bereich sind sofort zu besetzen. Wenn wir heute mit der Ausbildung beginnen, dann stehen frühestens in drei Jahren die Absolventinnen und Absolventen für den Arbeitsmarkt zur Verfügung. In diesem Sinne muss umgehend auf die Versäumnisse der Politik reagiert werden. Es muss sofort ein Ausbauplan her, damit man eine ernsthafte Katastrophe am Arbeitsmarkt verhindern kann." Die Lösung, so Koleznik, sei einfach. "Die Fachhochschulkonferenz mahnt und fordert schon lange Zeit einen weiteren Ausbau in der Höhe von mindestens 1.000 Studienplätzen pro Jahr ein."

  • SERVICE: FH-Entwicklungsplan

  • Laut dem aktuellen Fachhochschulentwicklungs- und Finanzierungsplan wird die Zahl der Studierenden an Fachhochschulen (FH) von derzeit 52.560 auf 57.000 im Studienjahr 2022/23 steigen. Das im Jänner 2019 beschlossene Strategiepapier hält die Zahl der Studienplätze, ihren Ausbaupfad und die Finanzierung fest. Der vorige Entwicklungsplan war bereits Ende Juni 2018 ausgelaufen. Für das laufende Studienjahr 2018/19 wurden als Vorgriff ohne dahinterstehenden Plan noch 450 neue Anfänger-Studienplätze beschlossen.

  • Der nunmehrige Plan sieht für 2019/20 zunächst keinen weiteren Ausbau von Anfänger-Studienplätzen vor. Erst 2020/21 und 2021/22 kommen jeweils 330 bzw. 2022/23 340 neue Anfänger- Plätze dazu. Der wesentlich stärkere Anstieg der Gesamt-Studienplätze ergibt sich daraus, dass in einem Studium nach der Einrichtung von neuen Anfänger-Studienplätzen im Jahr darauf auch Studienplätze im zweiten Studienjahr dazukommen usw.

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